Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- Seite 491 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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In der islamischen Sektion hielt G oldziher-Budapest einen höchst interessanten Vortrag über die Anfänge der Poesie bei den Arabern, der die Aufmerksamkeit und den Beifall der Fachgenossen in außergewöhnlichem Maße erweckte. Er legte dar, daß die arabische Poesie aus Zaubergesängen hervorgegangen und die arabischen Dichter ursprünglich nichts als Zauberer und Beschwörer gewesen seien, deren Aufgabe hauptsächlich darin bestand, durch magische Formeln und Gesänge den Feinden ihres Stammes ein Leid zuzufügen. Wir finden das älteste Beispiel für diese Rolle des Dichters im alten Testament in der Geschichte Barlaams. Goldziher versuchte diese alten Zauberformeln der alten Araber zu rekonstruiren und bewies, daß ihre Form die der Saga war, deren metrische Entwickelung später erfolgte. Im Laufe der Jahrhunderte haben diese magischen Formeln die satirische Poesie hervorgebracht, deren Rezitation ursprünglich von gewissen Gesten und Handlungen begleitet war. Der Vortragende wies nach, daß die alte Ausdrucksweise der arabischen Dichtkunst wesentliche Züge dieses ihres Ursprungs bewahrt hat. Von den übrigen Vorträgen aus dieser Sektion sei hier der von Grünert-Prag über Eduard Glasers letzte Reise nach Südarabien erwähnt. Glaser hat von dieser Reise 252 Handschriften und eine Anzahl Inschriften mitgebracht. Von den ersteren stammen 14 aus dem vierten bis sechsten Jahrhundert der Hedschra, gehören somit zu den ältesten, die überhaupt auf uns gekommen sind. Ihre Wichtigkeit besteht hauptsächlich darin, daß sie das arabische Sektenwesen aufhellen. Die übrigen Manuskripte gehören sämmtlichen Gebieten der islamitischen Wissenschaft und Litteratur an und sind alle vortrefflich erhalten. Prof. Hommel-Müuchen machte die Mittheilung, daß er über die von Glaser gesammelten Inschriften in der semitischen Sektion Bericht erstatten werde. Von den Verhandlungen der semitischen Sektion ist besonders bemerkenswerth eine eingehende Aeußerung Halevys-Paris über den Werth der Resultate der heutigen Bibelkritik, die er fast sämmtlich anzweifelt. Die ausschließlich litterarische Methode der Bibelforschung könne keine wissenschaftlich haltbaren Ergebnisse liefern; um solche zu erlangen, müsse man die Bibel mit der assyrisch-babylonischen Litteratur vergleichen, welche die westsemitischen Litteraturen fortgesetzt beeinflußt habe. Zum Schluffe wandte sich der Redner gegen die Leichtfertigkeit, womit manche Forscher in gewissen Texten Interpolationen vornehmen, .anstatt sich die Mühe zu nehmen, solche Texte gründlich zu verstehen. — Schweinburg-Eiben sch itz. 1. Le livre des Chretiens et le livre des Juifs des duchesses d’Autriche. Paris. Librairie L. Gerf. 19 Seiten in 8°. 2. Notice sur la communaute juive de Wiener Neustadt au XVe siede. (Extrait de la Revue des Etudes juives. Tome XXVIII). 38 Seiten in 80. Zu beziehen beim Verfasser, Wien, II. Bezirk, Brigittagasse 6. Wer wie der Autor der zwei oben erwähnten interessanten historischen Broschüren das Glück hat, die fast unerschöpflichen Archive Wiens benutzen zu dürfen, darf mit Recht Beachtung seiner Mittheilungen beanspruchen. Der Autor ist kein Neuling auf dem Gebiete der historischen Forschung, und wir sehen mit Vergnügen, daß seine Arbeiten mit jedem Jahr an Gehalt gewinnen. Der Nachweis, daß die Juden in Oesterreich bis zum 15. Jahrhundert Grundbesitz erwerben durften, ist von Herrn Schweinburg-Eibenschitz nunmehr, endgiltig erbracht, wichtige historische Daten werden berichtigt und die Onomastik der Juden wird gleichfalls bereichert. Wenn wir einen Wunsch äußern dürfen, so ist es der, daß die zahlreichen hebräischen Abbreviaturen aufgelöst würden, weil dieselben zum Verständniß der Aktenstücke nothwendig sind und nicht Jeder im . Besitze von Perreau's trefflichem Oceano delle abbreviature e sigle, das . nur in 60 Exemplaren verausgabt wurde, sein kann. Die Buchstaben 'J? 'D '5£ 'tP 'P entsprechen den Worten py DP „mit den übrigen Gerechten im Garten Eden," eine Formel, die in der Liturgie für die Seelenfeier für Verstorbene noch heute üblich ist. Auch die Litteraturgeschichte wurde durch die zwei verdienstvollen Arbeiten des Autors bereichert, und gratuliren wir dem Autor herzlichst, indem wir den Wunsch hinzufügen, daß es ihm gegönnt sein möge, eine Geschichte der Juden Niederösterreichs, die bis heute noch ein pium desiderium ist, bald veröffentlichen zu können. — In Memoria di Beniamino Luzzatto. Padova 1894, 114 Seiten in 80. Mit dem Bildniß des Verstorbenen. Am 20. Juni 1893 starb in Padua der ordentliche Pofessor für Pathologie an der Universität Palermo, Dr. med. Benjamin Luzzatto, Sohn des großen Sprachforschers Professor Samuel David Luzzatto s. A. Nicht weniger als 39 größere Schriften hat Professor Benjamin Luzzatto auf dem , Gebiete seiner Fachwissenschaft veröffentlicht, aber als Jude und würdiger Sohn seines Vaters war ihm die Wissenschaft des Judenthums nicht fremd, und so hat er auch einen größeren Aufsatz unter dem Titel: Identiä degli Hyksos cogli Israeliti (über die Identität der Hyksos mit den Israeliten) und Alcune considerazioni sul primo capitolo della Genesi (Einige Betrachtungen über das 1. Kapitel der Genesis) geschrieben. „Zur Jahrzeit" (welches Wort nebenbei bemerkt, schweizerischen Ursprungs ist) erscheint diese Schrift von den beiden Brüdern des Verblichenen u. z. Dr. jur. utr. Jsaja Luzzatto, Königlicher Notar, und Dr. jur. utr. Giuseppe Luzzatto, Advokat in Padua. Dr. M. Grünwald, Großrabbiner. ----- 1) Wie sehr man den jüdischen Massoreten für die treue Vererbung des Textes re. der heiligen Schriften dankbar sein muß, sehen wir an unseren, nach feststehenden Normen mit peinlicher Gewissenhaftigkeit ausgefertigten Thorarollen, die ohne die geringste Abweichung in Hinterindien dieselben sind wie in Berlin oder Breiten und keine Varianten zulassen. Nicht immer so korrekt waren früher die gedruckten in der Regel noch weniger die von nicht israelitischen Unternehmern rc. herausgegebenen hebräischen Bibeln (wenn wir von einigen Polyglotten absehen). So fiel uns kurz vor unserm Peßachfeste die als emendata und sehr korrekt bezeichnete III. Auflage derbiblia bebrai'cavon M. Christianus Reineccius (Lipsiae) in die Hände. Wir schlugen zufällig in zwei Kapiteln nach, die auf die Festgeschichte Bezug haben, und siehe da, Exodus K. 7 B. 19 steht (mit Steinen) mit y anstatt Und Jesaias Kp. 47 heißt es B. 7 — gar kein Wort und Sinn gebend — JT“121 $b anstatt also ein Wav anstatt 7! Ich blätterte bis jetzt nicht weiter etwa auf die Suche nach bedeutenden oder kleineren Druckfehlern. Aber solch genannte allein wären schon bedauerlich; denn errare humanum est,“ sed non errare humanius est. — 2) Betreffs der Etymologie des Wortes Marannos ergeht es wie mit dem „Essäer"; es sind schon viele Muthmaßungen und Erklärungen gegeben worden, ohne daß es allerwärts zu einem unbedingten Abschluß hierin gekommen. Was das Wort Marannen betrifft, das von manchen als „die Verfluchten" erklärt wird, was aber kaum verständlich ist, da die Onsim mehr bemitleidet wurden und ohne große Schwierigkeit wiederum in den Schooß der israelitischen Hauptgemeinde ausgenommen wurden, leitet .Florente in seiner Geschichte der Inquisition dasselbe von Maran atah unser Herr kommt (wird kommen), ab. — Wäre es nun nicht möglich, das Wort auch gleich dem amerikanifchen Strome „Marannon" zu erklären!? Als nämlich die südlichen Entdecker und Eroberer Perus das gewaltige Rauschen des großen tiefen Amazonenstroms erblickten, dessen Ursprung und Lauf sie nicht kannten, da standen sie vor einem Räthsel und frugen sich „Mare an non": ist's ein Meer oder nicht?" Ebenso betreffs des Glaubenszwanges der Marannen der Scheinchristen konnte außerhalb und innerhalb des Judenthums die Frage und der Zweifel entstehen, was sind sie, re. Das Wörtchen „Meer" (mare) braucht dabei gar keine Rolle zu spielen. Ueberdies wird ja auch das Leben der Menschen bildlich mit dem ruhigen oder stürmischen Meere verglichen. Bretten. Bezirksrabbiner Schlessinger