Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1894)
- Date
- 1894-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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58. Jahrgang. Nr. 42. Berlin. 1^. Okiober 1804. Weikcrge zur „Alkgetnsinen Zeitung des IuöentHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 6. Berlin, 17. Oktober. In der am Sonntag den 14. d. Mts. stattgehabten Sitzung der Repräsentantenversammlung gab der! Vorsitzende, Herr Hermann Landsberger, Eingangs der Verhandlungen Kenntniß von einem Schreiben des Herrn Geh Regierungsraths Professor Dr. Lazarus, in welchem er seinen Dank für die bei Gelegenheit seines 70. Geburtstages von der Repräsentantenversammlung ihm oargebrachten Glückwünsche anssprach. Die Versammlung sieht sich genöthigt, auf ein Legat in Höhe von "3000 M, das Frau Ehrlich für die Chewra-Kadischa gestiftet, zu verzichten, da sich herausgestellt hat, daß die Verstorbene die Chewra-Kadischa der Adaß-Jisroel-Ge-! meinde hierbei im Auge gehabt hatte. Laut Antrag werden hierauf be-! willigt: 360 M zur Fortsetzung des Religionsunterrichtes im Erziehungshause am Urban und 1300 M. für Errichtung von zwei abessynischen Brunnen auf dem Grundstücke des Krankenhauses. Eine längere Debatte entspinnt sich bei dem Anträge, 6000 M. zu bewilligen zur Einrichtung elektrischer Beleuchtung in der alten Synagoge. Ueber die Vortheile einer solchen Installation waren alle Repräsentanten einig, auch wurde von dem Referenten, Herrn Leonhardt Sachs, betont, daß laut Berechnung nur 1900 M. bei der neuen Anlage für Beleuchtung jährlich zu verausgaben sein würden, während heute für Gas 2300 M auszugeben wären. Die Meinungen gingen nur darüber auseinander, ob die Arbeiten einer bestimmten, der Baukommission namhaft gemachten Firma übertragen werden sollen, oder ob, wie der Finanzausschuß es forderte, eine engere Konkurrenz auszuschreiben sei. Herr Justizrath Meyer trat der letzteren Forderung entgegen, einmal unter dem Hinweis, daß es sich um eine renommirte Firma, und dann um das bisher von der Gemeinde noch nie befolgte Prinzip handle, nicht das Beste, sondern das Billigste zu nehmen. Herr Maurermeister Fränkel trat mit aller Entschiedenheit für eine Konkurrenz ein und ebenso Herr Mannheimer, der anriekh, nicht eine große öffentliche Submission auszuschreiben, sondern verschiedene Firmen um Rechnungsaufstellung einer derartigen Anlage zu ersuchen. In dem Sinne einer solchen engern Konkurrenz bewilligte denn auch die Versammlung bis zur Höhe von 6000 M. die Forderung für besagten Zweck. Mit dem von Herrn Ruß erstatteten Rechnungsabschluß des Siechenhauses, aus welchem sich ein Minderverbrauch von 9283 M. ergiebt, schließt die öffentliche Sitzung. Aus dem Bericht sei noch hervorgehoben, daß das Siechenhaus zuletzt 37 Insassen beherbergte; durch Tod oder Entlassung waren im Laufe des letzten Jahres 12 ausgeschieden An Schenkungen waren der Anstalt im letzten Jahre 19,100 M. zugeflossen. LL Berlin, 17. Oktober. Der langjährige Arzt des Untersuchungs-Gefängnisses, Geheimer Sanitätsrath Dr. Leopold Lewin, ist am 12. d. Mts. plötzlich am Lungenschlag gestorben Geheimrath Lewin war in Berlin am 16. Oktober 1820 geboren, stand also dicht vor Vollendung des 74. Lebensjahres. Es sei hier Gelegenheit genommen, an das historische Eingreifen zu erinnern, durch das der jetzt plötzlich Verstorbene zum ersten Male überall bekannt geworden. Es war am 2. Juni 1878, als Nobiling sein Attentat gegen Kaiser Wilhelm I. ausgeführt hatte. Dr. Lewin, welcher sich zufällig in der Nähe des Thatortes befand, sprang schnell entschlossen in den kaiserlichen Wagen und leistete dem Monarchen die erste Hilfe. Dafür ist er, wie unfern Lesern erinnerlich, noch vor einigen Jahren von den Antisemiten in der gemeinsten Weise angegriffen worden. Geheimrath Dr. Lewin erfreute sich in allen Kreisen der größten Beliebtheit; er war Jahre lang Vorsitzender des Repräsentantenkollegiums und der Reformgemeinde und interesfirte sich für alle jüdischen Angelegenheiten. Die Beerdigung fand am 16. d. Mts. von der Leichenhalle des Friedhofes in Weitzmsee unter außerordentlicher Betheiligung statt. Eine tiefergreisende Gedächtnißrede hielt der Prediger der Reformgemeinde, Herr Dr. Levin, in der er Leben, Schaffen und Charakter des Heimgegangenen in meisterhafter Weise schilderte. Berlin, 17. Oktober. Wie >man uns mittheilt, hat der Vorsitzende des hiesigen Vereins zur Ausbildung jüdischer j Krankenpflegerinnen, Herr Stadtverordneter Louis Sachs, dem genannten Verein ein Grundstück für M. 200,000 gespendet. Dasselbe befindet sich August-Str. Nr. 17, unmittelbar neben dem Krankenhause der jüdischen Gemeinde und soll mit letzterem in Zusammenhang gebracht werden Dieses edle Werk bedarf keines weiteren Kommentars, es spricht für sich selbst. Berlin, 17. Oktober. Herr Geheimrath Prof. Dr. Lazarus wird am 18. .im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" den! Reigen der Vorträge dieser Saison eröffnen. Sein Thema lautet: „Was! ist, und zu welchem Ende studiert man jüdische Geschichte und Litteratur?" An den Vortrag schließt sich ein Souper zu Ehren des Vortragenden in Cassels Hotel an. Ausführlicher Bericht folgt en der nächsten Nummer. L2 Berlin, 12. Oktober. Zu unserem Bericht über das Begräbniß des Geheimraths Professor Pringsh eim ist noch nachzutragen, daß im Trauerhause Geheimrath Prof. Dr. Ferdinand Cohn aus Breslau und Professor Rudolf Virchow die wissenschaftlichen Verdienste des Verstorbenen in warmen Nachrufen würdigten, und daß die Bestattung auf dem Friedhofe der Schönhauser Allee erfolgte. Lp. Aus der Provinz Posen, im Oktober. Das Kreisblatt für den Kreis Birnbaum halte neulich, wie in dem polnischen Blatte „Orendownik" mitgetheilt wird, einen Artikel gebracht, in welchem die polnische Bevölkerung, welche deutsch fühle und denke, aufgefordert wird, sich mehr für die antisemitische Bewegung in Birnbaum zu interessiren. Dazu bemerkt der „Orendownik": Die polnische Beoöllerung danke für einen solchen deutschen Antisemitismus, welcher von ihr verlange, sie solle bei den Wahlen für die deutschen antisemitischen Kandidaten stimmen; der polnischen Bevölkerung stehe es nicht frei, ihrer Nationalität zu Gunsten des deutschen Antisemitismus zu entsagen. — Vor der Strafkammer in Bromberg wurde anfangs Oktober er. in der Berufungsinstanz folgender Fall verhandelt Der Angeklagte, Hausbesitzer und Steinlieferant Dreher oortselbst befand sich am 3. Mai d. Js., im Wartesaal 3. Klasse der dortigen Bahnhofsrestauration und machte sich in demselben durch antisemitische Redensarten in auffälliger Weise lästig. Er wurde deshalb mehrmals von dem Bahnhofsrestaurateur aufgefordert, sich ruhig zu verhalten, jedoch ohne Erfolg, auch den Anweisungen des Stationsvorstehers leistete er keine Folge und betitelte ihn mit „Judenknecht" rc. Schließlich erschien der Bahnhofsportier und entfernte ihn mit Gewalt aus dem Wartesaal. Auch diesen beleidigte der Angeklagte in gröblicher Weise. Für dieses Verhalten angeklagt, wurde Dreher vom Schöffengericht in Bromberg, weil er angab, völlig betrunken gewesen zu sein, freigesprochen. Gegen dieses freisprechende Urtheil hatte der Staatsanwalt die Berufung eingelegt, und zuungunsten des Angeklagten nicht ohne Erfolg, denn nunmehr wurde er zu 40 Mark Geldstrafe verurtheilt. Auch bei dieser Verhandlung suchte sich Dreher durch sinnlose Trunkenheit zu entschuldigen; diese Entschuldigung ließ der Gerichtshof aber nicht gelten, da keiner der Zeugen eine derartige Trunkenheit bei dem Angeklagten bemerkt haben wollte. — Die durch Penstonirung des Lehrers Löwenthal in Schildberg schon am 1. Juli er. sreigewordene Lehrerstelle an der einklasfigen jüdischen Schule daselbst ist noch immer unbesetzt Gegenwärtig erhalten die Kinder von den Lehrern anderer Konfessionen theilweise Unterricht Die Meldungen für die Stelle sind trotz des geringen Einkommens, welches mit dieser Stelle verbunden ist, nicht gering, aber dieselbe kann nicht eher besetzt werden, bis von Seiten des Kultusministers über die endgiltige Auflösung der jüdischen Schule in Kosten ein Bescheid ergangen sein wird, da die königliche Regierung zu Posen in solchem Falle den dort amtirenden Lehrer Singermann für die Stelle in Schildberg in Aussicht genommen hat.