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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-12 · Heft 41 (12.10.1894) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 41 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
Seite 486 (sequence 6)
Language
German
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MKffWW MM 486 »rz nach den Wahlen, am 1. Juni 1874, kam die Bezirks-Hauptmannschaft auf die Angelegenheit zurück. In welcher Weise? Schrieb sie ihm etwa: „Da Sie die Bücher am 16. Oktober 1873 nicht abgeliefert haben, so werden sie Ihnen nun, acht Monate später, abgenommen"?! Behüte, davon und von der Theorie, daß er nur als Kreisrabbiner die Bücher geführt, war nun nicht mehr die Rede. Nun hieß es wörtlich: „Hiermit werden Sie auch von der Führung der israelitischen Matrikel-Bücher enthoben, und zwar um so mehr, als in denselben verschiedene Unkorrektheiten aus der nächsten Zeitperiode wahrgenommen wurden." „Alls der nächsten Zeitperiode", das heißt aus dem Poleudeutsch übersetzt, „in letzter Zeit". Der Mann wlirde „enthoben", weil er n den letzten Monaten die Bücher unrichtig geführt. Das war, die Wahrheit der Anschuldigung vorausgesetzt, wirklich ein triftiger Grund. Dem armen Osias Meyer Schapira wurde bang um's Herz, iramentlich da ihm jener k. k. Beamte, der ihn früher „freundschaftlich" gewarnt, nun höhnend sagte: „Ja, Pani Schapira, zweien Herren dient sich schwer! Wie hätten Sie in den letzten Monaten, wo Sie hier die Wahl gegen uns machten, Zeit finden können, die Bücher ordentlich zu führen?!" Auch die Chassidim feierten ein Freudenfest und erzählten jubelnd, der „Deutsch" Schapira sei ein verloreirer Mann. Aber dann raffte sich der Gemaßregelte wieder auf; er war sich bewußt, die Bücher auch während der Wahlen ordentlich geführt zll haben. Auch meinte er, die „Inkorrektheiten" müßten ihm doch erst nachgewiesen werden. In diesem Sinne erhob er bei der Statthalterei in Lemberg Berufung und verlangte eine Untersuchilng, mindestens eine Mittheilung, welche Inkorrektheiten gemeint seien. Das war eigentlich nicht zu viel verlangt; man pflegt sogar dem Verbrecher nicht zu verschweigen, wessen er angeklagt ist. Dem Osias Meyer Schapira zu Czortkow in Galizien, einer Stadt im Rechtsstaat Oesterreich-Ungarn, wurde es nicht so gut. Am 21. Auglist 1874 wurde ihm vom Bezirks-Hauptmann lakonisch mitgetheilt, daß die Statthalterei am 18. Juli seine Berufung verworfen habe. Die Matrikeln führte der Osias Meyer nun nicht mehr und hatte damit seine Haupteinnahmequelle eingebüßt. Aber Rabbiner war er noch. Nach seinem Vertrag mit der Gemeinde konnte er auch nach seiner Auffassluig gar nicht ohne Grund abgesetzt werden. Auch fand der Vorstand der Gemeinde, der bis 1875 im Amte war und aus Chassidiinjund „Aufgeklärten" bestand, keinen solchen Grund. Aber das änderte sich, als bei den Wahlen von 1875 die Chassidim siegten. Die erste Handlung des neuen Vorstands war, den nicht offiziellen Rabbiner der Chassidim, Baruch Meyer Frisch, zum offiziellen Rabbiner der Gemeinde zu machen. Aber damit war nur die Tatsache geschaffen, daß es zwei offizielle Rabbiner in Czortkow gab. Ehe der Osias Meyer Schapira nicht eines Frevels gegen den Glauben überführt war, konnte er nicht beseitigt werden. Es galt also, einen solchen Frevel festzustellen. Und da ergab sich denn Folgendes. Ehe ich es erzähle, erinnere ich den Leser nochmals daran, daß ich nicht auf mündliches Gerede hin berichte, sondern auf Grund von Schriftstücken, die mir vorliegen. In Czortkow lebte ein Fleischhauer, Namens Jossel Kleiner, ein braver, fleißiger Mann. Er hielt es weder mit den Chassidim, noch mit den Aufgeklärten, sondern kümmerte sich einzig um seine Ochsen, die er von den Schächtern schlachten ließ, um dann das Fleisch an seine Kunden zu verkaufen. Dieser Mann also unterhielt sich im September 1875 an einem Freitag Abend nach dem Nachtessen mit zweien seiner Nachbarn, wie man sich eben an schönen Sabbathabenden des Sommers und Herbstes im Ghetto zu unterhalten Pflegt. Die beiden Leute saßen auf der Bank vor Joffel Klemers Hause und sie erörterten die Frage, wer nun eigentlich Rabbiner in Czortkow sei, Osias Meyer Schapira, der „Aufgeklärte", oder Baruch Meyer Frisch, der Mann, den der neue chassidische Vorstand ernannte. Der Eine entschied sich für Schapira, der Andere für Frisch, Joffel Kleiner aber, der es gern sah, wenn sowohl Chassidim als Aufgeklärte Fleisch bei ihm kauften, meinte: „Warum sollten es nicht Beide sein?" Dann aber wandte er, als feiner Diplomat, das Gespräch von dieser Frage weg auf allgemeine Dinge. „Liebe Leut'," sagte er beiläufig, „warum sollten wir uns streiten? Heut' am Freitag Abend! Heut' darf man fröhlich sein, trotz des „Golus" (der Verbannung). Ich freu' inich, wenn ich so denk', daß jetzt auf der ganzen Welt die Juden vor der Hausthür sitzen und sich freuen. Die Woch' ist vorbei, man hat den Eingang des Sabbaths gesegnet, man hat seiir gut Stück Fisch gegessen — und überall ist es so!" Der Chassid stimmte bei, der Anhänger der Fortschrittspartei aber sagte: „Jossele, Du bist ein „Amhorez" (Unwissender). Jetzt ist doch nicht auf der ganzen Welt Freitag Abend!" Und er erklärte ihin die Sache. Der Chassid war entrüstet. Joffele aber schwieg und sagte erst, nachdem dieser Nachbar gegangen war, zu dem Mann der „Fortschrittspartei" : „Schad', es wäre so schön, wenn alle Juden zugleich den Sabbatheingang segnen würden!" Das war zunächst Alles. Aber Jossele Kleiner war leider nicht von Geburt Diplomat, sondern nur aus Geschäftsrücksichten. Auch scheint ihm der Schmerz, daß nicht alle Juden zu gleicher Zeit den Sabbatheingang begrüßen sollten, wirklich tiefer gegangen zu sein. Er gab ihm darum zwei Tage später in einer Gesellschaft Ausdruck, die sich gleichfalls am Abend auf dem Bänkchen vor seiner Hausthürzusammengefunden hatte, aber diesmal nur aus Chassidim bestand. „Du Narr!" riefen sie. „Wenn die Sonn' untergeht, wird es überall Nacht. Es giebt kein Land, wo es noch Tag ist, wenn bei uns der Sabbath einzieht. Und ein Fleischhacker sollt' so was nicht erzählen, denn es ist Ketzerei!" „Ich hab's gehört," sagte Joffele erschreckt. „Aber wenn's nicht wahr ist, so freut's mich sehr." Und er bat die Nachbarn zugleich, es nicht weiter zu sagen, daß er so was geglaubt. Sie sagten es aber doch weiter. Und so erfuhr Baruch Meyer Frisch, der neue Rabbi, um die Sache. Er ließ Jossele Kleiner zu sich entbieten und fragte: „Hast Du diese Ketzerei wirklich verbreitet?" Jossele erzählte den Hergang. „Nur zwei Tag Hab ich's geglaubt!" schwor er. „Und daß es nicht wahr ist, darüber möcht' ich vor Freuden tanzen." Aber das ließ den Rabbi ungerührt. „Also gestehst Du, daß Du es geglaubt und verbreitet hast!" sagte er. „Von wem hast Du es denn gehört?" Der Mann nannte den Namen jenes „aufgeklärten" Nachbars. „Du lügst," sagte Frisch, „Du hast es von dem Elenden, der uns auch sonst so schweren Kummer macht. Vom Schapira! Dem sieht es ähnlich!" „Nein," sagte Joffele, „von ihm Hab' ich's nicht." Und er' schwor's mit tausend Betheuerungen. Es nützte ihm nichts. Die Sache kam vor den Vorstand. Er ließ den Jossele Kleiner vorladen und vernahm ihn, ganz ebenso wie ihn der Rabbi vernommen. Auch dies Triumvirat zweifelte nicht daran, daß Joffele die Ketzerei von Schapira vernommen. ' Und da dieser leugnete, so wurde den Schächtern verboten, von nun ab für den Jossele Vieh zu schlachten.

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