Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1894)
- Date
- 1894-10-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Roman, der mit Opportunitätsgründen die Annahme verweigerte, erhob sich der Justizminister. Seine Entgegnung auf den Ausfall des Grafen Zichy war scharf und gründlich und ließ von den Bemerkungen der Gegner keine unwiderlegt. Nachher folgte die Abstimmung, laut welcher das Magnaten Haus den Gesetzentwurf über die Rezeption der Juden mit 109 gegen 103 Stimmen ablehnte. Unßtand. Petersburg, 12. Oktober. Der General-Gouverneur von Irkutsk hat dieser Tage, wie der Graschdanin meldet, eine Verfügung getroffen, welche die in Sibirien als Verbannte lebenden Juden äußerst hart treffen dürfte. Nach den Bestimmungen der russischen Gesetze steht es den Familienmitgliedern eines zur Verbannung nach Sibirien Verurtheilten frei, ihrem Familienhaupt nach seinem Bestimmungsorte zu folgen. Während der Deportirte seinen Bestimmungsort in Sibirien in der vom Gericht festgesetzten Zeit nicht verlassen darf, sind die übrigen Familienmitglieder, welche mit dem Verschickten dessen Loos freiwillig theilen wollen, in ihrer Niederlassung nicht beschränkt. Diese Gesetzbestimmungen waren bis jetzt auch für die Juden im Reich giltig. Nunmehr aber verfügt eine Verordnung des Generalgouverneurs von Irkutsk, daß die jüdischen Familienmitglieder, welche ihrem deportirten Familienhaupt folgen, nur in dem Verbannungsorte desselben sich an siedeln und denselben nicht verlassen dürfen. Durch diese Verfügung werden sämmtliche in Sibirien lebenden Judenfamilien,f welche ihren verschiedenen Familienhäuptern gefolgt sind, mit den Deportirten selbst gleichgestellt und theilen, obwohl sie freiwillig nach Sibirien gezogen, nunmehr das Schicksal der Verbrecher, welche ihre Verbannungsorte nicht verlassen dürfen. Damit werden diese Familien nicht allein ihrer Niederlassungsfreiheit, sondern auch unter Umständen der Möglichkeit beraubt, sich fortzubringen. Amerika. New-Uork, im Oktober. An Stelle des verstorbenen Präsidenten des Appellhofes des Ordens B'nai B'rith, Joseph Abraham, wurde der in Pittsburg wohnende Josiah Cohn vom Exekutiv-Komitee des Ordens mit Einstimmigkeit gewählt. Herr Cohn ist einer der Hervorragendsten Rechtsanwälte in Pittsburg, genießt dort großes Ansehen und hat seit vielen Jahren an den Arbeiten des Ordens sich betheiligt. Er war auch Mitglied des Exekutiv-Komitees, da er aber während der jüngsten Konvention des Ordens in Europa war, konnte er damals nicht wiedergewahlt werden. — Der bekannte Rabbiner in Poughkeepsie, Rev. Osias Hochglück, ist von der Kongregation Tempel B'nai Jeshurun in Newark, N. I., zum „Assistent Minister" für die hohen Feiertage gewählt worden. — Das Waisenhaus in Cleveland versendet seinen 26. Jahresbericht, der ein erhebendes Bild der Wohlthätigkeit innerhalb des amerikanischen Judenthums bietet. Das Institut, welches unter der Leitung des bewährten Superintendenten Dr. Wolfenstein steht, beherbergte während des abgelaufenen Jahres 560 Zöglinge, von denen am Schluffe des Jahres 479 verblieben, um 40 mehr als im Vorjahre. Tie Einnahmen betrugen in runder Summe 65,000 Dollars, die Ausgaben 59,000 Dollars; der eiserne Fond, der im abgelaufenen Jahre sich um 16,600 Dollars vermehrte, ist auf 207,664 Dollars angewachsen Die Großartigkeit der Leistung, welche alljährlich Hunderte von verlasfeueu Kindern zu tüchtigen und brauchbaren Mitgliedern der Gesellschaft heranzieht, kann nicht genügend gewürdigt werden Der Verwaltungsrath, an dessen Spitze Herr Abraham Hart aus Chicago steht und der unermüdliche Superintendent, der unter schwerem, häuslichem Leid unentwegt sich seiner Aufgabe gewidmet hat, haben vollen Anspruch auf bewundernde Anerkennung. Von Nah und Fern. Die sehr neugierige „Deutsche Tageszeitung" erhielt von der Mainzer Konservenfabrik auf die Frage, ob die jüdische Schächtmethode dort und in Spandau wirklich eingeführt worden sei, die Antwort, daß hierüber keine Angaben gemacht werden dürfen. — Giebt es denn keine deutschen Aerzte mehr? fragen antisemitische Blättter, weil zu dirigirenden Aerzten für die inneren Abtheilungen der drei bestehenden städtischen Krankenhäuser in Aussicht genommen sind: Professor Dr. Litten, Dr Posen er und Dr. Gold sch ei der. Nun ist aber von allen drei Genannten, wie es heißt, nur d r Erste ein Jude. — In Bremerhaven ist der bekannte ehemalige Rabbiner von Löbau I. H. Caro gestorben. — Zu Nid eg gen brachte kürzlich der antisemitische Agitator aus Zülpich eine Versammlung zusammen, welche mit großer Majorität beschloß, daß von jüdischen Metzgern kein Fleisch mehr gekauft werden soll. — Am 9 d. M. ist der bekannte Lotterieunternehmer und Hofban quier Kommerzienrath Adolf Molling in Hannover aus dem Leben geschieden. Ein ausführlicher Nekrolog folgt. — In Heidelberg hat am jüngsten Sonntag ein antisemitischer Parteitag stattgefunden. Es heißt, der Parteitag soll beschlossen haben, im kommenden Winter vornehmlich das badische Oberland mit einer rührigen Agitation zu beglücken, um bei den nächsten Wahlen zum Landtag eigene Kandidaten aufstellen zu können. — Zum 96. Male erlebt der Privatier Herr Seligmann Reuß in Bamberg das israelitische Versöhnungsfest. Welcher Frische der Greis sich zu erfreuen hat, geht daraus hervor, daß er diesen Tag genau nach den Vorschriften verbracht hat. — Der Steuereinnehmer Josef Eissert in Neunkirchen bei Wien wurde wegen Unterschlagung verhaftet und dem Gerichte eingeliefert. Er war einer der eifrigsten antisemitischen Agitatoren in Niederösterreich —Am 1. d. M verschied nach langem Leiden der emerit. Rabbiner I. H. Kohner in Pilsen, eine in weiten Kreisen bekannte und beliebte Persönlichkeit, im Alter von 76 Jahren. — Der Justizminister Szilagy hielt im Preßburger Rathhause eine Rede, in welcher er erklärte, daß die Regierung an der freien Religionsübung und der Reeeption der Israeliten festhalte. — Johann Solltan, der im Tisza Eßlarer Prozeß eine große Rolle gespielt hat, ist dieser Tage gestorben. In letzter Zeit war er melancholisch. — In Miskolcz ist Dr. Josef Popper am 25. September nach längerem Leiden, 71 Jahre alt, gestorben. Er war Ritter des Franz-Josef-Ordens, Sanitätsrath, Mitglied des Komitats-Berwaltungs- Ausschusses, Stadtpräsentant und bekleidete noch mehrere Ehrenstellen. Bei dem in Budapest stattgehabten israelitischen Landeskongresse spielte er eine bedeutende Rolle; seiner Gemeinde stand er eine Reihe von Jahren hindurch als Präsident vor. — Rabbiner T. Tal, Ober-Rabbiner des Konsistorium in Arnheim, wurde zum Oberrabbiner in Haag ernannt. Er ist der Nachfolger des verstorbenen Rabbiners B. S. Berenstein. Der neue Seelsorger ist ein Schüler des jüd.-theolog. Seminars in Amsterdam. — Eduard Drum on t, der nach Brüssel geflohene antisemitische Hetzapostel und Redakteur des antisemitischen Blattes „Libre parole“, wurde vom Schwurgericht in Paris wegen Beleidigung des Richterstandes in contumaciam zu drei Monaten Gefängniß und 500 Franken Geldstrafe verurtheilt. — Der berühmte französische Schriftsteller Anatole Leroy- Beaulieu, vom französischen Institut, arbeitet gegenwärtig, wie wir erfahren, an einem Werke über die Bedeutung des Geldes in den heutigen Gesellschaften, das die Fortsetzung zu seinem bedeutsamen Werke „Israel chez Issnatiovs^ bilden soll. — Professor Sa charjin, der Leibarzt des Zaren, ist vor einigen vierzig Jahren als armer Judenjunge an einem kalten Winterabend barfuß und hungernd von einem reichen Moskauer Kaufmann gefunden, erzogen und später getauft worden. Die außerordentlichen Fähigkeiten und der eiserne Fleiß haben ihn emporgehoben und zu der glänzenden Karriere gebracht. — Wie aus Petersburg gemeldet wird, soll der Oberprokurator Pobjedonoszew in nächster Zeit zurücktreten. (Aehnliche Meldungen gingen schon vor einigen Tagen aus Wien ein, ohne daß sie sich bewahrheitet haben.) — Ein kurioser Prozeß kommt aus dem New-Iorker Ghetto. Eine dortige polnische Gemeinde, „Chewra Swat Anfhe Poland", hat unter ihren Statuten eine Bestimmung, daß die Mitglieder nur mit Genehmigung des Vorstandes sich den Bart stutzen dürfen. Ein Mitglied, das diesem Gebote zuwider handelte und in Strafe genommen wurde, appellirte an die Gerichte, welche das Verfahren der Gemeinde als rechtmäßig anerkannten. — Die Beni Israel in Bombay haben ebenfalls eine „Israelite kublistünA Society“ zur Herausgabe von Werken über jüdische Geschichte nwb Litteratur gegründet. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.