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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-19 · Heft 42 (19.10.1894) · p. Seite 497

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 42 (19.10.1894)
Date
1894-10-19
Page
Seite 497 (sequence 5)
Language
German
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- 497 - Ungedruckte Briefe vor: Ludwig Philippson. n. ndem wir in der Publikation bcr Briefe Ludwig Philippsons fortfahren, beginnen wir zunächst mit einem kulturgeschichtlich interessanten Schreiben, das uns beweist, wie sehr wir gegen jene Zeit zurückgegangeri, in der es entstanden. Wenn heute ein Rabbiner es auch nur wagen wollte, für ein christliches Publikum Vorträge über „die Religion der Gesellschaft" halten zu wollen! Der Brief ist datirt vorn 18. Februar 1848 und lautet: So eben habe ich die Vorrede zu meinen diesjährigen Vorlesungen, von denen schon 9 Bogen im Drucke fertig sind, geschrieben, und so will ich — nach abermaligem Vollenden eines Werkes — guoä telix faustumque sit — noch vor Abendbrod einige Zeilen an Dich, den Schweigsamen, schreiben. Ich freue mich. Dir bald diese Vorlesungen vorlegen zu können. Meine Zuhörer waren sehr befriedigt. Sie haben es mir auch durch die That erwiesen, denn sie haben eine Deputation, bestehend aus dem Justiz - Kommiss. Jungwirth, Leim - Fabrikanten Windschild, Kaufmann Schultze und Stadtverordnetem Weise an mich gesandt, die mir auf eine sehr eindringliche Weise ihre Anerkennung ausdrückte und einen großen silbernen Pokal mit Inschrift, von einem auffliegenden Adler gekrönt, überreichte. Da sowohl die Deputation Christen waren, als auch der größte Theil der Geber: so ist dies eine Ovation, die noch keinem jüdischen Geistlichen zugekommen. Was aber die Hauptsache ist, so habe ich durch meine diesjährigen Vorlesungen das Vorurtheil, welches mir als Juden in den mittleren Kreisen auch hier noch entgegenstand, gänzlich besiegt, und ich kann für nächstjährige Vorlesungen, so Gott will, auf einen ausgedehnten Hörerkreis rechnen. Zu ihnen bin ich bereits mehrseitig aufgefordert, und habe ich mir auch schon die Idee dazu gebildet. — Einen weitern Beweis erhielt ich in diesen Tagen. Ich will meine drei Mädchen nach der höhern Töchterschule bringen, und bin beim Magistrate für sie um freie Schule eingekommen. Derselbe bewilligte sie mir als eine Auszeichnung, „da dies Gesuch über alle üblichen Bewilligungen hinausgehe". Gott sei Dank! liegt jetzt der 2. Band der Bibel vollendet vor mir. Ich sende Dir anbei außer Deinem Zeitungsexemplar die letzten Hefte; doch folgt Register und Haupttitel erst mit der folg. Lieferung. Auch die ersten Bogen der Psalmen liegen bereits zur Korrektur vor mir. — Das Werk gewinnt immer mehr an Freunden. Vor einigen Wochen erhielt ich vom Vorstande zu Stockholm die Bitte: ich möchte ein Exemplar der Bibel und ein Begleitschreiben, worin ich über die Emanzipation spreche, denselben für den König Oskar einsenden, damit sie Beides überreichen, da sie sich davon auf die schwebenden Verhandlungen über Emanzipation Gutes versprechen. Ich werde morgen ihrem Verlangen genügen. Der folgende Brief schildert die Ereignisse des Jahres 1848 und ben Antheil, den Philippson an denselben genommen. Er schreibt am 1. April d. I. an seinen Bruder: Welche bedeutsame Zeit an uns vorübergeht, aller Junge — gut daß wie sie erleben, mit Gott überleben; es ist doch einmal wieder Leben in das langweilige europ. Leben gekommen, und was als Entwickelung langsam zu reifen schien, das hat sich wieder stoßweise Bahn gebrochen, bei welchen Stößen freilich nun viele hart weggekommeu. Welche Stockung im Geschäftsleben vorhanden ist und von Tag zu Tag wächst, das kann der am besten sehen, der in einer Handelsstadt lebt. Alles geht spazieren. Alles zieht Die Stirn in düstere Falten, Alles will Ruhe - um jeden Preis, und die meisten Philister würden gern Alles wieder hingeben, wenn — die Ruhe wieder käme. Sie sehen nicht ein, daß die Ruhe auch bei aller äußern politischen Ruhe nicht geblieben wäre, sie vergessen, daß die Stockung bereits von Jahr und Tag herdatirt, und daß sie tief in den sozialen Verhältnissen beruht, denen die politische Freiheit auch nicht abhelfen kann, da diese höchstens die Wege zu einem völligen Umschwung erleichtern wird. Daher sehe ich denn auch noch lange keine Ruhe ab, und wenn die Verfassung da sein wird — dann erst wird der rechte Kampf losgehen, dann das eigentliche Werden, die soziale Frage zum Durchbruch kommen. Allein haben wir uns noch nie an den herrlichen Wettern des Herrn erhoben gefühlt? Haben Blitz und Donner nicht ihr Erhebendes, Erstarkendes, Stählendes? Darum Muth und Zuversicht; die Menschheit muß hindurch. Es konnte nicht anders sein, es kann nicht anders werden. — Willst Du nun auch Etwas von mir erfahren? Ich muß es Dir gestehen, daß mich alle diese Ereignisse sehr erregt haben, und daß ich mich erst jetzt aus den verschiedensten Affekten wieder zur Ruhe hindurch - gearbeitet habe Bis jetzt habe ich denn auch einige Früchte bereits geerntet. Sonntag Nachmittag hatte ich einen wunderschönen Dank- und Trauergottesdienst eingerichtet. Meine Predigt war ganz gemäßigt abgefaßt: was ist geschehen? was muß geschehen? welcher Geist muß uns hierzu beseelen? Aber die Stunde schlug mir ein Schnippchen. Ich betrat die Kanzel. Kopf bei Kopf die Treppe voll, der Hof voll, eben so viele abgewiesen. Zwei Drittel Christen. Drommete und Trommel waren verklungen, zwei Psalmen gut abgesungen. Da ergriff es mich, und mit den ersten Worten, die ich sprach, war mein Vortrag in eine Gluth hinübergeschlagen, die das gemäßigte Wort in eine ganz andre Region überschlug. Ein Herr von der Regierung, der dabei war, sagte: ich wäre ein Vulkan gewesen, der Flammen sprühte. Das war der Sonntag. Auf Montag Abend war meine Vorlesung angekündigt. Da war aber auf drei Uhr eine Bürgerversammlung berufen in die beiden größten Säle des Rathhauses, die zu Einem verbunden waren. Es wurde eine Adresse vorgetragen der servilsten Art, kriechend, voll lobhudelnden Vertrauens zum Landtage. Die Versammlung, wohl 5000 Köpfe, konnte sich nicht recht bewegen. Da trat der kernhafte Prediger Dulon auf und protestirte, aber auf so verkehrte und vor den Kopf stoßende, maßlose Weise, daß die Versammlung furchtbar verletzt und erregt ward. Dagegen traten Grubitz und Uhlich, aber so schwach auf, daß die Rathlosigkeit allgemein war. Dies war für mich der geeignete Augenblick. Ich stand neben einigen Christen, die sahen, daß ich sprechen wollte (die Leiter wollten es nicht sehen, Fabricius und Pax), da riefen sie: Dr. Philippson! Und so wie der Ruf ertönte, hallten beide Säle wieder: Philippson auf die Tribüne! Ich trat hinauf, und so wie ich erschien, bewillkommte mich ein allgemeines Bravo. Nun, l. PH., kam der Geist über mich, und unvorbereitet wie ich war, hielt ich eine fast einstündige Rede, deren jeder Satz ein lebhaftes Bravo erweckte. Ich sprach entschieden, in der gemessensten Weise, für den konstitutionellen König, sprach wider den Landtag und trug darauf an, daß die Adresse gedruckt werde, und erst den anderen Tag darüber abgestimmt. Dieser Antrag fand allgemeinen Beifall. Nun, l. Br., will ich und kann ich die weitere Details nicht schildern. Ich trat noch zweimal mit demselben Erfolg auf. Jndeß die Leiter sahen ein, daß, so wie mein Antrag durchging, ihre Adresse verloren war. Die Versammlung rief: Dr. Philippson soll eine andere Adresse abfassen; es half alles nicht, die Leiter überstimmten und ermüdeten die Versammlung, sie schnitten alle servilen Redensarten heraus, und ich — ließ den Kampf fallen, weil mir an der Adresse gar nichts gelegen war, denn was kommt's auf die an, da mein Zweck erreicht war, die Bürgerschaft zu wecken und sie ihre Leute kennen zu lehren. Nun sollten die Deputirten gewählt werden, welche die Adresse dem Könige überbringen sollten; die Versammlung rief abermals Dr. Philippson. Die Leiter trugen nun darauf an, die Stadtverordneten sollten die Deputirten wählen und hoben die Versammlung auf. Ich hatte den glänzendsten Sieg erfochten, man begrüßte mich als den Mann des Tages, und meine besonnene Opposition hatte den tiefsten Eindruck gemacht. Sehr viele Stimmen haben sich bereits dahin entschieden ausgesprochen, mich nach dem Wahlgesetz zum Deputirten zu wählen Ich gebe hierauf Nichts, denn das Wort „Jude" wird, wenn es zum Treffen kommt, davor stehen, und der panische Schrecken, der jetzt herrscht, wird sie einen Schwächling wählen lassen. Allein sie haben mich Alle kennen gelernt, und was mir bei Weitem mehr gilt — ich habe mich selbst kennen gelernt, ich habe erfahren, was ich in freier, improvistrter Rede vermag. Ich habe mir daher den festen Grundsatz gebildet: ich werde keine Gelegenheit suchen, aber jeder Aufforderung Folge leisten. Diese Woche wandte sich eine Anzahl junger Leute an mich, ihnen einen Aufruf wegen Holstein-Schleswigs abzufassen, ich that es natürlich. Auf Dienstag bin ich aufgefordert, einen Vortrag über die Stellung des Handwerksstandes in dem „Unterstützungsverein der hies. Handwerker" zu halten, ich werd' es thun. So will ich mir hier, sobald man wich dazu will, einen Boden schaffen, das Uebrige aber der Schickung Gottes überweisen.

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