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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-19 · Heft 42 (19.10.1894) · p. Seite 495

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 42 (19.10.1894)
Date
1894-10-19
Page
Seite 495 (sequence 3)
Language
German
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.werde stets im deutschen Volke echolos verhallen, denn jede Regierung werde sich Wen, eine solche „Revolution von Oben" zu heiligen, die eine „Revolution von Unten" rechtfertigen würde. Dieser Artikel in einer sogenannten „Unparteiischen Zeitung" sei erfüllt von Maßlosigkeiten, Ungerechtigkeiten und Ungehörigkeiten, und rechtfertige prinzipiell eine Gefängnißstrafe, event. aber eine höhere Geldstrafe. Dr. Lange führte demgegenüber aus, daß die drei Kläger nicht dem Antriebe ihres eigenen Empfindens gefolgt seien, sondern einer Anregung des Vereins der jüdischen Staatsbürger. Sein Artikel sei eine Antwort auf die Beurtheilung gewesen, welche das Verhalten der Offiziere aus Anlaß des Haynoverschen Prozesses in der „jüdischen Presse" gefunden. Er wollte das vollständig verschobene Bild der Hannoverschen Gerichtsverhandlung wieder zurecht rücken. Daß den Deutschen von der jüdischen Rasse unsägliches Unheil drohe und der Kampf gegen diese nachdrücklichst geführt werden müsse, sei seine Ueberzeugung, die mit ihm viele Leute theilen. Seine Zeitung sei nicht in dem vom Vorredner angeführten Sinne unparteiisch. Sie sei nur eine „unparteiische Zeitung für nationale Politik", d. h. sie sei parteilos gegenüber den parlamentarischen Parteien, behalte sich aber das Recht vor, alle Erscheinungen im öffentlichen und staatlichen Leben von dem Gesichtspunkte des nationalen Interesses zu prüfen. Er beantrage seine Freisprechung eventuell Zubilligung des Schutzes des § 193. Der Gerichtshof erkannte dahin, daß Dr. Lange in einem Falle der Beleidigung der Privatkläger schuldig und deshalb zu Hundert Mark Geldstrafe zu verurtheilen sei. Es sei nicht, wie behauptet worden, der ganze Artikel beleidigend, sondern nur einzelne Sätze, die man sich erst heraussuchen müsse, enthalten objektiv Beleidigungen. Solcher Beleidigungen seien in dem Artikel vier gefunden worden. Drei davon seien zwar auf eine größere Gesammtheit des Judenthums zu beziehen, jedoch nur insoweit, als es sich um Auswüchse handle, und in diesen drei Fällen könne nicht zugegeben werden, daß jeder einzelne Jude sich getroffen und beleidigt fühlen könne. Nur der eine Satz schließe jede Ausnahme aus, und da dieser Satz eine Beleidigung enthalte, so könne fich jedes einzelne Mitglied der jüdischen Gemeinschaft beleidigt fühlen. Von der Zubilligung des Schutzes des 8 193 könne gar keine Rede sein. Mögen auch die dem Angeklagten gegnerischen Blätter mit Angriffen vorangegangen sein, so war doch der Angeklagte nicht der Anwalt der Angegriffenen, der Angriffe durch Beleidigungen einer Gesammtheit erwiedern durfte. * Die Krankheit des Zaren veranlaßt natürlich die politischen Blätter, sich mehr als bisher mit dem r u s s i s ch e n Th r o n f o l g e r zu beschäftigen. So wird in angesehenen Blättern mitgetheilt: „Man berichtet, daß der Thronfolger fich sehr scharf über die Judenverfolgungen ausgesprochen und seinem Vater eine mit deutschen Randbemerkungen versehene Denkschrift über diese „dunklen Blätter" in der Geschichte Alexanders III. überreicht habe. Alle dem Westen zugeneigten Russen setzen angeblich auf den Großfürsten Nikolai große Hoffnungen." Me russischen Juden in London. eher dieses interessante Thema, das durch die von Lord Salisbury vorgeschlagene Fremdenbill in letzter Zeit sogar akut geworden, bringt die Monatsschrift „Neue Zeit" in Stuttgart eineu gut orientirenden Aufsatz von M. Beer, der allerdings auf sozialistischem Standpunkte steht, dem wir aber doch die folgenden, hauptsächlich statistischen Mittheilnngen eninehme» könne». Ueber die mat erielle Lage der russischen und polnischen Juden in London heißt es in diesem Artikel: Nach der englischen Revolution um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts wurden die Thore Englands wieder fiit die Juden geöffnet. Die jüdische Kolonie ließ sich im Osten Londons nieder, von wo ans sowohl die City wie der Hafen nahe zu erreichen ist; die ersten Einwanderer waren spanische, portugiesische und holländische Juden, die vornehmlich dem Handel oblagen. Erst um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wanderten - polnische und russische Juden ein, die zum größten Theile wegen politischer Verfolgungen ihre Heimath verlassen mußten. Sie ließen sich im Ostende Londons nieder. In diesem Theile wohnten bereits ihre Glaubens- und Stammesgenoffen, bei denen sie Hilfe zu finden hofften; dann fanden sie dort bereits religiös-jüdische Anstalten und Vereinigungen, wo sie ihre religiösen Bedürfnisse befriedigen nnd ihre rituelle Lebensweise weiterführen konnten. Das sind die Hauptmsachen, weshalb der Strom der jüdischen Immigration in das Ostende Londons sich ergoß. Jüdische Kapitalisten, die sich der Bekleidungsindustrie immer mehr bemächtigen, nehmen die Eingewanderten in Arbeit, was zur weiteren Ursache wird, daß sich die Juden im Ostende Londons konzentriren. In .den Ostdistrikten Londons zählte im Jahre 1891 die aus Rußland und Polen stammende jüdische Bevölkerung 23,666 Köpfe. Nach ihren Erwerbsarten vertheilten sie sich folgendermaßen: Art der Beschäftigung Männer Frauen Zusammen Baugewerbe. 299 — 299 Metallindustrie. BÖ 1 81 Buchdruckgewerbe. 54 — 54 Textilindustrie. Bekleidungsindustrie: 7 7 Stiefel- und Schuhmacher .... 1560 31 1591 Pantoffelmacher. 164 8 172 Schneider und Schneiderinnen . . . 4431 1296 5727 Kappenmacher. 320 86 406 Kürschner. 285 124 409 Kleider- und Mäntelmacher .... 109 193 302 Nebenarbeiten. 74 82 156 Zimmerleute und Holzarbeiter . . . . 681 9 690 Nahrungsmittel-Zubereitung . . . . 278 20 298 Uhrmacher, Juweliere rc. ..... 133 — 133 Sonstige gelernte Handarbeiter . . . 174 4 178 Matrosen .. 69 — 69 Fuhrleute und Bahnarbeiter .... 12 — 12 Friseure. 165 2 167 Cigarrenmacher. 251 113 364 Stock- und Schirmarbeiter. 198 2 200 Kellner, Dienstmädchen rc. Buchhalter, Expedienten, Kleinhändler, 27 349 376 Kommis, Haustrer re. 573 148 722 Lumpensortirer .. 47 4 51 Studirende, Spnagogenbeamte rc.. . . 1541 816 2357 Nicht angegeben .. 1321 7399 i) 8720 Rentiers. 37 88 125 Summa 12890 10776 23666 Diese bei der Volkszählung 1891 ermittelten Zahlen sind indes; viel zu niedrig. Das Ostende Londons zählt heute mindestens 35,000 jüdische Immigranten, von denen 60 Prozent in der Bekleidungsindustrie beschäftigt sind. Diese Konzentration der Inden in einem Gewerbe ist folgenden Ursachen zuzuschreiben: 1. wenden sich die jüdischen Einwanderer in Folge ihrer Unkenntiiiß der englischen Sprache und Verhältnisse an jüdische Fabrikanten, die, wie bereits bemerkt, die Bekleidungsindustrie betreiben; 2. geschieht dies, um den Sabbath feiern zu können; die englichen Fabrikakle befreien die Werkstätten, die hauptsächlich jüdische Arbeiter beschäftigen, von der Sonntagsruhe, damit die jüdischen Arbeiter nicht zwei Tage in der Woche feiern muffen. *) Das sind verherrathete Frauen, die, wie der Bericht an einigen Stellen angiebt, in der Industrie nicht thätig sind. Verheirathete jüdische Frauen sind viel seltener in Fabriken beschäftigt als englische Frauen, was in dem innigeren Familienleben der Juden seine Ursache hat.

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