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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-19 · Heft 42 (19.10.1894) · p. Seite 499

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 42 (19.10.1894)
Date
1894-10-19
Page
Seite 499 (sequence 7)
Language
German
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499 Buchberg ging, fest entschlossen, das Gericht anzurufen. Auch sein Schwiegersohn rieth dazu. Er fühlte sein Gewissen rein; selb die Geschichte von dem „klugen Juden" verkündet zu haben, schien ihm keine Sünde; es war Lessings „Nalhan", deffen Inhalt er seinen Schülern erzählt. Aber die Freunde riethen ab; eine Erprefsungsklage gegen den Rabbi und die Vorsteher zog zunächst gewiß nur den „Cherem" (Bann) nach sich, und dann war die Familie für immer geächtet, gleichviel wie das Gericht entschied. Wohl aber wurde ein anderes Mittel empfohlen. Das Schächterhandwerk einschließlich des Schächtens ist ein freies Gewerbe, man beschloß, einen Schächter. in Czortkow zu installiren, der fortab für Mosche Leib Buchberg und Jofsele Kleiner das Vieh fchächten sollte. Ein solcher gelernter Schächter war ja zur Stelle: Meschel Rost, der Sohn des Schneiders Abraham Rost. Freilich hatte er deutsche Bücher gelesen, ja, er war, wie wir wissen, sogar sündhaft genug gewesen, Leitartikel der „Neuen Freien Presse" zu verstehen. Aber war er trotzdem vorher würdig gewesen Schächter-Geselle zu sein, so konnte dies auch nicht gegen seine Etablirung als Schächtermeister sprechen. Die Chassidim waren anderer Meinung. „Ehe wir das zulassen, gehen wir zum Kaiser!" betheuerten sie. Aber das hatten sie nicht nöthig; sie brauchten blos zum Bezirks-Hauptmann zu gehen. Das dies wirklich genügte, erfuhr man bald genug. Buchberg ging zum Bezirks-Hauptmann, gab seine Absicht kund und bat flehentlich, die betreffende Anmeldung rasch zur Kenntniß zu nehmen; seine und Jossele Kleiner? Lage würde ja mit jedem Tage verzweifelter. „Warum vertragt Ihr Euch denn nicht lieber mit dem Vorstand?" fragte der Bezirks-Haüptmann. „Der Kleiner mag die Wahrheit sagen und, Sie — opfern Sie die dreihundert Gulden! Auch sehe ich keinen Grund, warum Ihr Schwiegersohn den Bürgschaftswechsel nicht ausstellen sollte! Gegen die Religion zu kämpfen ist doch nicht hübsch!" „Er kämpft doch nur gegen die Chassidim," wagte Buchberg den Schwiegersohn zu vertheidigen. „Das sind aber eben die einzigen echten und frommen Juden," war die Antwort. „Sie gehorchen Gott und darum auch der Obrigkeit; das weiß ich aus Erfahrung... Uebrigens, wie Sie wollen! Ueber die Anmeldung wird seinerzeit entschieden werden." So wenig tröstlich dies klang, so war doch die „Fortschrittspartei" guten Muthes. Nach dem Gesetze mußte die Anmeldung des Meschel Rost für das Schächter-Gewerbe sofort zur Kenntniß genommen und ihm der Gewerbeschein ausgefolgt werden. Es kam anders; am 5. Januar 1876 war die Anmeldung erfolgt, die Bescheinigung ließ auf sich warten. Inzwischen verkündeten die Chassidim triumphirend: „Der Herr Bezirks-Hauptmann erlaubt's ihm nicht!" Und dasselbe sagte auch der Beamte dem Meschel, als dieser um Beschleunigung bat. „Warum nicht?" fragte er. „Das werden Sie aus dem Bescheid ersehen," war die Antwort. Das war eine schlimme Sache. Die „Fortschrittspartei" schwor freilich auch ihrerseits, „bis zum Kaiser" zu gehen, wenn nur erst der Bescheid da sei, aber vorläufig war er noch nicht da, und Joffele Kleiner und Mosche Leib Buchberg warm noch immer brodlos. Und da waren es denn diese Beiden, die meinten: „Der Meschel war auch bei den letzten Wahlen ungehorsam und hat sogar aus der „Neuen Freien Presse" vorgelesen. Ihm wird der Bezirks-Hauptmann den Gewerbeschein nicht geben. Aber vielleicht einem anderen Schächter." Und sie setzten sich mit einem Mann dieses Handwerks in Korolowka in Verbindung, ob er zur Ueber - fiedlung nach Czortkow bereit sei. Er war's, und so sollte er eben angemeldet werden, als ein Ereigniß eintrat, welches die Erregung der Gemüthec bis zum Aeußersten entflammte. Am 22, Januar 1876 fand sich an den „Schul-" und den anderen Bethäusern in Czortkow ein Plakat angeheftet, aus dein hier — das Schriftstück ist sehr lang — ein Auszug folgen möge. Es ist eine wörtliche Uebersetznng aus dem Jargon: „Unseren Brüdern, den Söhnen Israels, welche wohnen hier in Czortkow und in der Umgebung, entbieten wir unseren Gruß! Liebe Brüder, öffnet Euer Herz, öffnet Eure Augen und merket, was in Czortkow in Folge unserer vielen Sünden vorgeht. Es ist erstanden eine neue Sekte, die sich „Fortschrittspartei" nennt, aber das einzige Ziel hat, uns Juden von dem wahren Wege abzuleiten. Die Wahrheit ist: sie wollen das Judenthum zu Grunde richten und ihm ein Ende machen! Jetzt will die Sekte zwei nagelneue Schächter nach Czortkow bringen. Höret, jedes Vieh, welches diese Schächter schlachten sollten, wird vollständig trefe sein! Denn wer sind diese Menschen, der Schlome, Sohn des Hersch aus Korolowka, ein „Kal Schel Kalim" (verwegenster Verächter der Thora), und der zweite ist der Sohn eines Schneiders! Man sagt, der Jung hat etwas „Chuinesch" (Pentateuch) und etwas Talmud gelernt. Aber hat er nicht auch aus deutschen Büchern gelernt? Und wo ist er ausgewachsen?! Unter Schneidern und Schneiderjungen! Wird ein solcher Mensch Schächter, so führt dies zum Untergang! Man sagt, -in Deutschland giebt es Schneidersöhne, die deutsche Bücher lesen und dennoch Schächter werden. Aber was ist die Folge? Die Folge ist, daß, wenn wir nach Deutschland reisen, wir uns peinigen und kein Fleisch genießen. Sollen wir uns auch hier peinigen?! ... Wir sind bedroht, vollständige Gojim zu werden! Brüder, Kinder Israels, wer Gott sich widmet, der folge uns nach! Wir haben einen allgemeinen Verein gegründet: „Tomche Hadath w'Haamunah" (Stütze der Konfession und des Glaubens). Der Zweck ist, die neue Sekte vom schlechte» Wege abzuleiten, unsere Stadt vor dem Abfall zu schützen, den Frieden herzustellen und für die armen Leute zu sorgen, die vor Hunger und Külte sterben. Brüder, wer Gott im Herzen hat, muß sich augenblicklich anschließen! „Denn nicht blos Einer erstand über uns, uns zu vernichten; der Heilige aber, gelobt sei er, rettete uns von ihrer Hand."" Der Aufruf that seine Wirkung, nicht blos die Chassidim, auch viele, die sich bisher für keine der beiden Parteien entschieden oder auch heimlich die Fortschrittspartei unterstützt, traten bei. Das war natürlich nicht allein dem Wortlaut des Aufrufs znzuschreiben, obwohl auch er geschickt genug war; die Ausbeutung des Vorurtheils gegen das Handwerk und das Vorgeben, auch für die Armen sorgen zu wollen, war klug erdacht. Aber die Hauptsache war doch, daß man nun Jeden zu einem offenen Bekenntniß seiner Stellung nöthigen konnte: wer den Beitritt ablehnte, war eben ein Feind des Glaubens! Und wer, dem es nicht um seine Ueberzeugung sehr ernst war, setzte sich der Gefahr aus, zu den Frevlern zu gehören, auf welche das Schlußzitat aus der Paffah-Hagada paßte?! Nun waren der Vorstand und der Rabbi Baruch Meyer Frisch im Besitz der Macht geschützt. Aber der „Friede" war deshalb noch nicht ganz „hergestellt", denn die Aufgeklärten lebten noch, namentlich auch Schapira, Buchberg und Kleiner, obwohl die Drei allerdings bereits ans dem besten Weg zum Verhungern waren. Aber auch dies sollte nun rascher und gründlicher gehen als bisher. Der „Frevler aus Korolowka" zog sich verschüchtert zurück und blieb, wo er war. Anders der verruchte „Sohn eines Schneiders" WMM

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