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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-19 · Heft 42 (19.10.1894) · p. Seite 496

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 42 (19.10.1894)
Date
1894-10-19
Page
Seite 496 (sequence 4)
Language
German
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486 Ueber die innieriefle Lage der jüdischen Arbeiter ist bereits sehr viel geschrieben worden. „A foreign Jew is always eitlier a svveated or a sweater.“ Der eingewanderte Jude ist entweder ein unbarmherzig Ausgebeuteter oder ein unbarmherziger Ausbeuter. Diese Ansicht der Engländer war zum größten Theile richtig. Die Verhältnisse haben sich indeß seit einigen Jahren geändert. Die Arbeiterschutz-Gesetzgebung und das erwachende Klassenbewußtsein des jüdischen Proletariats beseitigen nach und nach die schreiendsten Mißstände des „Schwitzsystems". Die vor einigen Jahren ausgebrochenen jüdischen Strikes haben fast burchgehends höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit und gesündere Arbeitsräume zur Folge gehabt. . In England wurden von jüdischen Einwanderern die Cigaretten- und die Mäntelindnstrie eingefühlt. Früher war England ganz ans die Berliner Mäntelindustrie angewiesen. Ueber die geistige und moralische Lage der russischen Juden in London spricht sich M. Beer folgendermaßen aus: Die große Masse der Einwanderer kommt ans Gegenden, die, im Ganzen genommen, ans einem sehr tiefen Bildungsniveau stehen. Die christliche Bevölkerung, unter der die Juden in Osteuropa leben, besteht zum größten Theile aus Analphabeten. Und die Juden selbst, die als Slüdtebewohner auf einer höheren Kulturstufe sich befinden müßten, werden durch Erziehung und die Wunderrabbis an jeder edleren Geistesbildung gehindert. Dieselben russischen und polnischen Juden, die gegen den politischen Druck der russischen Regierung die ganze Welt in Bewegung setzen, unterdrücken rücksichtslos jede unter ihren Glaubensgenossen entstehende freiere Regung. Die jüdischen Emigranten bestehen nicht nur aus Leute», die vor dem Panslavismus der Romanows flüchten mußten, sondern auch aus hochbegabten, anfopferungsfähigen jungen Männern, die vor dem Pantalniudismus der Wunderrabbis nach Westeuropa flohen, um da Freiheit und Wahrheit zu finden. Aus diesen Elementen erwachsen die Pioniere der jüdischen Arbeiterbewegung. Es ist nach dem Gesagten selbstverständlich, daß diese Elemente, auf dem englischen Boden angekommen, sich soweit irgend möglich mit der englischen Sprache und Litteratnr bekannt inachen. Ganz anders ist es mit den übrigen Emigranten. Diese arbeiten bei Juden, Verkehren nur mit ihren Glaubensgenossen, und der Jargon (ein altes, verhunztes Deutsch, mit hebräischen und slavischcn Sprachelementen vermischt) wuchert hier ebenso üppig wie an den gebenedeiten Ufern der Weichsel und Wolga. Diese Juden bringen die ganze Kultur polnischer und lithauischer Städtchen nach London mit; das Oellämpchen leuchtet ihnen viel schöner als der elektrische Funke. Indeß die Tage dieser Herrlichkeit sind gezählt. Neben mehreren englische» Abendschulen für Erwachsene wirken die Freischulen für Jude», die von ca. 8500 Kinder» besucht werden. Die Lehrer dieser Schulen richten ihre ganze Energie darauf, den Kindern die englische Sprache beizubringen. Und diese Bemühungen werden von den schönsten Erfolge» gekrönt. Der Parlamentsbericht sagt hierüber: „Tliey enter tlie school as Russians and Poles and emerge often almost nndistinguishable from English children“ (Beim Eintritt in die Schule sind sie fdie Kinder) Russen und Polen und beim Verlassen sind sie oft kaum von den englischen Kindern zu unterscheiden). Zwischen den Eingewanderten und ihrer nächsten Generation besteht schon ein gewaltiger Unterschied. Der Jargon stirbt mit der ersten Generation aus. : Was die Moral betrifft, so stehen die Eingewanderten höher als die übrige Bevölkerung Londons. Es muß vor Allem hervorgehoben werden, daß es eigentliche „Paupers" unter den Immigranten fast nicht giebt. (Unter „Paupers" verstehen wir Leute, die jede Energie zur Selbsthilfe verloren und im Arbeitshanse oder ausschließlich von Armenunterstützung leben.) Während die russischen und pol„jsche» Juden im Ostende Londons 18 pCt. der Bevölkerung bilden, parlizipiren sie am Pauperismus nur mit 0,67 pCt. Ebenso gering ist ihr Antheil am Berbrechen. Im Jahre 1891 saßen 21 Juden im Gefüngniß. Nach der Volkszählung im selben Jahre gab es im Ostende von London 22,711 eingewanderte Juden über 15 Jahre. Das Verhältniß ist 1 zu 1081. So günstig dies Verhältniß ist, so stellt sich der Antheil der Juden am Verbrechen noch günstiger, wenn wir uns erinnern, daß die von der Statistik angegebene Zahl der Juden im Ostende von London eine viel zu niedrige ist. — Die übrige Bevölkerung Londons liefert 1 Verbrecher auf 993 Einwohner. Am Schluß des Kapitels über die Moralstatistik der Immigranten sagt der Parlamentsbericht: „Dieses Resultat bestätigt nur die Ansicht der mit dem Leben der eingcwanderten Juden bekannten Personen, daß sie (die Immigranten) im Ganzen eine friedlich e und gesetzestrene Gesellschaft sind" (S. 62). - In Betreff der sozialen Bestrebungen ist vor Allem zu bemerken, daß die politischen Verfolgungen in Rußland die Hauptursache der jüoischen Emigration bilden. Es kamen auch einige junge Männer, die theils als Sozialrevolutionäre vor den russischen Gendarmen, theils als Freidenker vor den Wunderrabbis flüchten mußten. Ihr Wunsch war, unter den jüdischen Arbeitern eine sozialrevolutionäre Bewegung zu entfalten. Leider waren Bakunin und Krapotkin ihre Lehrer gewesen. Sie gründeten (Bernerstreet 40) einen „Internationalen Arbeiterklub", in dem zum ersten Male polnische Juden über Sozialismus, Freiheit und Revolution diskutirten. Im Juli 1885 erschien die erste jüdisch-sozialistische Monatsschrift „Der Arbeiterfreund". Die Bewegung wuchs so, daß 1886 die Zeitung wöchentlich herausgegeben werden konnte. Die Grundgedanken dieser Agitation laffen sich in folgenden Sätzen zusammenfassen: Die soziale Frage kann nur durch Verwandlung des Privateigenthuins in Gemeineigenthum gelöst werden. Das Mittel ist die soziale Revolution. Als vorbereitende Schritte sind zu betrachten: Propaganda, Agitation, Gewerkschaften, Strikes, Demonstrationen. — Parlamentarismus und Kompromisse sind mit aller Macht zu bekämpfen. Es entstanden einige jüdische Gewerkschaften, die, wie oben erwähnt, viel zur Verbefferung der ökonomischen Lage der jüdische» Arbeiter beitrugen. Heute existiren in London 11 jüdische Gewerkschaften mit 2000 zahlenden Mitgliedern; außerdem bestehen 2 von jüdischen Arbeitern gegründete Produktiv-Genoffenschaften. Besonders hat sich auf diesem Gebiete ein Warschauer junger Mann, B. Feigenbaum, hervorgethan. Seine Vorträge wurden von Tausenden besucht. So lange die Bewegung noch klein war, herrschte Einigkeit und Harmonie. Aber mit der intensiveren Beschäftigung mit dem Sozialismus und mit dem Wachsen der Zahl seiner Anhänger kamen auch Meinungsverschiedenheiten an den Tag, die viel tieferer Natur waren, als man Anfangs geglaubt hatte. Wie weit das Klässenbewußtsein bei den jüdischen Arbeitern geweckt ist, zeigt die Agitation für die nächsten Parlamentswahle». Während englische Shopkeepers für den jüdischen Banqnier und Baronet Samuel Montagne eintreten, agitiren jüdische Proletarier gegen ihn, für den englischen Arbeiter und Sozialdemokraten George Lansbury. Das ist gewiß charakteristisch für die politische Reife der eingewanderten russischen Juden, die sich sicher auch aus den Umgarnungen anarchistischer und sozialistischer Agitatoren bald befreien und zu einer gesunden liberalen Weltanschauung bekennen werden.

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