Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 sein, welcher immerhin eine Anerkennung des jüdischen Wohlthätigkeitssinnes enthält und jüngst durch einen Urtheilsspruch des Schöffengerichts in Breslau seinen Abschluß fand. Eines Tages im November des? vorigen Jahres sprach bei einem dortigen christlichen Fleischer ein brünetter Mann mit den Worten vor: „Ein armer Jude bittet um eine Unterstützung." Der Fleischermeister erwiederte ihm aber: „Da gehen Sie doch zu Juden." Wüthend ging der Abgewiesene von dannen und schlug aus Rache im Hausflur eine große Scheibe der Windfangthür entzwei. Er wurde festgenommen und jüngst vom Gericht verurtheilt. Vor diesem entpuppte er sich als der vielfach, auch wegen Straßenraubs, vorbestrafte „Bäckergeselle" Fritz Springer — war aber kein Jude! — In den Reihen der altbewährten Kämpen für „Freiheit und Recht" hat der Tod in Sprottau eine klaffende Lücke gerissen. Ein leichter Tod machte am 4. v. Mts. dem thatenreichen Leben des dortigen ältesten Bürgers, des Synagogenvorstehers und Rathsherrn, Hausbesitzers und Destillateurs Oll endo rf ein Ende. Bon Jugend auf der liberalen Sache hingegeben, hat der Verblichene unentwegt an seinen Idealen festgehalten. Großes Vertrauen besaß er in der Bürgerschaft, die ihn schon vor vielen Jahren zum Vertreter im Stadtparlamente erwählte. Hier kämpfte er für die Rechte der Bürgerschaft in der entschiedensten Weise, obwohl er sich dadurch viel Feindschaft zuzog. Durch sein enormes Gedächtniß einen praktischen Blick, sein vermittelndes Wesen und sein Sparsamkeitsprinzip hat er sich um seine Heimathsstadt bleibende Verdienste erworben. In der Konfliktszeit entsandte man ihn in das Magistratskollegium, wo er bis zu seinem Ende, ebenso als Sparkassendezernent, mit großer Treue und reichem Segen wirkte Der Verstorbene hat die Kommune seiner Stadt auch längere Zeit hindurch im Kreistage vertreten. — Am Ende der Heuscheuerstraße in Reinerz, am Wege nach Goldbach, liegt ein mit einer Mauer umgebener, dreieckiger, kleiner jüdischer Friedhof, welcher im Jahre 1844 angelegt wurde und dessen erste Ansiedler das Ehepaar Naphtali, das beim großen Brande verunglückte, war. Der betreffende Friedhof, auf welchem später auch im dortigen Bade verstorbene jüdische Kurgäste Aufnahme fanden, soll nun von den Hinterbliebenen der Verstorbenen einer gründlichen Renovirung unterzogen werden. — Der Fleischer Ignatz Nebel in Myslowitz, welcher vor 40 Jahren vom Judenthum zum Christenthum übertrat, wollte jetzt wieder zu seinem früheren Glauben zurückkehren. Der Vorstand der dortigen Synagogengemeinde hat aber seine Wiederaufnahme in den Gemeindeverbynd abgelehnt. M. Hamburg, 9. Oktober. Unsere Synagoge hat dieser Tage einen kostbaren Schmuck erhalten. Aus Anlaß eines frohen Familienfestes wurde von dem hiesigen Bankier, Herrn C. Schönlank, für die Gemeindesynagoge Kohlhöfen ein kostbares Ehrengeschenk gestiftet, nämlich ein Ner Tamid. Dasselbe besteht aus einem Arm und der Ampel. Der Arm, welcher eine Fackel trägt, ist aus Kupfer getrieben und fünffach stark versilbert. Derselbe hat ein Gewicht von 45 Kilo. Die Ampel, welche aus ^/kjoo feinem Silber hergestellt ist und aus der rühmlichst bekannten Werkstätte für kirchliche Kunst von St. Rentrop in Altena (Westfalen) stammt, hat, nächst den aus starkem Gold hergestellten Ketten, ein Gewicht von 10,375 Kilo. Aus diesen Angaben wird man schon den Werth des Geschenkes, welcher nach Tausenden zählt, ermessen können. Dasselbe wurde am Donnerstag vor dem Feste von dem Oberrabbiner in Gegenwart des gesummten Vorstandes zum ersten Male angezündet. — Zu den vielen hier so segensreich wirkenden Vereinen gehört in erster Linie der Verein zur Gesundheitspflege schwacher israelitischer Kinder (Ferienkolonien), über dessen erfolgreiche Thätigkeit wir erst kürzlich berichteten. Zu den Damen, welche sich um die Gründung sowie Ausbreitung des Vereins verdient gemacht haben, ist vor allen Dingen die auch in weiteren Kreisen als Wohlthäterin bekannte Frau Emilie Haarburger zu zählen. Leider verläßt die so verdiente Dame in aller Kürze unsere Stadt, um nach Berlin überzusiedeln. Um Frau Haarburger einen Beweis seiner Anerkennung zu geben, hat der Vorstand des „Vereins zur Gesundheitspflege schwacher israelitischer Kinder" in seiner letzten Sitzung die Gründung einer „Emilie Haarburger-Stistung" beschlossen. Zu diesem Zweck sind vom Vereinsvermögen 5000 M. abgelöst und unter dem Namen „Emilie Haarburger- Stiftung" bei der „Depositenkasse für milde Stiftungen der deutschisraelitischen Gemeinde" belegt worden. Die Zinsen dieses Kapitals sollen alljährlich für die allgemeinen Zwecke des Vereins verwendet werden. Die von der hiesigen renommirten Firma M. Kimmelstiel & Co. künstlerisch ausgeführte Stiftungsurkunde wurde der Stifterin von zwei Deputirten des Vereins feierlichst überreicht. Dieselbe zeigt auf der Außenseite in rothsafsianem Umschlag die silbernen Initialen der Frau Haarburger. Im Vordergründe der Innenseite erblicken wir die Stifterin, welche sich in Gestalt eines Schutzengels schützend über mehrere Kinder beugt. Im Hintergründe sieht man das Heim der Kinder in Oldesloe. Auf flatterndem Bande stehen die Namen der Orte verzeichnet, wo die Kinder waren, wie Oldesloe, Wandsbeck, Travemünde, Segeberg und Lüneburg. In der Mitte befindet sich die Widmung: „Der Verein zur Gesundheitspflege schw. israelitischer Kinder seiner Emilie Haarburger". Den Hintergrund füllt eine Fernsicht Hamburgs aus. Das Ganze, von Herrn Kimmelstiel entworfen und künstlerisch ausgeführt, bildet ein ehrenvolles Zeugniß der hiesigen jüdischen Industrie. g. Dresden, 6. Oktober. Alljährlich findet im Zusammenhang mit dem deutschen Natursorschertag und in möglichster Nähe desselben ein „psychiatrischer Kongreß" statt, der in diesem Jahre in Dresden zusammentrat. Professor Mendel aus Berlin hielt auf demselben einen Vortrag über den revidirten Entwurf des neuen bürgerlichen Gesetzbuches. Angesichts der Angriffe, die in den letzten Jahren gerade gegen die unserer Glaubensgemeinschaft angehörenden Psychiater gerichtet worden sind, kann es uns mit besonderer Genugthuung erfüllen, daß die Kommission für das neue deutsche Gesetzbuch alle Anregungen des Prof. M. in ihrem zweiten Entwurf zu den ihrigen gemacht hat, wozu der Kongreß durch eine Resolution seine Zustimmung aussprach. Von hervorragenden Nervenärzten, die sich zu unserer Glaubensgemeinschaft bekennen, waren auf dem Kongreß anwesend: Dr. Heimann, Oberarzt der Edel'sAen Anstalt in Charlottenburg, Professor Mendel und die Doktoren Albert und Max Oliven, Leiter der von Prof. Mendel begründeten Anstalt in Pankow bei Berlin. E. G. Offenbach a. M., 4. Oktober. Heute feierte der in weiten Kreisen bekannte und hochgeachtete Lehrer, Herr K. Marx in Alsheim, seinen 70. Geburtstag. Von allen Seiten ließ man dem hochverdienten Manne Zeichen der Hochachtung und Verehrung zu Theil werden. Am Vorabend brachte ihm der aus lauter Nichtjuden bestehende Gesangverein „Sängerbund", dessen Dirigent Herr Marx schon seit 47 Jahren ist, ein Ständchen. Am Tage selbst erschienen zahlreiche Freunde und Kollegen, um dem in voller körperlicher und geistiger Rüstigkeit stehenden Jubelgreis ihre Gratulation persönlich darzubringen, während Andere durch Telegramme oder Briefe ihre Glückwünsche übermittelten. Alle Vereine, die Herrn Marx zu ihrem Gründer oder doch rührigsten Mitarbeiter zählen, wetteiferten in Zeichen der Verehrung. Die „Achawa" sandte eine künstlerisch ausgeführte Adresse; der Verein der isr. Lehrer Hessens ließ seine Glückwünsche durch seinen Vorsitzenden persönlich darbringen; ein Kreis von Freunden und Kollegen ließ durch einen ehemaligen Schüler und jetzigen Kollegen einen silbernen Becher überreichen. Die anwesenden Herren Rabbiner Dr. Salfeld - Mainz und Dr. Goldschmidt - Offenbach feierten die Verdienste des Jubilars in beredten Worten. So gestaltete sich das Fest zu einem Ehrentag des wackeren Mannes. Möge ihm ein heiterer Lebensabend beschieden sein. £ Marburg, 9. Oktober. Ein Prozeß wegen Beleidigung der Einjährig-Freiwilligen jüdischer Religion wird in nächster Zeit die Strafkammer des königl. Landgerichts beschäftigen. Der zu Marburg unter der Redaktion des Reichstagsabgeordneten Dr. Böcke! erscheinende „Reichsherold" bezichtigte vor einigen Wochen Einjährig- Freiwillige jüdischer Religion in sofern der Zechprellerei, als er behauptete, sie hätten während des Manövers bei ihren Quartiergebern bessere Speisen und Getränke mit der Versicherung bestellt, daß die Regimentskasse dies bezahlen werde. Da diese Versicherung eitel Lüge gewesen, so wären die Quartiergeber stets die Geprellten, denn sie vermochten nicht einmal anzugeben, welchem Truppentheil die Einjahrig-Freiwilligen angehört haben. Eine Anzahl Einjährig-Freiwilliger jüdischer Religion wandte sich aus diesem Anlaß an den „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Der Vorstand des von diesem Verein unterhaltenen Nechtsbüreaus hatte darauf eine Eingabe an den Kriegsminister gerichtet, der vor einigen Tagen geantwortet hat, daß er gegen den verantwortlichen Redakteur des „Reichsherold" wegen Beleidigung der Einjährig- Freiwilligen jüdischer Religion aus Grund des § 186 des Strafgesetzbuches den Strafantrag gestellt habe.