Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-19 · Heft 42 (19.10.1894) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 42 (19.10.1894)
Date
1894-10-19
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228083--51204-3274055
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Oesterreich Ungarn. D Wien, 14. Oktober. Bei dem Delegationsdiner in Budapest dankte der Delegirte, Prof. Sueß, für die erhebenden Worte, welche der Kaiser in Balasfa-Gyarmat an die Vertreter der Judengemeinde gerichtet hat, worauf der Monarch in gnädigster Weise das Gespräch noch längere Zeit fortsetzte. — Die Berufung des Pfarrers von Weinhaus, Dr. Josef Deckert, gegen das Urtheil des Bezirksgerichts Alsergrund wegen Verleitung von Schulkindern zur unbefugten Kolportage, wurde vom Appellgericht als unbegründet abgewiesen. — Unter den im verflossenen Monate aus Oesterreich behördlich ausgewiesenen 58 Ausländern befindet sich der Schriftsteller Paulus Meyer, der am 13. v. M., nach verbüßter achtmonatlicher schwerer Kerkerstrafe, nach Rußland abgeschoben wurde, der brave Genosse des braven Pfarrers von Weinhaus. — Der Antisemit, Sattlermeister Carl Cizek, wurde Samstag Nachts verhaftet und dem Landesgericht eingeliefert, weil er nicht allein aus dem Arsenal gestohlene Gegenstände gekauft, sondern auch die Arbeiter zu den Diebstählen verleitet hat. — Dr. Friedrich Elbogen veröffentlicht in hiesigen Blättern eine Zuschrift des Inhalts, daß er den Antisemitenführer Dr. Geßmann, der ihn in antisemitischen Blättern an Stelle einer sachlichen Polemik mit einer Fluth von Schmähungen und Beschimpfungen überhäuft, gefordert habe. Die beiden Zeugen des Dr. Elbogen begaben sich zu Dr. Geßmann, trugen ihm ihr Anliegen vor und verlangten, er möge ihnen zwei Herren namhaft machen, mit denen sie zum Zwecke der weiteren Auseinandersetzung sich in Verbindung zu setzen hätten. Dr. Geßmann erklärte den Zeugen, es stehe Elbogen frei, sich auf geeignetem Wege Satisfaktion zu verschaffen, worauf die beiden Herren ihm bedeuteten, sie setzten voraus,! daß er die geforderte Genugthuung in der Weise gebe, wie dies unter Gentlemen allein üblich sei. Dr. Geßmann erwiederte hierauf: „Ich werde meine diesbezüglichen Schritte machen und die Herren hiervon verständigen." Am andern Tage erhielten die Herren, ein rekommandirtes Schreiben, in welchem ihnen Dr. Geßmann eröffnet, „daß er das Duell prinzipiell ablehne, da er diese Art der Austragung von Ehrensachen für ebenso lächerlich halte, als sie seiner religiösen Ueberzeugung als Katholik widerspreche." Angesichts dieses Vorgangs seitens des Herrn Geßmann verzichtete Dr. Elbogen darauf, sich in irgend einer andern Form Genugthuung zu verschaffen. — Dem Lehrer an der städtischen Volksschule im zweiten Bezirke, Salomon Kulka, wurde für die erfolgreiche Thätigkeit und die erzielten sehr günstigen Unterrichtserfolge die besondere Anerkennung mittelst Belobungsdekretes vom Bezirksschulrath der Stadt Wien ausgedrückt. — Dem Betriebsingenierrr Jakob Fassei wurde der Orden der eisernen Krone 3. Klasse verliehen. — Zum Oberarzte in der Armee wurden ernannt Dr. Gustav Pollack, Dr. Theodor Taussig u. A. m. — Am 3. d. M. starb hier Frau Emilie Singer, geb. Baumgarten, im 56. Lebensjahre, eine sehr wohlthätige Frau. Schon zu Lebzeiten stellte sie sich überall dort ein, wo es Kummer und Roth zu lindern gab; und so traf sie auch vor ihrem Tode Verfügungen, welche ihren Edelsinn im hellsten Licht zeigen. Als man nämlich ihr Testament öffnete, fand sich, daß sie den größten Theil ihres Vermögens wohlthätigen Zwecken gewidmet und in dieser Beziehung genau nach dem Beispiele ihres vor acht Jahren in Budapest verstorbenen Vaters Ignaz Baumgarten gehandelt hatte, der ebenfalls als Wohlthäter weit und breit bekannt war. Frau Emilie Singer hat in ihrem Testament folgende Legate festgesetzt: Für ein zu gründendes israelitisches Kinderhospital in Wien 60,000 fl, für das israelitische Waisenhaus 25,000 fl., für das israelitische Altersversorgungshaus 30,000 fl., für das israelitische Blindeninstitut und das allgemeine österreichische israelitische Taubstummeninstitut je 10,000 fl., für das israelitische Spital 10,000 fl., für das israelitische Knaben Waisenhaus, den israelitischen Mädchenunterstützungsverein und den Theresienkreuzerverein je 5000 fl., für die Erste Suppen- und Theeanstalt 1000 fl, für den ungarischen israelitischen Handwerkerverein in Budapest 10,000 fl, für die Wiener freiwillige Rettungsgesellschaft 20,000 fl u. A. m. Jnsgesammt hat die Verblichene 210,000 fl. für wohlthätige Zwecke legirt. Im Testament erklärt die Heimgegangene, daß sie keinen Unterschied der Konfession bei Wohlthätigkeitsakten gekannt hat, daß sie aber mit Rücksicht auf die die jüdischen Armen hart bedrückende antisemitische Strömung nun doch jüdische Wohlthätigkeitsinstitute mehr berücksichtigen mußte. S Budapest, 14. Oktober. Der Jahresbericht der Land es - Rabbinerschule in Budapest für das Jahr 1893—94, mit welchem diese Schule das siebzehnte Jahr ihres Bestandes beendigt hat, ist eben erschienen. Die Rabbinerprüfungen wurden im Juni 1893 von den Herren Dr. Moritz Feuerlicht, Dr. Bela Kriszbaber, und im Februar 1894 von den Herren DDr. David Friedmann, Simon Händler, Samuel Krauß, Emanuel Lenke, Franz Löwy, Armin Mandel, Max Pollak, Mathias I. Rubinstein und Jakob Singer mit Erfolg abgelegt. Von den ehemaligen Schülern der Anstalt wurden Dr. Simon Händler in Kaschau, Dr. Emanuel Lenke in Ungarisch-Ostrau (Mähren), Dr. Franz Löwy in Nagy-Atäd, Dr. Max Pollak in Sopron und Dr. Jakob Singer in Tapolcza, Dr. Anton Rudolfer in Also-Lendwa zum Rabbiner gewählt Dr. Samuel Krauß wurde zum Professorstellverlreter für Bibel und hebräische Sprache an der Landes-Lehrerbildungsanstalt, Dr. Moritz Feuerlicht zum Religionsprofessor der Pester israelitischen Gemeinde, Dr. Adolf Büchler zum Professor an der isr. theologischen Lehranstalt in Wien, Dr. Martin Schreiner, früher Professor für hebräische Sprache und Bibel an der Landes-Lehrerpräparandie in Budapest, zum Docenten an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin und Dr. Jakob Spira, früher Rabbiner in Bisenz, zum Rabbiner in Mährisch- Ostrau berufen. Mehrere Hörer aus den höheren Jahrgängen der oberen Abtheilung wurden im abgelaufenen Schuljahre mit dem Religionsunterrichte an einzelnen hauptstädtischen Volks- und Mittelschulen betraut, und zu den Feiertagen und sonstigen Anlässen zur Abhaltung von Predigten und Gelegenheitsreden von mehreren vaterländischen Religions- Gemeinden berufen. Die Regierung sowie mehrere Behörden haben sich auch im abgelaufenen Schuljahr in religionsgesetzlichen Fragen an das Professoren-Kollegium der Anstalt um Gutachten gewendet. Auf die zu Ende des Schuljahres 1892/93 gestellte Preisaufgabe: „David Kimchi als Grammatiker und. Exeget" lief blos eine Arbeit ein, welcher der Preis nicht so sehr als Anerkennung des wissenschaftlichen Werthes der Arbeit, als vielmehr behufs Aneiferung zu weiterer Arbeit ertheilt, jedoch dem Verfasser zugleich gerathen wurde, seine Schrift vor eventueller Veröffentlichung einer gründlichen Umarbeitung zu unterziehen. Als Verfasser der mit dem Preis gekrönten Arbeit ergab sich der Hörer im II. Jahrgang der oberen Abtheilung Julius Welles. Auf die am Ende des vorigen Schuljahres ausgeschriebene Preisarbeit: „Ueber den Einfluß des Willens und der Absicht auf die verschiedenartigen Handlungen und Unterlassungen, welche die mosaische Religion als Gebote oder Verbote aufstellt", ist^keine Arbeit eingelausen. Die Preisfrage ist von Neuem ausgeschrieben worden. Die Arbeit ist in hebräischer und ungarischer Sprache abzufassen. Ferner ist für das Schuljahr 1894 95 folgende Preisarbeit gestellt worden: „Redaktion und Verfasser des Machsor- Vitry". Die Anstalt wurde in der oberen Abtheilung (5 Jahrgänge) von 34, in der unteren (5 Klassen) von 66 Hörern frequentirt. Der Kultusminister bewilligte 1500 fl. zur Unterstützung der Frequentanten, außerdem aus der Kasse des Ez-Chaim Vereines zu gleichem Zwecke und zu Stipendien mehr als 2000 fl. verwendet. Dem Berichte geht eine Arbeit des Herrn Professors Dr. Ludwig Blau „Zur Einleitung in die heilige Schrift" voraus. B. Budapest, 12. Oktober. Im Magnatenhaus, welches in seiner letzten Sitzung den Entwurf über die freie Religionsübung in Bausch und Bogen ablehnte, kam der Entwurf über die Rezeption der Juden zur Verhandlung, welche Paul Szontügh mit einer Lobeshymne auf die Juden Ungarns einleitete. Graf Ferdinand Zichy, der Führer in der Attaque gegen die Vorlage, sprach sehr salbungsvoll von den „geehrten und geliebten Juden", welchen er eine „inhaltslose Phrase" nicht an den Kopf werfen will. Die geharnischte Abwehr ließ nicht lange auf sich warten. Der Kultusminister Baron Lorand Eötvös schlug dem Grafen mit einigen Hieben die schwarze Rüstung durch und traf aufs Lebendige. Nachdem noch A. DarnvLry pro, und Graf Anton Szochen contra sprach, erhob sich Graf Albin Csuky, der Schöpfer des Gesetzentwurfes, begründete in einer längeren Rede die Nothwendigkeit des ganzen Gesetzentwurfes und empfahl die unveränderte Annahme desselben. Baron Josef Rudnyünsky, der im Ausschüsse in antisemitischen Sinne sprach, forderte heute in ruhigem Tone die Gemeindeorganisation als Vorbedingung der Rezeption. Nach Graf Geza Szapäry, der den Uebertrittsparagraph nicht annehmen will, konstatirte Graf Stefan Keglevich, daß die Ursache des Antisemitismus in den Fehlern der Nichtjuden zu suchen sei. Nach der Bemerkung des Metropoliten Miron

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.