Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1894)
- Date
- 1894-10-19
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Theilnahme berechtigt sind die Mitglieder unseres Verbandes, auch die nicht zu unserm Bezirk gehörigen. Willkommen sind auch diejenigen Lehrer, welche durch Mitglieder eingeführt werden oder sich beim Bezirksvorsteher melden. Der Bezirksvorsteher ist Rabbiner Dr. Leopold Wreschner in Samter. Fg. &te$fauf 14. Oktober. Der 27. Jahresbericht der Hebräischen Unterrichtsanstalt des Rabbiners Dr. P. Neustadt berichtet von der Gleichstellung dieses Religionsunterrichts mit dem an den hiesigen höheren Lehranstalten und an den Gemeindeschulen ertheilten Unterricht. Der Stundenplan der bewährten Unterrichtsanstalt ist derart eingerichtet, daß der Unterricht ausschließlich auf die schulfreien Nachmittage und Sonntag Vormittag gelegt werden konnte. Während des abgelaufenen Schuljahres durfte der Begründer der Anstalt auf eine 50jährige Lehrtätigkeit zurückblicken. Die Religionsschule des Herrn Dr. P. Neustadt erfreut sich der Anerkennung angesehener Kreise nicht nur hier, sondern auch außerhalb. Die Zahl der hiesigen Mitglieder ist von 337 auf 396, die der auswärtigen von 402 auf 425 gestiegen. Die Anstalt besitzt das Recht, Legate anzunehmen. Die einer unserer angesehensten hiesigen Familien angehörende Frau Henriette Schottländer hat der Schule ihre Theilnahme bis über das Grab hinaus bewahrt, ferner haben Frau R. Können in Kempen a. Nh. und Frau G. Jakobson zu Stolzenau (Hannover) die Anstalt mit Vermächtnissen bedacht. Die Talmud-Thora des Herrn Dr. Neustadt ist in unserer Stadt schon deshalb ein Bedürfniß, weil sie das Schwergewicht im Unterricht auf die Quellen, auf Bibel, Talmud und deren Kommentare legt, sie giebt auch dem praktischen Kultus Raum durch Anleitung der Jugend zum Gottesdienst bei selbstständiger Vollziehung aller seiner Funktionen in einer eigenen Synagoge. Diese hebräische Unterrichtsanstalt zerfällt in zwei Abtheilungen, eine Knaben-Abtheilung mit drei akademisch und einem seminaristisch gebildeten Lehrer und eine Mädchen- Abtheilung mit zwei akademisch und einem seminaristisch gebildeten Lehrer, denen sich aushilfsweise zwei Lehrerinnen anschließen. 4k Magdeburg, 12. Oktober. Am 16. Juli d. I. hat sich die „AHamas Achim", „Brüderliche Vereinigung israelitischer Kultusbeamten zur gegenseitigen Hilfeleistung in Krankheits- und Unglücks^.llen" konstituirt. Dieser Verein ist eine dringende Nothwendigkeit, „er bezweckt (nach § 2) die Unterstützung seiner dauernd oder zeitweise dienstunfähig oder unverschuldeter Weise stellenlos gewordenen Mitglieder." Aehnlichtzs strebte der Verein „Esrah bazarah" an, aber weil er die Basis der gegenseitigen Hilfeleistung aufgab und eine Art, dem Polizeipräsidium unterstehende, Versicherungsgesellschaft werden wollte, scheiterte er an der zu seiner Fundirung (nach dem polizeilich vorgeschriebenen Normalstatut nöthigen) hohen Beitragssumme. Seine Erbschaft tritt die „Brüderliche Vereinigung" (Ahawas Achim) an, die eine gegenseitige Hilfeleistung je nach den Eingängen gewähren will. Eine solche Vereinigung ist eine dringende Nothwendigkeit für die große Zahl jüdischer Kultusbeamten, die der „Achawa" nicht beitreten können und die der Willkür der Vorstände mehr als geprüfte Lehrer und der oft zeitweisen Stellenlosigkeit ausgesetzt sind. Für solche Unfälle giebt's noch keine Versicherungs - Gesellschaft. Da ist Selbsthilfe dringend geboten. Das hat die große Anzahl der gleich in den ersten Wochen beigetretenen Mitglieder richtig erkannt. Durch die aufopferungsvolle, sich hingebende Thätigkeit des zeitigen Vorstandes (Gelbhardt-Magdeburg, Ehrlich-Oppeln und Eichenbaum-Kippenheim) wird diese Vereinigung erstarken und eine ersprießliche Thätigkeit in nächster Zeit beginnen können. Der unermüdliche Herr Heinrich Gelbart in Magdeburg hat bereits 550 Mark zum Zwecke dieses Bruderbundes gespendet. Eine sorgfältigere Ausarbeitung und definitive Feststellung der betreffenden Satzungen, insbesondere der Unterstützungsgrundsätze, muß noch vorhergehen. Zu diesem Zwecke wird — wie man uns mittheilt — nach den Feiertagen (26. Oktober) noch eine Generalversammlung ‘ stattstnden. Inzwischen werden Beitrittserklärungen von den genannten Herren., angenommen. Die Beiträge sind niedrig: vierteljährlich eine Mark (außer dem einmaligen Eintrittsgeld von zwei Mark.) K. Hannover, 12. Oktober. Die hiesige Gemeinde hat am Rüsttage zum Versöhnungsfest durch das plötzliche Hinscheiden des im 64. Lebensjahre stehenden Herrn Kommerzienraths Adolf Molling einen schmerzlichen. Verlust erlitten. Neben seiner weitverzweigten geschäftlichen Thätigkeit hat er seit 25 Jahren dem Repräsentantenkollegium und dann dem Vorstande unserer Gemeinde angehört und stets mit lebhaftestem Interesse und größtem Pflichteifer seines Amtes gewaltet. Er saß außerdem im Vorstande des Israel Simon'schen Waisenhauses, sowie des Vereins für Alterversorgung und Krankenpflege. Die Verpflegung der Leidenden war seine angelegentlichste Sorge, und seine Biederkeit, Herzlichkeit und Freundlichkeit ließen ihn als steten Freund und Tröster am Krankenlager erscheinen. Ebenso widmete er über ein Vierteljahrhundert als Vorsteher des jüdischen Wohlthätigkeits-Vereins den umfassenden Obliegenheiten gerade dieses Vereins seine persönliche Thätigkeit und förderte in hervorragender Weise dessen gedeihliche Entwickelung und segensreiche Wirksamkeit. Sein Name wird stets in Ehren gehalten werden, und sein Tod wird um so schmerzlicher beklagt, als in dem Nachwuchs unserer Gemeinde ein religiöser Jndifferentismus herrscht, durch dev der alte Ruf zu schwinden droht. Das imposante Leichenbegängniß zeugte von der Beliebtheit, welcher der Verstorbene in weiten Kreisen sich erfreute. SS Speyer, 17. Oktober. Zu der Anstellungsprüfung der israelitischen Schuldien st exspektanten pro 1894 war auch diesmal der Bezirks- Rabbiner Dr. Landsberg aus Kaiserslautern durch Erlaß der Königl. Regierung vom 20. September als Mitglied der Prüfungskommission ernannt und als solcher hierher berufen worden. Die von der Königl. Regierung von Herrn Dr. Landsberg eingeforderten Themata für die schriftliche Prüfung lauteten: a) aus der systematischen Religivnslehre: „Was versteht man unter Andacht, und welches sind die Mittel, dieselbe zu erhöhend" — b) aus der Kirchengeschichte: „Moses Mendelssohn und seine Bedeutung fürs Judenthum." — e>aus dem Kirchendienste: „Die Gottesdienstordnung für die sogen. Halbfeiertage und kurze Inhaltsangabe der wichtigsten Gebete." — Die mündliche Prüfung fand am 12. d. M. statt und zwar aus folgenden Gegenständen: 1. Religionslehre; 2. Jüdische Geschichte und Litteratur; 3. Hebräische. Grammatik; 4. Bibelübersetzen; 5. Bibelkunde. Der Prüfung wohnte die zu diesem Zweck gewählte Kommission für sämmtliche — auch nichtjüdische — Kandidaten bei. An der Prüfung nahmen drei amtirende Volksschullehrer Theil. ä. Münster r. W., 14. Oktober. Wie wir hören, ist es dem Kuratorium der Marks Haindorfschen Stiftung bereits gelungen, für das Rektorat des Lehrerseminars eine sehr tüchtige Kraft, Herrn Doktor Gulmann, bisher Lehrer an dem Reichenheimschen Waisenhaus zu Berlin,, zu gewinnen. * Münster i. W., 14. Oktober. Der Regierungsrath Dr. Paul Meyer in Köln ist zum Oberregierungsrath und stellvertretenden Präsidenten der am 1. April 1895 zu errichtenden königlichen Eisenbahndirektion in Münster befördert worden. Darüber ist die Kreuz-Zeitung sehr entrüstet und schreibt: „Aus Münster erhielten wir eine Zuschrift, in der lebhafte Beschwerde darüber geführt wird, daß ein jüdischer Regierungsrath Dr. Paul Meyer in Köln zum Oberregierungsrath und stellvertretenden Präsidenten der am 1. April 1895 neu zu errichtenden königlichen Eisenbahn-Direktion in Münster befördert werden soll. Der Gedanke, daß über das Wohl und Wehe von zahlreichen christliches Beamten und Arbeitern, über ihre persönlichen und dienstlichen Angelegenheiten, ihren Urlaub zum Abendmahl und an Feiertagen in Zukunft ein Jude frei zu bestimmen haben soll, wird von den dortigen christlichen Bahnbediensteten als eine schwere Last und Kränkung empfunden. Wir kennen Herrn Dr. Paul Meyer nicht, wissen nicht einmal, ob er Jude ist; ist er es aber, so scheint uns seine Beförderung auf eineso maßgebende Stelle mindestens nicht — zeitgemäß." Weshalb? Ist das Gesetz betreffend die bürgerliche und staatsbürgerliche Gleichstellung der Konfessionen etwa schon außer Kraft gesetzt?