Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228084--51208-3274060- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«fr tonnen, welch tiefen und nachhaltige» Eindruck erst die Feier der großen Feste auf unsere Jugend ausüben würde. Denn die Thora ist ein Erbgut der ganzen Gemeinde Israels, vor Allem aber unserer Jugend, die einmal dazu berufen sein wird, dieses Erbe künftigen Generationen unversehrt zu überliefern. & Are Woche. 3. Unter den einzelnen Arten der Verbrechen überwiegen die Juden nur bei den vorwiegend von Kaufleuten begangenen Delikten, stehen dagegen sehr günstig bei allen schweren Vergehen gegen das Leben, bei Diebstahl, Hehlerei und den schweren Sittlichkeitsvergehen. 4. Die von Juden stärker als dem Prozentsatz entsprechend begangenen Verbrechen resp. Vergehen sind die vorwiegend mit Geld oder nicht sehr schweren Gefängnißstrafen belegten Delikte. 5. Die galizischen Juden stehen also in ihrer Kriminalität günstiger da als die christliche Bevölkerung Galiziens, wie sich dies in den Ziffern der Kriminalstatistik ausdrückt. Aber sie stehen auch nicht schlechter da, als die Juden der österreichischen Monarchie überhaupt. D Berlin, 24. Oktober. (9 ^er der verschiedenen antisemitischen Nicht u n g e n sind nicht alle Antisemiten einverstanden. Die Leiter der „Täglicher! Rundschau" mit) der „Dresdner- Nachrichten", die doch wahrlich waschechte Antisemiten, sind sogar entschieden dagegen. Das letztere Blatt schreibt darüber: „Das ist der Fluch jedes Radikalismus, daß er nicht innehalten kann, sondern fortzeugend in geometrischer Progression wächst, bis er endlich die Grenze erreicht hat, an der die Macht der Thatsachen ihn zerschellt. Aber welchen Schaden kann bis dahin das Gemeinwohl nehmen! In wie ausgedehntem Maße wird der Boden für das weitere Wachsthum der Sozialdemokratie vorbereitet werden, wenn nun der antisemitische Radikalismus geschloffen zu arbeiten anfängt und seinen vereinigten Verdauungsschleim für die Partei des Umsturzes wirken läßt! Die Radikalisirung des reinen Antisemitismus, die von allen Einsichtigen längst vorhergesehen wurde, ist nunmehr auch äußerlich eine vollzogene Thatsache, die sicher nicht dazu dient, den Antisemitismus selbst lebensfähiger zu machen." * lieber den gegenwärtigen Stand der antisemitischen Belvegung in Ober Hessen schreibt der amtliche „Gießener Anzeiger" :; „Im Laufe des nun zu Ende gegangenen Sommers hat sich zwar langsam, aber stetig, eine Wandlung in unserer Landbevölkerung vollzogen, die mit Freuden begrüßt werden kann, nämlich: Der Antisemitismus, oder für unsere speziellen Verhältnisse richtiger, der Böckelismus ist kleiner und kleiner geworden und befindet sich deutlich im Zustande der Agonie. Schon im vorigen Jahre betonte der „Gießener Anzeiger" häufig, daß die wüste Agitation der Böckelschen Blätter die Leute wohl aufhetzen könnte, aber einen dauernden Erfolg niemals erzielen würde- Unsere Landleute hören es nämlich recht gern, wenn ein wenig über Regierung, Verwaltung, Beamte, Geistliche und Lehrer geschimpft wird^. Folgen diesen Hetzereien und Großsprechereien aber keine entsprechenden Leistungen — wie wir es seit einigen Jahren deutlich zu beobachten Gelegenheit halten — dann gehen selbst den einfachsten Leuten die Augen auf und sie gewinnen die Ueberzeugung, daß es besser ist, langsam im Guten fortzuschreiteu, als sich von unfähigen „Krischern" durcheinander bringen zu lassen. Zwar ist der Antisemitismus noch nicht ganz beseitigt, und er wird wohl auch noch da und dort etwas von sich hören lassen. Aber seinen Höhepunkt hat er längst überschritten, und besonderen Schadep wird er hoffentlich nicht mehr anrichten." Aehnliches wird auch nach dem Abgang von Dr. Vogel über den Rückgang des Antisemitismus in Baden berichtet. * Die Juden in der ö st e r r e i ch i s ch e n S t r a f r e ch t s p s l e g e behandelt ein interessanter Artikel in den „Mittheilungen zur Abwehr des Antisemitismus". Wir entnehmen demselben folgende wichtige Schlußfolgerungen: 1. Der Prozentsatz der überhaupt wegen Verbrechen bestraften Juden bleibt unter dem Durchschnitt, der ihnen nach ihrer Seelenzahl zufallen würde. 2. Der Prozentsatz der jüdischen Vergehen ist in dem Jahrzehnt 1880/90 in ständigem Rückgang. Deshalb ist es verkehrt, wenn irgendwo ein Theil unsererGlanbensgenossen besonders scharf angegriffen wird, diesem die Schuld selbst beizumessen. Man glaubte allgemein, daß die hessischen Juden schlechter seien als die anderen deutschen Israeliten, weil der Antisemitismus in Hessen zuerst Boden faßte. Sorgfältige, auch an der Stelle veröffentlichte Untersuchungen haben festgestellt, daß diese schlechte Meinung nur auf Unkenntniß der thatsächlichen Verhältnisse beruhte. Dasselbe gilt mm auch von den galizischen Juden. Antisemitische Beleidigungen. Von einem praktischen Juristen. f ürst Bismarck sagte einmal (Reichstagssitzung vom 9. Februar 1876, stenographische Berichte, Seite 1334): „Ich wiederhole, daß ich jeden Strafantrag stellen werde, wo ich mich beleidigt fühle, weil ich nur durch dieses Mittel von meiner Seite zum Erziehen des guten Tons in der Presse beitragen kann." Die Ehre kann Niemandem genommen werde», allein um diese innere Ehre handelt es sich auch nicht im Strafgesetzbuch. Ehre — sagt Professor Dr. v. Liszt — bedeutet das Interesse des Einzelnen, seiner Lebensführung gemäß geachtet zu werden. Mag daher der Einzelne aus einer gewisien Vornehmheit heraus Anträge wegen Verletzung seiner Ehre zu stellen unterlassen; unrichtig ist es aber, wenn eine große Gesammtheit denjenigen Angriffen auf die Ehre ihrer einzelnen Angehörigen thatlos gegenüber steht, weil doch die Ehre Niemandem enommen werden könnte. Die Gesammtheit als solche hat — man möchte sagen — eine Berufspflicht, auf die Integrität ihrer Ehre zu sehen. Denn das, was straflos verbreitet wird, glaubt man, und das allgemeine Niveau der Schätzung sinkt. Die Gesammtheit ist es stich, ihrer Stellung nach außen hin, ihrer Zukunft schuldig, keine Beleidigung ihrer Angehörigen gerade mit Beziehung ihrer Zugehörigkeit zur Gesammtheit ungeahndet zu taffen. Wenn vom Reichskanzler gesagt wird, er spreche wie ein Schornsteinfeger, so verliert der Reichskanzler in Wirklichkeit nichts von seiner Ehre. Das Gesetz verbietet aber diesen Ausdruck der Mißachtung. Wenn behauptet wird, daß das gesammte Judenvolk den Wucherern im Hannoverschen Spielerprozeß vergleichbar sei, so wird dem einzelnen Juden damit nicht seine Ehre genommen. Der einzelne Jude, sowie die etwa bestehende Vertretung der Gesammtheit der Juden hat aber ein Jntereffe daran, dem Verbreiter derartiger Vergleiche nahe zu legen, daß das deutsche Strafgesetzbuch auch für Juden Geltung hat. Wenn man sich von dem vielfach bestehenden falschen Glauben losmacht, daß nur Rachsucht die Triebfeder einer Strafanzeige sein könne, sondern wenn man daran denkt, daß die Wahrung seiner Stellung nach außen hin die Verfolgung jeglicher Verletzung seiner