Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- Seite 492 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sprechsaal. Äls langjähriger Abonnent Ihres geschätzten Blattes lese ich die Aufsätze mit vielem Interesse, besonders, da ich viele meiner eigenen Ideen darin ausgesprochen wiederfinde. Jedesmal aber, wenn ich die Worte „altes Testament" für die Bibel oder besser die heilige Schrift lese, finde ich die Benennung nach meiner Auffassung nicht richtig, und zwar aus dem Grunde, weil nur der Mensch seinen letzten Willen testiren kann und sich ganz und voll bewußt ist, daß mit seinem Tode jede Einwirkung auf das Geschick der Menschen zu Ende ist. Die Benennung Testament kann folglich nicht auch auf die heilige Schrift Anwendung finden, die, von der Erstehung der Welt, Erschaffung des Menschen, der Gotteserkenntniß, den zehn Geboten und Sonstigem handelnd, durch Moses von dem Einen Einzigen ewig lebenden Gott, gelobt sei sein Name, nicht allein für Israel, sondern für die ganze Menschheit gegeben worden ist Wenn meine Auffassung richtig, so vermeide man fernerhin, wenn von der heiligen Schrift die Rede: Testament zu schreiben, lieber: Bibel; irre ich, so bitte um Aufklärung, wodurch Sie mich verbinden würden. Hamburg, im September. Ganz ergebenst B. A. * Geehrter Herr Redakteur! öKNer Wahrheit die Ehre! Soeben lese ich in Nr. 40 der Allgem. Zeit. cd des Judenth.", daß der Pfarrer in Hebel die Ausnahme des Names Moses Fränkel in die Gedenktafel für die gefallenen Krieger verweigert hat. Der Pfarrer des Kirchsprengels Hebel — der Ort liegt in unmittelbarer Nähe meiner Heimath — ist mir stets als ein liberaler Geistlicher, als Feind der Antisemiten und Freund der Juden geschildert worden, der auch seine Einkäufe an Waaren und Vieh bei Juden besorgt. Derselbe hat auch, wie mir wiederholt während meines Ferienaufenthaltes in Hebel erzählt worden, bei den Wahlen gegen Liebermann v. Sonnenberg agitirt und gestimmt. Seine Gemeinde Hebel ist allerdings zur Zeit der Reichstagwahl, aber auch nur dann, antisemitisch. Die Versprechungen des Liebermann v. Sonnenberg, ihre Hypothekenschulden durch Juden tilgen zu lassen, berauscht ste, und daher stimmen sie für ihn. In dem vorliegenden Falle scheinen mir mehr die Kirchenältesten aus-' schlaggebend gewesen zu sein. Uebrigens ist der genannte Moses Fränkel nicht auf dem Schlachtfelde gefallen. Derselbe erkrankte im feindlichen Lande am Typhus und ist dieser Krankheit in Paderborn, wohin man den Kranken transportirt, erlegen. Dort hat er auch seine letzte Ruhe gefunden. Hochachtungsvoll Hamburg, 5 Oktober. I. Goldschmidt, Lehrer. * Geehrter Herr Doktor! (ySKie Bemerkungen über das Wort „Rea" betreffend haben mir Vercd anlassung gegeben, über den Gegenstand überhaupt ein wenig nachzudenken. Ich legte mir zunächst folgende Fragen vor: 1. Welches ist die genaueste und entsprechendste Übersetzung des Wortes „Rea"? 2. Wird mit dem Worte „Rea“ nur der Freund, der Volksgenosse oder auch der Feind, der Fremde gemeint? 3. Lehrt das alte Testament die Liebe und die Duldung nur gegen den Freund, oder auch ohne jegliche Einschränkung gegen den Feind? Antwort: ad 1: Das hebräische Wort „Rea“ bedeutet „Gefährte" das engliche Wort „fellow" giebt es adäquat wieder; es kann nämlich heißen: fellow-man, Mitmensch; fellow-eommoner, Theilhaber; fellowcreature, Mitgeschöpf; fellow-eitizan, Mitbürger; fellow-minister, Amtsgenosse; fellow-prisoner, Mitgefangener; fellow-subject, Landsmann; fellow-worker, Mitarbeiter; und als Verbum bedeutet es „zusammenpassen, paaren " Das Wort „Rea" wird im Hebräischen nicht nur von Menschen, sondern auch von Thieren und leblosen Gegenständen gebraucht und zwar da, wo zwei gleichartige Dinge nebeneinander oder gegenüber stch befinden. „Und er (Abram) brachte alle diese Stücke und legte jedes Stück dem andern (Reehu) gegenüber." 1. B. M. K 15, 10 ad 2: „Rea" bedeutet nicht nur den wohlgesinnten, sondern auch den feindlichgesinnten „Gefährten". Beweis: „Und er, Mose, sprach zum Schuldigen, warum schlägst du deinen „Rea" (hier Mitsklaven). 2. Buch 492 -— Mosis 2,11. — „Wenn Jemand seinen „Rea" vorsätzlich mit Hinterlist umbringt, so . .." 2. Buch Mosts 21, 14. — „Da sagte Samuel zu ihm (zu Saul): so hat heute der Ewige dir die Regierung über Israel entrissen und sie deinem „Rea" (seinem Erzfeinde David) gegeben, der besser ist als du." ad. 3: Ja! Die hochherzige Rücksicht und Liebe, die Christus auch gegen den Feind empfiehlt, hat er nicht aus dem heidnischen Hellenismus, sondern aus dem Judenthum, speziell aus dem alten Testament geschöpft. Wo aber ist die Liebe auch gegen den Feind im alten Testament ausgesprochen? Hier drängt sich uns die rabbinische Mahnung auf die Lippen: „Möchten doch euere Ohren hören, was euer Mund spricht." Sehen wir uns nur den 18. Vers des 19 Kap. im 2. Buch Mosis ganz an, und wir finden, was wir wünschen. „Du sollst dich nicht rächen und nicht Zorn halten gegen die Kinder deines Volkes, sondern liebe deinen „Rea" wie dich selbst." Wir fragen nun: an wem/sollen wir uns nicht rächen und gegen wen sollen wir nicht Zorn halten? etwa gegen unseren Freund? Gegen den haben wir ja nichts, an dem haben wir doch nichts zu rächen? Hier ist offenbar der feindlich gesinnte „Rea", von dem wir nichts Gutes zu. erwarten haben, der uns bereits Böses zugefügt, gemeint, und dennoch gebietet das alte Testament: „Liebe deinen „Rea" wie dich selbst." Ob dein „Rea" dir wohl- oder bösegesinnt ist, du mußt ihn lieben, und zwar wie dich selbst. In dieser Annahme unterstützen uns die Verse 7 und 8 des 23. Kap. im 2. Buche Mosts. Wir haben nun zur Genüge gesehen, daß das Wort „Rea" ohne Rücksicht auf die Gesinnung „den Nebenmenschen" bedeute; uns bleibt nur noch nachzuweisen übrig, ob das alte Testament das Gebot der Liebe auch gegen den Fremden, den Andersgläubigen und den Angehörigen eines andern Volkes geübt wissen will. Es wäre ein unnützes Mühen, wenn wir durchaus nachzuweisen strebten, daß in dem auch „Kreti und Pleti", die Waltongusen und Botokuden gemeint sind. Hören wir, was in dieser Beziehung die Bibel befiehlt: 2. B. M. 23, 9: „Drücket keinen Fremdling, ihr wißt, wie einem Fremdling zu Muthe ist, denn ihr wäret Fremdlinge im Lande Mizraim." 3. B. M. 19, 33- 34: „Wenn ein Fremder (Nichtjude) stch in euerm Lande aufhält, so müßt ihr ihn nicht drücken. Der Fremdling, welcher sich bei euch aufhält, soll euch so gut als der Einheimische sein; du sollst ihn lieben, wie du dich selbst liebst, denn Fremdlinge wäret auch ihr im Lande Mizraim, ich der Ewige euer Gott!" 3. B. M. 24, 22: „Gleiches Recht sollt ihr Alle haben, der Fremde wie der Einheimische, denn ich bin der Ewige euer Gott!" Um nicht mit Citaten zu ermüden, bitte ich noch folgende Verse im alten Testamente nachzuschlagen, und zwar: 3. B. M 25, 35, 4. B. M. 15, 16, 5. B. M. 10, 19-20, 5. B. M. 23, 8, 5. B. M. 24, 14, 5. B. M. 26, 11-12. Wir resumiren: „Rea" bedeutet sowohl den Freund als auch den Feind; dem alten Testament gebührt die Priorität der Lehre der Nächstenliebe, ohne Einschränkung und Vorbehalt, gegen Jedermann, er sei unser Freund oder Feind; das alte Testament lehrt Liebe und zarte Rücksicht gegen alle Menschen, weß Volkes, weß Glaubens und Standes sie auch sein mögen! „Haben wir nicht Alle einen Vater, hat uns nicht Alle ein Gott geschaffen? Warum sollte Bruder gegen Bruder treulos handeln und entweihen den Bund der Väter?" (Maleachi 2, 10). PM*» non Die Welt ist auf Liebe gegründet. Unruhstadt. Bernstein. (Mit diesem Resume ist die Debatte über das Gesetz der Nächstenliebe in der Bibel als genügend geklärt, abgeschlossen. Die Red.) * meinem Aufsatz „Ein Blatt aus der jüdischen Geschichte" in Nr. 40 c3 sind einige Druckfehler stehen geblieben, die ich Sie zu berichtigen bitte. Seite 472 Spalte 2 unten muß es heißen „in dem seines Götlertandes überdrüssigen Rom (nicht Götterlandes), Seite 473 Spalte 2 .unten „Italien hatte in ^uzzatti seinen ersten jüdischen Minister (nicht hat), Seite 474 „Major Olivetto (nicht Blivetto) und - schließlich die „Gilde der R acen hetz er"'(nicht Racenhetzen). Ratibor, 5. Oktober. Dr. Adolf Blumenthal. Druck und Vertag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion.- Max Bauchwitz in Berlin.