Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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487 Das ist, wiederhole ich, eine Thatsache. Deshalb, weil er zwei Tage lang zu seinem Schmerze geglaubt, daß nicht alle Juden der Erde zugleich den Eingang des Sabbaths begehen, ist im Jahre 1875 in einer Stadt in Oesterreich ein Mann brodlos geworden. Das schien den „Aufgeklärten" in Czortkow doch über alles Maß des Geduldbaren hinauszugehen. Und ihre schwerzvolle Entrüstung war um so größer, weil sie nicht zweifelten, daß dem Joffele wohl verziehen worden wäre, wenn er sich durch die Lüge, daß Schapira die Ketzerei verbreitet, hätte loskaufcn wollen. Wie dem Joffele zu Muth war, braucht nicht erst gesagt zu werden: er war ja Familienvater! Aber trotzdem und obwohl er sich bisher zwischen beiden Parteien bewegt, kam ihm nicht der Gedanke, sich durch die falsche Aussage zu retten. Er sann auf andere Mittel. Zunächst suchte er die Czortkower Schächter durch flehentliche Bitten zu bewegen, ihm doch mindestens ab und zu ein Stück Vieh zu schlachten, nur so oft, daß er mit Weib und Kind nicht Hungers zu sterben brauche. „Unmöglich," war die Antwort, „weißt Du nicht, daß ein Schächter in der Hand des Rabbi ist?" Dann versuchte er es, sein Vieh im nächsten Städtchen schächten zu lassen, aber dazu fand sich auch dort kein Schächter bereit, sie waren allesammt Chassidim. Undselbst Schächter zu werden, konnte ihm nicht beikommen, er hatte das Handwerk nicht erlernt, und nun war er zu alt dazu. (Schluß folgt.) o m\ iiüunrnuam MiWmW lg -- . _j sw j 1 FEUILLETON H in 1 ifc MMM! IMMW jgt - , --D-— 1 i—i luMLuMlLZz I-» Der Iudenjunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feld mann. (Fortsetzung.) XX. ^cnn vor zwei Stunden die Verzweiflung der Mutter, die Rücksicht auf das Leben der Eltern seine entschiedene Absage hintangehalten hatten, so war er jetzt unbedingt entschlossen, das Heirathsprojekt mit aller Kraft zu bekämpfen. Warum? weshalb? ließ sich in ihm plötzlich das Echo des samstäglichen Gespräches mit dem Brodyer vernehmen. Für ein Gaukelwerk deiner Phantasie wirfst du das lebendige, greifbare Wohl fort. ... 'Jizchak war nicht im Stande, gegenwärtig mit kühlem Blute zu räsonniren. Er litt so sehr — es war ihm so schwer zu Muthe in diesem Augenblicke. Eines blos war ihm klar. Wenn er jetzt auf die Heirathsanträge einginge, würde er sich eines Betruges schuldig machen. Und er fühlte sich dafür viel zu gut — zu ehrlich. Ja, wenn aber Reb Lejbele wahr gesprochen — wenn Reb Zudyk Recht Hütte? Er vermochte nicht, seine chaotischen Gedanken zu ordnen. Sie kochten in ihm, überliefen und füllten siedend heiß all' seine Fibern. Er stand am Scheidewege. Welchen Pfad hatte er zu wählen? Vorgestern noch war er eins mit sich selbst gewesen — und jetzt — wohl bekämpfte die an ihm zerrenden Schreckgebilde, aber er fühlte, daß die Waffen feines Geistes nicht genügend geschärft — jetzt vollends stumpf zu werden begannen. .. . Nun, Herr Ludwig hat eine geübte, kundige Hand, er wird das Gewirre seiner Gedanken zu lösen verstehen. ■v Jizchak fand die Familie Bauer im Garten. Ludwig las, am Rasen sitzend, seiner Mutter aus einem Buche vor — und Fräulein Lola hörte, sich gemächlich in einer zwischen zwei Bäumen befestigten Hängematte schaukelnd, zu. Von Zeit zu Zeit klopfte sie mit einem langen Stocke auf den Boden, dann gerieth die Matte in raschere Bewegung, und die Mutter rief: „Um Himmels Willen, Du wirst ja hinausfallen!" „Dann werde ich zu Ludwig kommen und ihn bitten, mich aufzuheben," erwiederte sie ernsthaft. Ludwig wurde ungeduldig. „So fliege denn, wenn es Dir Freude macht!" und mit kräftiger Bewegung versetzte er die Schaukel in solchen Schwung, daß sie an die Zweige schlug. Frau Bauer erhob sich beunruhigt. „Ludtvig!" rief sie vorwurfsvoll. „Jin Gegentheil, ich bitte, noch ein wenig," neckte das, vom dichten Netz gänzlich bedeckte Fräulein. Jizchak stand schon eine Weile unbemerkt daneben. „Guten Tag," sprach er, still den Hut abnehmend. Alle begrüßten ihn freundlich. „Was fehlt Ihne»? Sie sind so verändert," frug Frau Bauer, ihn betrachtend. Fräulein Lola wendete sich in ihrer Matte nach ihni um. „Sind Sie krank?" frug sie im Tone sichtbarer Besorgniß. Jizchak empfand, wie es in ihm aufthaute; Blick und Frage des Fräuleins hatten ihn dergestalt gerührt und beglückt, daß er, von einer unwiderstehlichen Macht gedrängt, zu ihr Hinstürzen wollte, um vor ihr sich sattzuweinen und sie zu bitten, ihr Händchen küssen zu dürfen. „So viel liegt ihr also an mir," dachte er mit unsagbarer Wonne. Endlich vermochte er seiner Bewegung Herr zu werden. „Ich danke . . . danke sehr . . . mir fehlt nichts," stotterte er. „Ich wollte blos mit Herrn Ludwig sprechen." Ludwig schloß sich ihm sogleich an. „Lola wird der Mutter weiter vorlesen," sprach er, „ich gehe mit Herrn Graf spazieren." Sie lenkten ihre Schritte nach dem Walde. „Sie scheinen sehr aufgeregt zu sein." Jizchak klärte ihn auf. In den letzten Tagen war er mit Perönlichkeiten zusammengetroffen, welche die bisher so klaren Wellen seines Denkens getrübt haben. Er nannte den Brodyer. Ludwig kannte ihn. „Das ist ein schmutziger Egoist, dabei feig und schwachköpfig." „Und doch geben seine Worte zu denken." „Aber sie halten keine Kritik aus. Was will er denn beweisen? Daß es in der Welt noch viel Dummheit und Böses giebt? Wer zweifelt daran? Wissen wir doch am meisten davon, wir, die wir nicht müßig zuschauen wollen, sondern kämpfen und handeln, um sie mit der Wurzel zu entfernen, zu zerstören." „Wohl," sagte Jizchak, „er aber behauptet, daß keine Wendung zum Bessern zu sehen wäre, daß überall nur Falschheit und Schlechtigkeit herrschen." „Es giebt Menschen," rief Ludwig empört aus, „in deren schwarzem Gemüthe sich Alles schwarz und schief spiegelt. Und er gehört zu ihnen. Schon die oberflächliche Keuntuiß der weltgeschichtlichen Vorgänge reicht hin, um uns zu zeigen, daß wir immer vorwärts schreiten