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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-12 · Heft 41 (12.10.1894) · p. Seite 488

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 41 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
Seite 488 (sequence 8)
Language
German
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488 - uns fortwährend entwickeln; denn ein Stillstehen und Ausruhen kennt die Natur nicht. Uns drängen eiserne, die Ereignisse regierende, Gesetze vorwärts, welche uns stets das Bild des Kampfes zwischen Licht und Finsterniß bieten. Die uns bekannten Erfolge lehren, daß das Licht immer siegen muß, wenn auch dessen Strahlen nur langsam und einzeln durch den dicken Nebel brechen." „Um das handelt es sich eigentlich, das hat er eben verneint." „Wie dumm! Blicken wir um einige Jahrhunderte zurück, und wir werden sehen, wie sehr wir während dieser Zeit vorgeschritten sind und die Natur uns unterworfen haben. Damals regierte die Unkenntniß und Furcht ihrer Kräfte, der Aberglaube und die Angst; jetzt beherrschen wir sie, aber wir keniren lind lieben sie zugleich als die Meisterin, die Nährerin des Körpers und des Geistes." Ludwig gerieth in Eifer. Er befand sich eben im dunklen Waldesdickicht, unter riesigen Buchen und Eichen. Durch die breiten Aeste drang spärlich der Sonnenschein. Eine angenehme Kühle und Dämmerung herrschte ringsum. Beide Jünglinge drangen durch das dichte Gebüsch vorwärts, die lustige Vogelschaar aufscheuchend und die Blätterhaufen, welche teppichartig den weichen Boden deckten, mit den Füßen auseinander scharrend. Hier und da hinderte sie ein Zwergstrauch oder ein Gebüsch von Disteln, die sich an ihre Kleider hefteten, im Weiterschreiten. Die Erde wechselte selten die Eintönigkeit ihrer Farbe, nur hier und da erglühte eine Erdbeere oder eine bunte Blumengruppe. , Bauer ließ Alles unbeachtet. Als ob er nicht dieser Erde angehörte, sondern in einer anderen Sphäre schweben würde, setzte er seine Rede fort. Die Worte entströmten ihm glatt und fließend, voll Ueberzeugungskraft und mit dem Bilderreichthum einer" üppigen Phantasie. Feurig und von seinenr Gegenstände ganz erfüllt, webte er an seine» bunten Träumen. Stolz wies er darauf hin, wie der menschliche Geist langsam aber stetig zum Bewußtsein seiner Würde gelange; er beginnt den blinden Glauben an seine Ohnmacht, an seine Abhängigkeit von übernatürlichen Gewalten und deren irdischem Dienern abzuschütteln; mit der Schneide der Kritik vernichtet er die Schranken des Vorurtheils und des Aberglaubens, die Losung der allgemeinen Erlösung aus jeglicher Bedrückung verkündend. Eingehend und umständlich bewies dann Ludwig, wie die riesigen Fortschritte der Erfindungen, der Kunstbetriebsamkeit und des Ge-, werbefleißes die ganze Welt in einer einzigen Umarmung vereinigen,' die Völker einander näher bringen und den gegenseitigen Austauschaller Schätze und Dienstleistungen veranlaffen. Die Sicherheit, Bequemlichkeit und die Hilfsmittel unseres Seins werden Allen zu-' gänzlich; es fallen die gleißnerischen Feigenblätter von manchen Lebensfragen und Angelegenheiten; der Mensch kommt zur Ueberzengung, daß er ja für diese Erde lebe, so arbeitet er denn für sie und seine Nachkommen, auf daß die zukünftigen Geschlechter in Wohlstand und Bildung einen von Steinen und Hindernissen ge-i säuberten Pfad finden mögen. Diese werden immer höher und - höher steigen auf den Stufen des Wissens, der Künste, des Genusses - und der Menschlichkeit; diese Leiter aber ist ohne Ende, ihre Sprosien ohne Zahl! Enthusiastisch schloß Ludwig seinen Lobgesang. Jetzt standensie an den Ufern jenes für Jizchak so denkwürdigen Bächleins. Sie: setzten sich ans einen dicken Baumstamm, um sie herum breitete sich■ eine ganz andere Welt aus. Hinter ihnen rauschte der in tausend: Stimmen tönende, in hundert Schattirungen ergrünende Wald, vor ihnen glänzten die rieselnden Wellen und zeichneten sich die Umrisse, der nahen, laut klappernden Mühle. Und dort, jenseits des Flüßchens, - lagen große, in schmale Streifen getheilte, mit verschiedenfarbigem, geschnittenem Getreide bunt bemalte Felder. Von der nahen Wiese trug der Wind den süßen Duft des frischgemähten Heues herbei, welcher die von der Hitze und ver angestrengten Aufmerksamkeit erschöpften Sinne erquickte. In den Furchen der Felder hüpften und zwitscherten die Vögel, tummelten sich bunte Schmetterlinge, dort vermischte sich das Brüllen der Rinder und die sehnsüchtigen Töne der Hirteupfeifen, dann wieder ließ sich das Schlagen der Wachtel vernehmen. Ludwig blickte strahlenden Auges um sich und athmete aus voller Brust. „Schauen Sie," sagte er ruhiger, „wie schön ist es hier. Wie herrlich ist doch die Welt, wie lieblich unsere Heimathserde!" Jizchak aber dachte an Anderes. Die Natur sagte ihm jetzt nichts, denn sein Herz war noch von Dunkelheit und Zweifeln erfüllt. „Ja," sagte er — „aber in dem Augenblicke, wo Sie das Schöne so sehr bewundern, sehen Andere nichts als Trauer vor sich; während Sie sich des Lebens freuen, verfluchen Viele das ihrige. ... Die Welt ist schön! aber wie Mancher vergeht grade jetzt vor Hunger. Lieblich ist unser Land, aber wie viel Weh und Verzweiflung birgt es. ... Ich kenne schon die Ideen, die Ihr vor mir entwickelt habt, Herr, und doch habe ich noch keine Antwort auf die Worte des Brodyers. Warum ist der Horizont so dunkel, ob auch zahllose Sterne glühen; warum giebt es so viel Elend, Abgründe und Wehklagen ouf der Welt, daß sie den Boden der Kultur ganz auszufüllen scheinen? Kann ein wirklich civilisirtes Zeitalter mit so vielen Flecken und Schwären bedeckt sein?" „Darüber wollte ich eben sprechen," unterbrach ihn Ludwig. „Blind und taub ist Derjenige, der es nicht erkennen will, daß wir uns auf dem Wege, von dem ich sprach, befinde»; ein Kind aber oder ein Egoist kann behaupten, daß wir am Ziele unserer Entwicklung angelangt sind und keiner weiteren Ausbildung mehr bedürfen; Alles, was bis jetzt gewesen, ist als die Einleitung, das Vorspiel zu dem, was sein wird, zu betrachten; das gegenwärtige Licht aber als die Dämmerung, die erste Morgenröthe eines Hellen strahlenden Tages, wo die Sonne in ihrer ganzen Herrlichkeit erglänzen wird, anzusehen. Wohl ist es richtig, daß die Civilisation jetzt schon weit gediehen ist; aber nicht minder beruht es auf Wahrheit, daß ihre Früchte blos einem Zehntheil der Menschheit erreichbar sind." „Darum eben ist es mir zu thun!" schrie Jizchak. (Fortsetzung folgt.) Aus dem Leben eines Träumers. Von W. Herzberg. (Fortsetzung.) o stehe ich lind träume, und träumte vielleicht noch jetzt, ivenn nicht plötzlich die Thür aufgerissen würde. Heller Lichterglanz im Vorsaal, ich stehe geblendet. Man mustert mich mit verdächtigenBlicken; es ist augenscheinlich der Hausdiener. Ich will sprechen, aber wie ich den Mund aufthue, sagt er: „Sie wünschen, mein Herr?" Herr Gott, diese Verlegenheit! Habe, ich den Namen des Mannes total vergessen. „Ich wünsche Herrn . . . Herrn ... zu sprechen." Der Mensch mochte wohl zu dem Schluß gekommen sein, daß ich weder ein Landstreicher noch ein Gauner sei. — Er sieht mich

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