Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1894)
- Date
- 1894-10-19
- Page
- Seite 502 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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502 schauerte — „ich begreife nicht, wie jener Mensch Euch etwas Aehnliches anzutragen vermochte. Liebt Ihr denn das Fräulein?" Jizchak blickte verwundert auf. „Ich kenne sie nicht." „Wie könntet Ihr ohne Liebe heirathen?" fragte sie. Der zur Erde blickende Jüngling gerieth in noch größere Verlegenheit. „Was heißt das „ohne Liebe?" fragte er im selben Tone, wie er gefragt hatte: was heißt das, Enthaltsamkeit? Fräulein Lola öffnete die Augen weit. „Was Liebe heißt? Was Liebe ist?" Sie erhob sich ein wenig in ihrer Matte, stützte das Köpfchen auf die Hand und ließ ohne auf ihn zu blicken, ihrer Phantasie die Zügel schießen. Einen Augenblick nur begegnete sein leidenschaftlicher Blick dem träumenden Auge des Mädchens. Sie sprang in die Höhe, und fast über ihrem Antlitze fühlte sie den glühenden Atheni des Jünglings. „Was fehlt Ihnen?" fragte sie erschrocken. Wußte er denn, wie ihm geschah? Wohl kannte er die heißen Liebeslieder der niorgenländischen Dichtung, aber keines hatte ihn so berauscht, wie die vor einem Augenblick gehörten Worte. . . Welche von den Jungfrauen, die inmitten der heiligen Dichtungen erschienen, welche konnte sich ihres Zaubers rühmen? Er bewegte die zitternden Lippen, aber die Stimme erstarb ihm in der Kehle. Er wollte etwas sagen, wie z. B., daß er bereits wisse, was Liebe ist, daß dieses Gefühl sehr schmerzlich und doch eigentlich über alle Beschreibung süß sei. . . Seine Hand schob sich unwillkürlich vor, um den Saum des rothen Bandes, das von ihrer Jacke fiel, zu erhaschen. Da reichte ihm Ludwig seine beiden Hände. Er bemerkte nicht die Verwirrung des Gefährten und brach in eine zornige Tirade gegen den bei den Juden eingewurzelten Brauch' der früh geschloffenen Heirathen aus. An diesem Abende kam es im Hause der Grass zu einer stürmischen Scene. Mirjam rief den Sohn herbei und ließ ihn am Bettrande niedersitzen. Der Gatte assistirte. Sie legte die Strümpfe weg, welche sie aus wohlhabenden Häusern zum Stopfen zugeschickt bekam, was auch einen kleinen Erwerb bildete. »Jizchak," begann sie zärtlich, „warum hast Du uns heute so sehr betrübt? Warum hast Du die Sache nicht gleich abgeschloffen?" „Weil ... weil ...," entgegnete dieser, sonderbar erregt, „weil ich die Tochter dieses Arendars nicht liebe." „Du liebst sie nicht? Und was weiter?" fragte der Vater. „Ich verstehe Deine Rede überhaupt nicht," fiel hier die Mutter ins Wort. „Mendel," wandte sie sich an ihren Mann, „hast Du mich: je geliebt?" „Ich . . . ich?" Reb Mendel glotzte sie mit weit geöffneten Augen an und drehte nachdenklich an den Seitenlöckchen. „Ich war siebzehn Jahre alt, als mich der Vater eines Morgens aufweckte, auf einen Wagen setzte und zu mir sagte: Komm Mendel, wir müssen fahren, Du wirst heirathen. Und ich habe geheirathet." „Und wir leben dreißig Jahre zusammen." „Und haben kein einziges Mal darüber nachgedacht, ob wir uns lieben," ergänzte der alte Graf. „Hat dies uns aber gehindert, zwölf Kinder zu haben?" „Und zu arbeiten, um die sechs am Leben gebliebenen zu füttern?" schloß die Mutter. ■ Auf diese Bemerkungen wußte Jizchak nichts zu erwiedern, aber er sagte mit Entschiedenheit: „Ich aber werde nicht heirathen." Der Vater begann an dem gestutzten Schnurrbart zu kauen, was inimer ein Zeichen seines Zornes war, die Mutter aber griff verzweifelt nach dem schmutzigen Tuche, das ihr die Haube ersetzte. „Jizchak, Jizchak, was sprichst Du?" „Ich habe es schon gesagt, und wenn Gott selbst vom Himmel steigen würde, könnte er meinen Entschluß nicht ändern." Der Vater verließ rasch das Stübchen, Mirjam aber verzweifelte nicht mehr laut, sondern schluchzte stundenlang unter ihrer Decke. Jizchak ließ sich wenig im Hause sehen. (Forts, folgt,) & Aus dem Leben eines Träumers. Von W. Herzberg. (Schluß.) . ein erster Eindruck war, daß sie eine anbefohlene Lektion '2&Jyhergesagt, zu der ihr beleidigter jungfräulicher Stolz allein ihr die Kraft gegeben, denn ich fühlte wohl, daß sie das Recht habe, dem zu zürnen, der ihr süßes Geheimniß, anscheinend roh, den Augen des Pöbels Preis gegeben habe. — Und woher hätte die Zarte auch die Kraft nehmen sollen, dem Andrängen des erbitterten Verwandten-Cbores zu widerstehen? Aber in meiner Vereinsamung, auf den Verkehr mit meinen Zöglingen beschränkt, fing ich an, mir einzubilden, daß ich wirklich der Narr meiner Phantasie gewesen sei, daß meine dumme Eigenliebe mir einen bösen Streich gespielt hätte, und daß ich dem reizenden Fränzchen ganz so gleichgiltig wäre, wie sie mir in dürre» Worten gesagt hatte. Ich sah sie nicht mehr, ich kam nicht mehr zu den gemeinsamen Mahlzeiten, noch zu den Gastmählcrn, ich speiste in solchen Fällen allein in der Stadt und gab nach einigen Monaten, im Einverstäudniß mit meinem Prinzipal, die Stelle auf. Ich legte es ernstlich darauf an, sie z» vergessen, bald durch Anschluß an lustige Gesellen, deren ich schnell müde wurde, bald durch Versenken in Studien. Das schien zu helfen. Ich nahm eine Garternvohnung am andern Ende der Stadt, sah Niemand von meinen Bekannten, stürzte mich früh Morgens — es war inzwischen Sommer geworden — in die eiskalte Alster, arbeitete dann bis vier Uhr Nachmittags, um den Rest des Tages in der reizenden Umgegend umherzustreifen, wo ich in einem Bauernhause oder in einer Schenke ein frugales Mahl einzunehmeu pflegte. Daun schlief ich, ohne mich zu rühren, die Nacht und hatte in der That die Menschen vergessen, ich dachte nur an meine Arbeit. Endlich war sie fertig. Ich packte das Manuskript, von dem ich eine neue Epoche im Kulturleben der Menschheit erwartete, sorgfältig ein und schickte es einem hervorragenden Buchhändler in Berlin, von dem ich wußte, daß er mir wohl wollte. Er sandte es ungelesen zurück, weil er mit den Landtagswahlen beschäftigt sei — der Landtag und mein Opus! Ich lächelte mitleidig, aber nicht über mein Werk, und schickte es einem Zweiten, einem Dritten. Als es sedes Mal getreulich zu mir zurückkehrte, hatte ich genug. Ich legte es bei Seite und begann auf neue Dinge zu denken. Das wenige Geld, das ich auf der letzten Stelle erspart hatte, fing an, auf die Neige zu gehen — ich war 33 Jahre alt und hatte mich seit Absolvirung meiner Studien nur als Haus¬ und Privatlehrer durch die Welt geschlagen. Als Jude hatte man damals auf Anstellung nicht zu rechnen — und ich war müde, die ...X.