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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-19 · Heft 42 (19.10.1894) · p. Seite 504

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 42 (19.10.1894)
Date
1894-10-19
Page
Seite 504 (sequence 12)
Language
German
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504 4 ' v - c - iw v *r ' «w* j *v«- v r'+'*»sfri&*z» ■* * Armer Hütte ich kein Recht gehabt, den hohlen Luxus und die blinde Sorglosigkeit zu verdammen, welche sie von Jugend auf als ihr - Recht zu betrachten gewohnt war. Ich würe als Mann meiner Frau an diesem innern Widerspruch zu Grunde gegangen. Jetzt aber habe ich mir das Recht auf das Leben erkauft, weil ich am Scheidewege die Lüge zuriickwies. die zu Wonne und Glück zu führen versprach, und dem düstern Pfade der Wahrheit getreu blieb. Unsere Weisen sagen: „Wenn der Mensch nicht lügen würde, so würde er auch nicht vor der Zeit sterben." Es gehört mehr Kraft dazu, die Verantwortlichkeit des Reichthums zu tragen, als ein stilles, arbeitsames Dasein zu führen. Jenes gewährt keine Befriedigung als die des krankhaft gesteigerten Selbstgefühls, dieses stärkt uns durch unablässigen Kampf mit den dunkeln Mächten und beseligt durch das Bewußtsein schwer errungener Pflicht. „Und nun," sagte ich, von der Bank anfstehend und die erkalteten Glieder schüttelnd, „wird es Zeit sein, nach Hause, das heißt, in mein einsames Nachtquartier, zurückzukehren rmd mich auszuschlafen, damit ich morgen meine Bettelfahrt für die Waisen von Neuem beginnen kann." Litterarische Mitteilungen. Albert Katz. Die Juden im Kaukasus. Berlin 1894, H. Schildberger. In seinem vor Kurzem erschienenen Buche: „Materialien zur Erlernung der hebräischen Tati-Sprache" vertritt W. Miller die Ansicht, daß „die kaukasischen Juden es gewesen seien, welche das Judenthum in dasChazarenreich getragen haben". — Die Grusinischen Juden haben sich heute, im Gegensatz zu ihren übrigen Glaubensgenossen in Rußland, des vollen Bürgerrechts gleich den Kaukasiern zu erfreuen. Ueber die Sabbatianer, welche nicht nur die mosaischen, sondern auch viele rabbinischen Vorschriften beobachten, hat in diesem Jahre S. Gordon in der „Hazefirah" (Nr. 94) berichtet. Sie, die als Nachkommen der Chazaren betrachtet werden, erziehen ihre Kinder in echt jüdischem Sinne, die Reichen unter ihnen bringen ihre Söhne nach Wilna, damit sie sich dort jüdisches Wissen aneignen. Die dritte Sekte sind die kaukasischen Bergjuden, deren Sprache ein iranisches mit semitischen Worten durchsetztes Idiom ist, welches unter den Namen Tati bekannt, auch jetzt von den in Baku ansässigen Personen gesprochen wird. Die Zahl der im Gebirge des Kaukasus zerstreut lebenden Juden beträgt nach Professor Hahn ca. 70,000. Nach R. von Eckert sind dort noch viele andere Stämme ansässig, welche nicht blos in ihrem Typus, sondern auch in ihrer Lebensweise den Juden auffallend ähnlich sind. Sehr richtig sagt A. Katz in seiner vortrefflichen und interessanten Abhandlung, welche in 5 Abschnitten die verschiedenen Zweige der Juden im Kaukasus behandelt: „Für uns kommen nur diejenigen unseres Stammes in Betracht, welche durch die Heilighaltung des mosaischen Vermächtnisses mit uns verwandt sind, welches ihre Väter gleich den unsrigen einer ganzen Welt zum Trotz unverfälscht zu bewahren verstanden haben." Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! der letzten Nummer der Allgem. Ztg. des .Judenthums befindet <33 sich in dem Artikel „Böhmische Briefe" Einiges, was den Widerspruch eines jeden böhmischen Juden lebhaft herausfordern muß. Der Herr Verfasser beschäftigt sich nämlich mit der neuen Verbindung „Kadimah", die vor kurzer Zeit in Prag begründet worden ist, und bedauert es, daß derlei in Oesterreich möglich sei u. s. w. Nun, es heißt zuviel Ehre jenen Herren der zionistischen Verbindung anthun, wenn man sich mit ihr in solchen Blättern, wie die Allgem. Ztg. des Judenthums, beschäftigt; ganz entschieden muß aber dagegen Front gemacht werden, wenn von den Kadimäern als von einem Theil der böhmisch-jüdischen Studentenschaft gesprochen wird. Die Studentenschaft jüdischen Glaubens in Böhmen ist durchweg national gesinnt, sei es, , daß sie sich zum Deutschthum, oder daß sie sich zum Czechenthum bekennt, und nur ein winziger Bruchtheil ist es, welcher für jene Idee von einem nationalen Judenthum, von einer Restitution des palästinensischen Reiches schwärmt. Unbeachtet führen sie ihr Dasein fort, wie etwa die anderer; konfessionellen Verbindungen, und ganz unrichtig ist es, wenn man sie mit anderen Verbindungen nationalen Charakters vergleichen will. Warum soll es auch neben einer katholischen Verbindung nicht auch eine jüdische geben? Warum sollen diese nicht auch von einem neuen Zionsreiche schwärmen, wenn jene sich für die weltliche Herrschaft des Papstes begeistern dürfen? Es gehört aber auch wirklich eine große Dosis Selbstverleugnung von Seiten der deutschen Studentenschaft jüdischen Glaubens, und von dieser nur soll jetzt gesprochen werden, wenn sie den idealen Vorstellungen von Deutschthum und Vaterland, wenn sie der deutschen Fahne treu bleibt. Nur der kann es ermessen, welche Charakterstärke dazu gehört, um nicht, angewidert von dem brutalen Treiben der sogenannten Deutsch- Nationalen und der anderen bubenhaften Antisemitereien, sich von Allem abzuwenden, der selbst in Mitte dieser Kämpfe gestanden. Es ist eine unleugbare Thatsache, daß Deutsch-Böhmen nur durch die thatkräftige Hilfe der deutschen Juden gehalten wird. Gilt es, wo eine neue Turnhalle zu bauen, eine neue Ortsgruppe zu begründen, gilt es, ein Denkmal wo zu errichten, die „lieben Mitbürger jüdischen Glaubens" sind die Ersten bei der Hand, welche ihre Taschen aufknöpfen, um reichlich beizusteuern. Gilt es, in einem sogenannten bedrohten Gebiete voll einzugreifen, an der Wahlurne für den deutschen Kandidaten zu stimmen, kein deutscher Jude zögert, selbst mit Hintansetzung seiner persönlichen Sicherheit, zu erscheinen und seinem Gesinnungsgenossen die Stimme zu geben. Wäre Budweis noch jetzt in deutschen Händen, wenn die deutschen Juden nicht ihre Pflicht gethan hätten, wäre selbst die kleine deutsche Minorität im böhmischen Landtag möglich, wenn die deutschen Juden nicht für ihre Kandidaten gestimmt hätten? Und was haben die deutschen Juden dafür? Brutale Angriffe und bübische Verleumdung von gestnnungsverwandter Seite einerseits, nationaler Haß der czechischen Gegner andrerseits. Ist es da zu verwundern, wenn nicht Alle treu bleiben, wenn ein kleiner Rest, angeekelt von diesem Schmutz und dieser Bestialität, sich ganz dem politischen Treiben entzieht und Phantasmagorien sich ergiebt? Die deutschen Burschenschaften in Böhmen zählten zu mindestens einem Drittel ihrer aktiven Mitgliederzahl Juden, heute haben sie diese herausgewimmelt, nachdem sie durch jüdisches Geld und jüdische Schneidigkeit zu angesehenen Korporationen sich entwickelt haben. Doch zur Ehre der deutschen Studentenschaft jüdischen Glaubens sei es gesagt, daß die bedeutende Mehrzahl trotz Allem fest zur deutschen Fahne hält, und trotz allen Geiferns und Kläffens der antisemitischen Hetzer von ihrem Deutschrhum nicht ablasfen wird. Es ist nicht möglich, daß die Lüge und Ungerechtigkeit für immer Besitz von unserm herrlichen deutschen Stamme in Böhmen nimmt; fie können auf längere Zeit seine Sinne bethören, sie können, propagirt durch Leute, denen Deutschrhum, Treue und Wahrheit nur leerer Schall sind, den Deutschen als ihr innerstes Wesen erscheinen, weil sie eben die Schlangenbrut nicht als solche anerkennen, aber der Tag wird und muß kommen, wo der Deutsche seine Augen öffnet und mit einem kräftigen Fußstoß all' jenes Gewürm von sich schleudert, wo seine wahre Natur, die herrliche deutsche Treue und Gerechtigkeit zum Durchbruche gelangt, und er fest die Hand seines deutschen Bruders jüdischen Glaubens zum ewigen Bunde faßt. Noch ist es dunkel in den herrlichen Gauen, noch zeigt sich kaum ein erlösender Schimmer, aber ein Ahnen geht durch die Luft, das Herz pocht in lebhaften Schlägen. Es wird Tag werden! DasMalte Gott! Ein deutscher Jude. Druck uui) Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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