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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-19 · Heft 42 (19.10.1894) · p. Seite 498

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 42 (19.10.1894)
Date
1894-10-19
Page
Seite 498 (sequence 6)
Language
German
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- SÄST* -7V T-rw-nr-V???™ t* 498 Nun, Bruderherz, hast Du doch genug? Nur Muth und Gottvertrauen. Es kann noch Schlimmes kommen — aber nur die Furcht verdoppelt es und nimmt die Kraft, ihm zu begegnen. Dein Ludwig. Zum Abschluß dieser Publikation wollen wir noch ein sehr interessantes Schriftstück mittheilen, einen Brief nämlich, den der damalige Minister der Aufklärung in Rußland, Fürst Ouwaroff, an Philippson gerichtet hat, Derselbe hat folgenden Wortlaut: Geehrter Herr Doctor. Indem ich Sie hiermit benachrichtige, daß ich Ihr Schreiben Sr. Kaiserlichen Majestät meinem Allergnädigsten Herrn zu unterlegen das Glück hatte, gereicht es mir zur Freude, Ihnen zugleich melden zu können, daß in der That der Wunsch einer erhabenen Regierung dahin strebt, eine vollständige Anordnung für die Jüdenschulen im Sinne Mendelsohn's zu bewerkstelligen. Das Unternehmen ist aber mit desto größeren Schwierigkeiten verbunden, da die Hebräer sich hier zu Lande in der traurigsten Lage einer beinahe vollkommenen moralischen und intellektuellen Verwilderung befinden, von der man sich in Deutschland kaum einen Begriff bilden kann. Nur mit der gesammten Anstrengung einer im Schooße des Judenthums selbst erwachenden Kraft darf man auf Beseitigung solcher Hindernisse hoffen. — Wenn die Besseren unter dem Volke, und namentlich die aus Deutschland Berufenen, sich nicht als Lehrer und Rabbiner zur Ausführung des Planes der Regierung^ willig und muthig darbieten, so ist auf keinen Erfolg zu rechnen. In dieser Hinsicht sind wir gesonnen, sobald die Hauptmaßregeln gehörig geprüft und von Sr. Kaiserlichen Majestät bestätigt sein werden, eine Anzahl jüdischer Gelehrten zu berufen, .um ihnen den doppelten Auftrag des Lehramtes und des neu organisirten Rabbinerstandes zu verleihen. — Auch bin ich überzeugt, daß Sie und andere Gleichgesinnte im Zutrauen der Juden hervorragende Männer, einen lebendigen, fortwährenden Antheil an dem Gedeihen des Werkes nehmen werden, um unermüdet auf Ihre Glaubensgenossen zu wirken. — Je mehr Sie, geehrter Herr Doctor, für die Bildung Ihres Volkes gewirkt haben, desto mehr sind Sie und die Besseren unter demselben berufen, zum Heil einer halben Million moralisch verwaister Brüder sich thätig und warm bei dieser Gelegenheit zu zeigen. Sobald das Geschäft, das übrigens von einer Menge verschiedener Kombinationen abhängt, weiter vorgerückt sein wird, werde ich es mir angelegen sein lassen, Sie mit dem ausführlichen Plan bekannt zu machen. — Unterdessen halte ich für rathsam, sich nicht voreilig über die Angelegenheit öffentlich im Drucke zu laut vernehmen zu lassen, weil auch von dieser Seite leicht eine Polemik entstehen könnte, die vielleicht leidenschaftlich und grundlos, doch dem Gedeihen der Sache in den Weg treten könnte. Schließlich muß ich Ihnen, geehrter Herr Doctor, noch bekannt machen, daß der in Berlin residirende Russisch-Kaiserliche Gesandte, Baron Meyendorff, sich gern dazu verkündigen wird, jede Notiz, sowohl über Sachen wie über Männer, in reife Erwägung zu nehmen, und mir seine Ansichten freundlichst mitzutheilen. Auch wird es mir stets erwünscht sein, darüber in unmittelbarem Verkehr mit Ihnen zu stehen. Empfangen Sie hiermit zugleich die Versicherung meiner vollkommenen Achtung. — St. Petersburg, den 26. März 1841. (gez.) Ouwaroff. . 7. April- Bloß vierundfünfzig Jahre sind verflossen, seit ein russischer Minister s o an einen deutschen Rabbiner schrieb. Man sollte wirklich meinen, dieser Brief datire seiner Weltanschauung nach aus einem anderen Jahrhundert als dem der Dekrete über Judenvertreibungen und Jlldenbeschrünkungen, die das moderne Rußland Tag für Tag erleben muß. Allein auch in dieser Erkenntniß liegt ein geschichtlicher Trost, dessen Bedeutung wir nicht verkennen wollen. Polen und Chasfidim. Ein Kulturbild von Karl Emil Franzos.- . III. o waren dem Unglücklichen zwei Monate voll Sorgen und Kummer verstrichen. Dann trat noch einmal die Versuchung an ihn heran. „Geh' zum Rabbi," rieth ihm ein.chassidischer Freund, „gestehe die Wahrheit und Du bist gerettet!" Aber auch diesmal blieb der Mann fest, obwohl ihm das Messer nun dicht an der Kehle saß. Es war ihm ein geringer Trost, daß er um diese Zeit einen Schicksalsgenossen erhielt, den Fleischhauer Mosche Leib Buchberg. Dem Mann, der sein Gewerbe seit vierzig Jahren ausübte, wurde plötzlich gleichfalls von den Schächtern erklärt, die Vorsteher hätten verboten, für ihn Vieh zu schächten. „Warum?" fragte er entsetzt. „Das werden sie Dir selbst sagen!" Er trat vor das Triumvirat. „Was soll das heißen?" rief er. „Bin ich ein Sünder?" „Du nicht," war die Antwort, „aber Dein Schwiegersohn Leib Geisinger ist es. Erstens hält er es mit dem Schapira. Zweitens liest er deutsche Bücher und erzählt Anderen, was darin steht. Neulich hat er eine solche Geschichte von einem klugen Juden erzählt, der aber ein großer „Apokoiris" (Abtrünniger) gewesen zu sein scheint. Drittens sagt er, im „Cheder" lernt man schlecht hebräisch, man muß es nach der „Grammatik" lernen. Viertens sagt er, er glaubt nicht an die Wunderrabbis. Fünftens unterrichtet er unentgeltlich und raubt dadurch den „Melamdim" (Lehrern) das Brod. Und sechstens und zehntens und tausendstens er ist ein „Aufgeklärter" und bringt das Gift Anderen bei. Ihn können wir nicht treffen, aber Dich!" Buchberg verlegte sich auf's Bitten. „Er wird's nicht wieder thun," betheuerte er. „Das können wir glauben oder nicht," war die Antwort. „Wir müssen Sicherheit haben. Er soll einen Wechsel über tausend Gulden erlegen, als Pfand, daß er von nun ab Niemand mehr unterrichten, kein Wort aus den deutschen Büchern erzählen wirb. Geschieht es, so verfällt der Wechsel. Du aber sollst dreihundert Gulden Strafe dafür erlegen, daß Du sein Treiben bisher geduldet hast." „Ihr wißt," erwiederte Buchberg, „daß ich keine dreihundert Gulden besitze. Aber ich würde sie nicht zahlen, auch wenn ich sie hätte. Ich geh' zum Herrn Bezirks-Hauptmann!" Die Drohung versetzte die Vorsteher in unbändige Heiterkeit. „Geh' nur!" riefen sie, „daß er Dich gut empfangen wird, kannst Du gewiß sein! Hat denn Dein Leib blos Gott beleidigt? ES ist mit seine Schuld, daß die letzte Wahl nicht so ausgefallen ist, wie der Herr Bezirks-Hauptmann wollte."' Buchberg machte den Gang dennoch .„Herr Bezirks-Hauptmann," sagte er, „ich habe bisher ehrlich meine Steuern gezahlt. Und ich habe eine Familie von einundzwanzig Köpfen zu ernähren. Dulden sie nicht, daß ich brodlos werde." Der Beamte zuckte die Achseln. „Da kann ich nichts thun! Wir haben die Verfassung! Sie müssen doch wissen, was das ist, Sie haben ja selbst für den Kandidaten der Verfaffungspartei gestimmt. Und wenn Sie es dennoch nicht wissen sollten, so fragen Sie Ihren Schwiegersohn oder den Schapira. Wir leben in einem freien Staate. Ich kann den Schächtern nicht befehlen, Ihr Vieh zu schächten." „Und in einem freien Staate sollte eine Erpressung erlaubt sein?" rief Buchberg. „Tausend Gülden — dreihundert Gulden!" „Wenn Sie," war die Antwort, „glauben, daß hier eine Erpressung vorliegt, so müssen Sie sich an das Gericht wenden, an den Herrn Bezirksrichter. Adieu."

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