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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-12 · Heft 41 (12.10.1894) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 41 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
Seite 490 (sequence 10)
Language
German
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- . 490 - mir einzubilden, daß ich ihr nicht gleichgiltig sei. Ja, so dachte ich, wenn ich Vormittags mit meinen Lektionen an ihrem Hause vorbei meinen Spaziergang machte, wo mir holde Klaviertöne grüßend entgegen zu klingen pflegten — grüßend, wie ich glaubte — in der Thai übte sie wahrscheinlich ihr tägliches Pensum; aber ein liebetrunkenes Herz macht aus der Welt einen Zaubergarten. In dem unschuldigen Uebermuth meines Herzens fand ich ein stilles Vergnügen, ihre Eifersucht zu reizen. Bei dem Gastmahl führte ich die erste beste Dame zu Tisch, in deren Unterhaltung ich, angeregt durch den feurigen Wein und die Nähe der Geliebten, alle Funken meines Geistes sprühen ließ, während rings umher der gewöhnliche Tagesklatsch mühsam breit getreten wurde. Wenn dann am andern Morgen das holde Kind meine Tischnachbarin herausfordernd lobte, ihre Schönheit pries, so gab ich keine Antwort und ließ sie merken, daß mir die Dame vollkommen gleichgiltig sei. Das dauerte so eine geraume Zeit. — Manchmal war ich, durch ihren Liebreiz bezwungen, nahe daran, mich zu erklären, aber meine Scheu vor ihrer glänzenden Umgebung, mein Stolz hielt mich zurück, mein Stolz, mir nichts zu vergeben, aber noch mehr die Furcht, ihr Leid zu verursachen. — Ich hatte schon zwei Fälle auf dem Gewisten ich wollte nicht einen dritten verschulden. Ich hatte zwei Mal meine Liebe erklärt, und beide Male, nachdem ich gefunden, daß ich durch eine kupplerische Phantasie getäuscht worden, rückhaltlos mit den Mädchen gebrochen — die erste war gestorben — die zweite sah ich noch vor mir liegen, wie sie beim Abschied in wohlthütige Ohnmacht gesunken war — und wenn ich die dritte, dies süße Kind, verließ, wenn ich beim Nühertreten fand, daß ich keine wahre Liebe für sie gehegt, oder die Familie mich mit Hohn abwies, nein, ich wollte und durfte ihr diesen Schmerz nicht bereiten. Ta verheirathete sich ihr Bruder mit einer Ausländerin, und ich hörte gelegentlich,t daß auch ihr eine große, das heißt sehr reiche Partie aus derselben Gegend vorgeschlagen sei. — Sie mußte es wohl abgewiesen haben, die Familie mochte in sie dringen, denn sie schien verstört — ja eines Tages, als die beiden Familien bei uns zusammen speisten, brach sie bei Tisch unerwartet in heftiges Weinen aus, so daß der Bruder aufstand und die Widerstrebende aus dem Zimmer führte. Diese Scene hatte mich heftig aufgeregt, ich bildete mir ein, daß sie leide, mir zur Liebe, und sann auf ein Mittel, sie diesen Qualen zu entziehen. Aber wie ihr helfen, wie diesem unleidlichen Zustande ein Ende machen? Ha! Ich hab's. Eine starke, unerwartete Diversion, und sie ist gerettet. — Wenn ich mir heute, nachdem so viele Fluthen mir über das Haupt gerollt und das heiße Hirn gekühlt haben, diese Sache vorstelle, so kann ich nicht anders urtheilen, als daß ich damals, gelinde gesagt, nicht ganz bei gesunden Sinnen gewesen bin, denn daß ein normaler Mensch von über dreißig Jahren solch einen Plan fassen und ausführen konnte, wäre sonst undenkbar. Obgleich ich für den Esel von damals nicht verantwortlich bin, viel mehr hätte er für meine späteren Streiche aufzukommen, so wird es mir doch nicht leicht, diese Dummheiten mit ernster Miene zu berichten, weil Niemand anstehen wird, sie mir in die Schuhe zu schieben. Aber wenn Ihr'« denn durchaus wollt, so will ich fortfahren. Also, ich dachte mir nun, den verhaßten unsichtbaren Freier aus dem Felde zu schlagen, gebe es kein besseres Mittel, als selbst als Freier aufzutreten — aber nicht bei der Geliebten, daß wäre ja nach dem gesunden.Menschenverstände das Einfachste und Natürlichste gewesen, nein, bei der Mutter — den Eltern gebührt ja die Entscheidung über^das„Loos des Kindes, und ein Vater war nicht mehr vorhanden. Sie wird mich zurückweisen, natürlich, sie ist eine brave Frau, aber beschränkt und geldstolz. Ich werde einen Korb bekommen, gut, ich habe ja doch keine Hoffnung. je Franziska zu besitzen, ab dieses Abenteuer wird wie eine Bombe einschlagen und ihr vorläufig Rühe verschaffen. Am nächsten Vormittag, als ich meinen gewöhnlichen Spaziergang machte, nahm ich mir vor, meine Werbung anzübringen. Obgleich der Vorsatz fest stand, sträubte ich mich gewaltig dagegen, aber mit dem Eigensinn des blinden Theoretikers trieb ich die störrische Bestie in das Haus. Ich ließ mich melden. Die fette, alte Dame kam in etwas derangirter Morgentoilette herunter und fragte mich freundlich, was ich wünsche. Ich stotterte heraus, daß ich ihre Tochter liebe, und daß ich „ihrer Liebe gewiß sei. Der guten Frau stand der Verstand still. Ein Herr von Habenichts, ein unbedeutender Hauslehrer, eine wahre Null, die selbstverständlich von der Bildfläche der guten Gesellschaft zu verschwinden hatte, sobald ihre Dienste im Hause nicht mehr nöthig waren, eine solche imaginäre Größe wagte es, um die Hand der reichsten Erbin der Stadt anzuhalten! Sie war für eine Minute unfähig zu antworten. Nachdem sie sich gesammelt, erwiederte sie, nicht ohne einen Anflug mütterlicher Milde, daß sie meinen Charakter hochschätze, daß sie aber meine Bewerbung ablehnen müsse. Das hatte ich nicht anders erwartet. Ich stand sehr zufrieden auf und empfahl mich. Als ich nach Hause gekommen war und wieder oben in meiner Studierstube saß, merkte ich bald, daß mein Blitzstrahl eingeschlagen habe. Man lief im Hause auf und ab, Thüren wurden wiederholt zugeschlagen — ich lachte mir ins Fäustchen. Das halten sie Alle für eine Bombe, und es war doch nur ein Schreckschuß. Freilich, als ich um vier Uhr zu Tisch herunterkam und die langen Gesichter sah, verging mir das Lachen. Die Hausfrau, die Tante Fränzchens, sah noch gelber aus als gewöhnlich, und ihr furchtbarer Schnabel, in Gestalt einer Nase, krümmte sich so bedrohlich, daß ich mich verwundert fragte, was ich denn dieser edeln Dam^ zu Leide gethan hätte? Am Morgen besuchte mich Franziskas Bruder um mich zur Rede zu stellen. Meine sonderbare Lage fing an, auf meine Nerven zu wirken, es gab einige scharfe Worte, aber als sich ein Konflikt in Aussicht zu stellen schien, lenkte er ein und fragte mich, ob ich aus Franziskas eigenem Mund meinen Bescheid erhalten wollte. Das nahm ich an. In einer Stunde wurde ich hinunter gerufen. Es war Niemand im Zimmer. Aber bald kam das liebliche Kind in voller Toilette einhergerauscht und sagte stehen bleibend: „Mein Herr, Sie berufen sich, wie ich höre, auf meine Zuneigung, ich erkläre Ihnen daher, daß Sie mir vollkommen gleichgiltig sind," lind dabei eilte sie hart an mir vorüber, so daß ihr liebes Gewand meine Füße streifte, und war verschwunden. (Schluß folgt.) Fitterarische Mittherlungen. ---- Vom zehnten internationalen Orientalisten-Kongreß zu Genf werden folgende unsere Leser gewiß interessirende Mittheilungen gemacht: In der ersten Sitzung der semitischen Sektion legte Professor Budde-Straßburg einen Band der von ihm ins Deutsche übersetzten „Abhandlungen zur biblischen Wissenschaft" des verstorbenen Leydener Professors Kuenen vor, woran er Bemerkungen über einige Stellen des alten Testaments knüpfte. Bullinger-Bromley (Kent) überreichte im Aufträge der Londoner Trinitarian Bible Society ein Exemplar der von Dr. Ginsburg herausgegebenen hebräischen Bibel, Professor Nestle- Ulm den letzten Theil der Bibliotheca Syriaca des verstorbenen Pro

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