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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-19 · Heft 42 (19.10.1894) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 42 (19.10.1894)
Date
1894-10-19
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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Füße unter anderer Leute Tisch zu stecken. Wie, wenn ich ein Handwerk erlernte? Photographie oder Uhrmacherei? Die letztere sagte mir besonders zu, weil ich da bei der Arbeit meinen Gedanken ungestört nachhängen, ein stilles, beschauliches Leben führen konnte. Da begegnete mir, es mochte wohl ein Jahr seit meinem Weggänge aus dem Hause vergangen sei», mein früherer Prinzipal. Er begrüßte mich mit auffallender Freundlichkeit und lud mich ein, ihn doch bald zu besuchen. Ich schloß daraus, daß über jene Affaire Gras gewachsen sei, und ging wirklich nach einigen Tagen hinaus, denn ich liebte meine früheren Zöglinge, zumal der Jüngste war mik ans Herz gewachsen. Die waren freilich nicht zu Hause, wohl aber das Ehepaar, das mich sehr liebenswürdig empfing. Da der Mann in die Stadt fahren mußte, blieb ich mit der Dame allein. Als wir im Garten wandelten, klangen aus dem Hause Klaviertöne. „Wer spielt denn da?" fragte ich verwundert. „Franziska!" antwortete sie. Sonderbar, dachte ich, Franziska hat doch selbst ein Klavier, was braucht sie hierher zu kommen, um zu spielen? Weiter dachte ich nichts, erst später ist mir Manches eingefallen. Wieder vergingen einige Monate. Eines Tages — der Sommer neigte sich zu Ende — war ich an die lieblichen Alster-Ufer hinausgewandert. Im traumhaften Reiz der wunderbaren Umgebung, hier der grünende Hag. dort die prangenden Gärten, in der Ferne der zauberhaft schimmernde Spiegel des lockenden Wassers, zitirte ich eben im Original die Verse meines Lieblingsdichters: „Ach, wie bist du vom Himmel gefallen, Lucifer, Sohn der Morgenröthe," als ein mit Damen beladener Wagen um die Ecke bog — ich erkannte die Familie, wendete mich und setzte gelaffen meinen Weg fort. Als ich zu Ende war, blickte ich mich um, und siehe, der Wagen war verschwunden. Berlihigt drehte ich mich und wandelte denselben Weg, den ich liebte, zurück. Da sehe ich plötzlich auf einer Erhöhung neben der Straße Franziska und eine andere Dame, wahrscheinlich ihre Schwägerin, stehen — ich blicke erstaunt hin und höre, wie die Damen mich begrüßen. Ich, plötzlich durch das unerwartete Ereigniß aus meinen Träumen geriffen, bin nicht im Stande, mich zu faffen, noch die Wirklichkeit zu begreifen — ich blicke ohne Verständniß zu Franziska empor, deren holdem Munde der süße, unbegreifliche Gruß enttönt. — Ach, sie war schön, schön wie ein Engel in dem erhabenen Gefühl, zu beglücken und glücklich zu sein. Die zärtlichen Augen flammend in sanfter Gluth, die holden Wangen fein geröthet, der blühende Mund halb geöffnet. Und ich — geht mir nicht endlich ein Licht über meine Lage auf? Nun hört. Ich ziehe meinen Hut, verbeuge mich tief vor der Holden und wandere meines Weges. Daß ich das arme Mädchen in Gegenwart ihrer Schwägerin doppelt beschämt, fiel mir nicht im Traum ein, noch weniger, daß sie meinetwegen hart mit der Familie gekämpft und endlich gesiegt habe, noch weniger, daß ich ihr einen Affront gethan, darauf verfiel ich nun schon gar nicht — nein, ich habe keine Gedanken — ich schwimme in einen: Meer von Wonne. Sie hat dich gegrüßt! Sie hat dich gegrüßt! Nach diesem Abenteuer konnte ich selbstverständlich nicht nach Hause gehen, ich begab mich in den jetzt leider verschwundenen „Schwarzen Raben", wo ich, am Alsterufer sitzend, einen so wunderbaren Abend verträumte, wie er nur je der „blöden Jugend-Eselei" beschieden war. Daß sie, sich von mir verschmäht glaubend, eine schmerzvolle Nacht verbrachte, für diesen nüchternen Schluß war kein Raum in meinem Kopfe. Am andern Morgen, als ich bei kälterem Blute das seltsame Ereigniß überdachte, schien es mir, daß ich etwas thun müffe, um die Sache anfzuklären und abzuschließen. Ich hatte die Hoffnung, Franziska die meine zu nennen längst aufgegeben, aber ich fühlte, daß ich sie sprechen müßte, um mich in ihren Augen zu rechtfertigen. Ich nahm den Gruß vom vorigen Abend als ein Zeichen, daß sie mir verziehen, nun wollte ich ihr den Grund meines albernen Heirathsantrages erklären. Ich schrieb ihr ein Briefchen und ba um eine Zusammenkunft. Dies Schreiben brachte ich dem Gärtner meines frühern Prinzipals, dem ich manches Gute gethan, und bat ihn, unter Verabreichung eines soliden Trinkgeldes, daffelbe bei Gelegenheit dem Fräulein ohne Zeugen zu übergeben. Er versprach es, indem er Verschwiegenheit angelobte. Noch an demselben Tage erhielt ich einen Brief von meinem frühern Prinzipal mit Einlage meines Schreibens, worin er mir mittheilte, daß seine Nichte, durch meine Zumuthung aufs Aeußerste beleidigt, ihn mit Zurücksendung und Abweisung meiner frechen Forderung betraut habe. Als ich dies las, hatte ich den Tod im Herzen. Also zum Narren gehalten von einer übermüthigen Kokette! Sie war nicht werth, daß ich »och an sie dachte. Nein, sie war der Liebe eines edeln Mannes nicht werth; ich haßte, ich verachtete sie. Einige Tage darauf führte mich mein Weg an ihrem Hause vorüber, als sie mir wider Erwarten entgegen kan:; sie sah angegriffen aus und blickte mich nicht an. Sie eilte vorüber, und ich blieb stehen und sah ihr nach. Jetzt war die Gelegenheit oder nie. Ich wollte ihr nachstiirzen, ich wollte sie bei dem theuren Namen rufen, da fragte ich mein Herz: Liebst du sie noch? und es antwortete: Nein! Um eine Lüge kann ich dich nicht erkaufen, sagte ich und setzte meinen Weg fort, nachdem ich gesehen, wie sie im eiligen Lauf, als befürchte sie, ich würde ihr folgen, die Thür ihres Gartens gewonnen hatte. Wohl war mir der Gedanke gekommen, als ich ihr reines, unschuldiges Gesicht sah, daß man eine gemeine Jntrigue gegen mich angezettelt, daß der falsche Gärtner den Brief wahrscheinlich seinem Herrn übergeben, und daß dieser ihn, im Aufträge seiner Frau, mit Kommentar an mich zurück geschickt habe — daß mein armes Fränzchen vollkommen unschuldig sei. — Dieser Gedanke ließ mir keine Ruhe. Ich ging daher nächsten Sonntag zu einer alten Verwandten des Hauses, zu der Franziska gewöhnlich an diesem Tage zu kommen pflegte, um sie zuin Diner abzuholen. Ich wartete vergebens, sie kam nicht. Dagegen hatte mir die alte Dame so viel von den prunkvollen Festen erzählt, die man veranstaltete, um ihren Liebling zu zerstreuen, daß mir der Unterschied unserer sozialen Lage entscheidend auf das Herz siel. Ich verließ sie. Das war der letzte Versuch. Bald darauf hörte ich, daß Franziska sich mit einem sehr reichen jungen Mann aus einem angesehenen Hause verlobt habe. Die Nachricht gab mir einen argen Stoß, aber ich fand darin einen neuen Beweis, daß ich oder sie Komödie mit mir gespielt habe, daß sie mich nie geliebt. Ich kannte den Bräutigam, — ein hübscher Mensch, ohne einen Gedanken in seinem Kopf — nun, wenn sie sich in die Arme der ersten besten vergoldeten Null werfe» kann, um so besser — dann ist sie nie meiner werth gewesen. Sehr bald war ihre Hochzeit, die, wie ich hörte, mit großer Pracht gefeiert wurde. Das war doch ein schrecklicher Tag für mich. Dann ist sie in ihre neue Heimath gezogen, und ich bin nach Rußland gegangen und habe mich in fremde Verhältnisse und einen neuen Beruf gestürzt. So bin ich bewahrt worden, Sklave einer Million zu werden, und ihr ist gewiß durch eine brave hausbackene Natur der Weg des Lebens geebnet worden. Man sage, was man wolle, die Reichen gehören zu einander. Als ein durch die reiche Frau beglückter

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