Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-12 · Heft 41 (12.10.1894) · p. Seite 489

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 41 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
Seite 489 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228082--51181-3274031
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

489 mit einem Blick leisen Verständnisses an und sagt nach einer Weile: „Haben Sie eine Karte?" „Ja, hier!" „Bitte, treten Sie näher," nnd er führt mich in das Vorzimmer. „Ich werde Sie melden." Wie lange ich da gewartet habe, weiß ich nicht. Mir schwindelte wieder her Kopf, weil ich einen Unbekannten anbetteln sollte. Ich werde in das Comptoir gerufen. Zwei Herren sitzen am Pult einander gegenüber. Sie schreiben Beide. Endlich blickt sich der ältere nach mir um. Ich stottere einige Phrasen heraus und überreiche meine Liste. „Wieviel beträgt der geringste Beitrag Ihres Vereins?" „Sechs Mark." Er nimmt die Liste, schreibt und giebt sie zuriick. Er hat zwanzig Mark gezeichnet. „Geben Sie auch nur," sagte der junge Manu, wie ich später erfuhr, der Neffe des Anderen. Ich gehorche. Er schreibt. „Du weißt, sechs Mark ist der niedrigste Beitrag," sagte der Onkel. Er nickt und reicht mir die Liste. Ec hat zehn Mark gezeichnet. Ich finde einige Worte des Dankes und eile hinaus. Das also war die Hölle, vor der ich zitterte. O, diese edel» Menschen! Ich diu so aufgeregt, daß ich über den Weg gehen n»d mich auf die nächste Bank setzen muß. Nein, die Menschen sind nicht schlecht, man muß suchen, und man wird inimer die Rechten finde», die schnöden Erfahrungen von gestern nnd vorgestern sind vergesse». Vergessen die schöne Frau, die mir, kalt lächelnd, die Liste mit den Worten zurück giebt: „Das Elend ist doch nicht auszurotten!" Vergesse» der großmächtige Bank-er, der mich inmitten seines zahlreichen Personals empfängt und mir erklärt: „Ich würde Ihnen gern etwas zeichnen, ist ja kein Gegenstand, aber ich kann es nicht thun, aus Prinzip nicht thun — Sie verstehen!" Ich starre ihn an nnd gebe keine Antwort. Weiß in meiner Dummheit auch wirklich nichts zu antworten. Später fallen mir die treffendsten Erwiederungen ein, die ich dann dein heraufbeschworenen Phantom energisch ins Gesicht schleudere, wobei ich meinerseits die Genngthuung habe, daß dies Mal mein Widerpart auch nicht ein Sterbenswörtchen hervorzubringen weiß. So sage ich z. B.: „Und wenn Jemand einst für Ihren Enkel betteln kommt, soll man ihm auch erwiedern, daß man aus Prinzip für Waisen nichts spenden darf? Freilich, wer heute Millionen besitzt, dem kommt es im ersten Angenblick befremdend vor, daß vielleicht in dreißig bis fünfzig Jahren nichts mehr davon vorhanden sein sollte; aber man hat andere Vermögen sich in Rauch auflösen sehen, und der erbleichende Geldprotz ahnt, daß seine Enkelkinder einst nach Brod schreien werden, wenn anders die Schuld der Väter bis ins dritte nnd vierte Glied gerächt wird." — Aber alles dies bringt kein Geld in meinen Beutel und keinen Trost in mein Herz. Ich kann diese gräßliche» Rohheiten unter einem augenblicklichen Lichtblick vergessen, aber die Wunden, die sie mir geschlagen, bluten im Stillen fort. Und warum habe ich diese Qualen auf mich genommen, denen ich nicht gewachsen bin? Ist es ein Verhängniß, daß der Mensch in dem wirken soll, das ihm. am meisten zuwider ist? Erwirbt er dadurch neue Kräfte? Für den behaglichen Genuß des Lebens organisirt, habe ich den Kampf gewählt. — Warum? Es stand in meiner Wahl, in den Armen eines reichen und schönen Mädchens das Leben zu verträumen — aber ich zitterte vor ihren Schätzen und wählte Armuth und Noth. > Ja, es war wie diesen Abend, häufig war ich auch damals vor ihrem Hause auf und nieber gewandert, endlich wider Willen hinein- Mrieben durch den unerbittlichen Vorsatz. Und wie war ich herausgekommen? Sie hieß Franziska, — nicht wahr? ein reizender Name —, und doch war er mir nicht immer so erschienen. Ich hatte eine Schülerin desselben Namens gehabt, bei der mein Herz kalt blieb, und da pflegte ich mit derselben Seelenruhe zu sagen: „Fahren Sie fort, Franziska," wie ich in der Knabenschule sagte: „Schweigen Sie, Schlemisalnik." — Eine andere Schülerin hieß Rosa, ein lieblicher Backfisch, aber der Name hatte mich so gleichgiltig gelaffen wie die wilde Minka oder die keusche Luise. — Warum mußte mir Franziska so ivundervoll ins Ohr klingen? War ich vielleicht verliebt? Nein, Tag und Nacht vergingen mir in ungetrübter Ruhe. Das Essen schmeckte vortrefflich und in ihrer Gesellschaft womöglich noch bester. Aber sie war ein liebes, gutes Kind, das Jeder gern hatte; warum sollte ich eine Ausnahme machen? Eine zart angehauchte Mädchenblülhe, der die Unschuld und Herzensgute aus den klaren und klugen braunen Augen blickte. Sie hatte nur einen Fehler. Sie war reich, und einen größeren, sie war sehr reich. Der zärtliche Vater hatte ihr in blinder Liebe den Hanpttheil seines ansehnlichen Verinögens vermacht. — Da ich mich des entgegengesetzten Vorzugs, arm, ja sehr arm zu sein, erfreute, so stand bei mir von vorhercin fest, daß sie nie die Meine sein könne, nnd darum hegte ich sie im Herzen mit einer Art selbstloser Zärtlichkeit. — Ich glaubte, mir diesen Lrixus gestatten zu dürfen, der mir wohl that und Anderen nicht schadete. Ich hielt mich stets in den Grenzen konventioneller Höflichkeit, wenn wir zusammenkamen, und das war oft der Fall. Die Familie, in der ich Hauslehrer war, verkehrte fast täglich mit der ihren, unsere Haussran war die Schwester ihrer Blatter, zwei Brüder hatten zwei Schwestern geheirathet. Ihr werdet diese Furcht vor dem Reichthum vielleicht sonderbar finden, aber ich hatte bemerkt, daß selbst diese einfache, reine Natur dem Geldstolz nicht unzugänglich war; sie hatte ein Mal hcrvorgehoben, daß ihre Mutter die Einzige wäre, die in dieser Straße Equipage hielt, und das machte mich staunen. — Aber in der That, wie soll sich der von zwei feurigen Rossen, in bequemer Karaffe Getragene nicht einbilden, etwas Höheres zu sei» als der Pöbel, der schildkrötenartig daneben trottelt und gelegentlich von dem Koth der sausenden Räder bespritzt wird, wenn er nicht schnell genug answeicht? Und gesetzt, sie bekehrte sich, wie sollte ich mit all' den Brüdern und der ganzen Sippschaft fertig werden, die Alle dem Mammon huldigten, weit er es war, der ihnen Rang und Ansehen verlieh? — Welche Rolle sollte ein Armer in diesem Kreise spielen, in den er sich eindrängte, während er ihn verachtete? Verachtete? »ein, das nicht. Wenn ich an ihren üppigen Gastmählern Theil nahm, wenn ich diese, von übermäßigem Weingenuß aufgedunsenen Gesichter betrachtete, diese funkelnden Augen, welche die zahlreichen Leckerbissen schon im Voraus verschlangen, während eine bleierne Langeweile über dieser fein geputzten Gesellschaft schwebte, so fühlte ich lebhaft nur, daß ich ein Fremdling unter ihnen war- Ich wußte damals noch nicht, daß die Menschheit psychologisch in zwei Klaffen zerfällt, in die Jasager und in die Neinsager, in die Geber und in die Nehmer, in die. deren größte Freude ist, zu genießen, und in die, welche die höchste Wonne empfinden im Entbehren — das wußte ich damals noch nicht. — Ich ließ mir diese guten Dinge gefallen als eine Art Experiment, das mir wenig gefiel, zumal, wenn ich sah, wie komisch diese Reichemunter ihrem Genüsse seufzten, daß ich aber als Philosoph verbunden >var, Alles mit durchzumachen. Freilich hatte ich dabei den Trost, in der Nähe des holden Fränzchens zu sein und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.