Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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485 lernen. Es giebt heute Sitteroien, die rein von und vielleicht auch für den Antisemitismus leben. Auf sie und in Bezug auf dergleichen Erscheinungen gilt, was Constantin Brunner i» Nr. 5 des „Zuschauers" sagt, mit dessen kräftigen Worten wir unsere Betrachtungen schließen wollen: „Auch der Antisemitismus, so schmutzig und so niedrig er in seinen Mitteln und seinem letzten Zwecke nach sein mag, kann in den Gemüthern zum Idealismus, zur Romantik werden. Das ist eine erschreckende Wahrheit, zu der es aber an Analogien in der Geschichte nicht fehlt. Gleichwie von physischen, so werden die Völker zu Zeiten auch von geistigen und sittlichen Epidemien befallen. Die Opfer sind zu beklagen, der beste Vorsatz, die größte Vorsicht und Gewissenhaftigkeit schützen nicht. Die Starken und die Schwachen, die Gesunden und die Kranken werden hingerafft. Es giebt keine Mittel dagegen, die verheerende Krankheit muß austoben. Begreift man so auch das geistige Geschehen und die geschichtliche Entwickelung als ein zwingendes Naturgesetz, so liegt darin wahrlich kein Grund, sich einem unfruchtbaren Fatalismus hinzugeben und thatenlos zuzuschauen. Vielmehr gilt es, sich zu wehren auch vor dem übermächtigen Feinde, und die heilige Pflicht derjenigen, denen die Sicherheit des öffentlichen Lebens überantwortet ward, ist es, sich nach bester Einsicht und mit allen möglichen Mitteln dem Unheil entgegenzustellen. Sonst machen sie sich zu Mitschuldigen. Unsere Aufgabe kann es nicht sein, hier zu untersuchen, wo die Schuld liegt, ob in der Raffe, ob in der Vergangenheit der Geschichte oder in wirthschaftlichen Zuständen, ob es sich in Wahrheit um unversöhnliche Gegensätze im Volksbewußtsein handelt oder um eine bloße Reaktion, die auf dem Wege eines endlichen friedlichen Ausgleichs liegt. Das Eine ist unleugbar, daß durch diese Verallgemeinerung zu einer Rassenfrage an unzähligen Menschen, die schuldlos hineingeboren werden in diese widrigen Verhältnisse, ein empörendes Unrecht verübt wird, das ihnen die Seele kränkt und ihr Leben in der Gesellschaft zu einem menschenunwürdigen und trostlosen macht. Wenn schon von einer Frage die Rede sein soll, so wird sich bei der heutigen traurigen Sachlage unsere Regierung der Einsicht nicht länger verschließen können, daß es nicht die Judenfrage, sondern daß cs die Antisemitenfrage ist, die die allerernsteste Erwägung und ein energisches praktisches Eingreifen gebieterisch verlangt. Eine Antisemitenfrage giebt es auch für die Litteratur. Daß sich gegen die Korruption durch die sogenannte jüdische Presse die antisemitische zum Sittenrichter aufwirst, die thatsächlich durch die Aufwühlung der allerniedrigsten Instinkte und durch die systematische Vergiftung der Volksmeinung jedenfalls ungleich gefährlicher erscheint, das ist ein empörender Zustand, der mit Recht die Verachtung und das Gelächter des Auslandes über uns herabgernfen hat. Mit dem unheilvollen Einfluß, den der Antisemitismus auch sonst auf alle litterarischen Verhältnisse und die litterarische Geschichtsschreibung unserer Tage ausgeübt hat, werden sich diese Blätter noch zu beschäftigen haben. Ueberall laufen hier politische und ästhetische Interessen in heilloser Konfusion dlircheinander. Ueber unsere edelsten Kunstschöpfungen und über unsere erwähltesten Geister, soweit sie sich nur im allerentferntesten mit Juden in Verbindung bringen lassen, hat in weiten Kreisen eine kleinlich lächerliche Benrtheilung und eine schmachvolle Verwirrung des ästhetischen Geschmacks Platz gegriffen, deren sich das gebildete Deutschland eben so sehr in Blut und Leben hinein zu schämen hat, wie der Janhagel aller Stände seiner brutalen und tollen Ausschreitungen." Polen und Chasfidiin. Ein Kulturbild von Karl Emil Franzos. II/) (c^^er Eifer der Leute war nicht vergeblich, in Ezortkow wurde 'JSg damals ein Centralist gewühlt. Die Chassidim waren betäubt, die Polen ärgerten sich, der Bezirkshauptniann aber sagte: „Derlei darf hier nie wieder Vorkommen." Und in der That hat sich dort Aehnliches nie mehr begeben. Den» bei der nächsten Wahl wußten die Leute schon aus Erfahrung, welcher Lohn für eine solche Haltung blühe. Das heißt: so haben sie es aufgefaßt. Natürlich mit Unrecht! Zwischen den Wahlen und dem, was ich nun zu erzählen habe, bestand kein Zusammenhang. Nicht der geringste! Ich zweifle nicht daran. Es ist dem Osias Meyer Schapira, dem Meschel Rost, dem Leib Geisinger und dem Michel Wallach nur geschehen, was ihnen von Rechtswegen gebührte. Von Rechtswegen! — ich zweifle nicht daran, und auch der Leser wird nicht zweifeln, wenn er erst von ihren Verbrechen erfährt. Der Erste, den die verdiente Strafe ereilte, war der Osias Meyer Schapira. Bereits am 12. Oktober 1873 war er aufgefordert worden, „bis längstens 16. d. M." dem Herrn Bezirks-Hauptmann die Matrikel - Bücher auszuliefern, denn ec habe sie mir in seiner Eigenschaft als Kreisrabbiner geführt und ein solches Amt gebe es ja seit 2. Juni 1870 in Oesterreich nicht mehr. Diese Entsch idung dünkte dem Mann nicht salamonisch; mit der Matrikelführung waren überall die Lokal-Rabbiner betraut, sofern sie deutsch lesen und schreiben konnten, darunter natürlich alle Jene, die den Titel und Wirkungskreis eines Kreisrabbiners hatten. Dieser Titel war erloschen, aber die Berechtigung zur Führung der Matrikel nicht. Dies Amt hatte ja nichts mit dem Kreisrabbinat zu thun, sondern war ihnen gegeben, weil sie zugleich Lokal-Rabbiner waren. Sollten gerade sie, die früher eine besondere Auszeichnung erfahren, plötzlich weniger gelten als andere Lokal-Rabbiner? Die Behörde» waren »irgendwo dieser Meinung, nur eben der Bezirkshauptman» von Czortkow, und auch über den war die Erleuchtung etwas spät gekommen, denn vom 2. Juni 1870 bis zum 12. Oktober 1873 war's eine recht lange Zeit. Und so meinte der Osias Schapira, daß etwas, was drei Jahre, vier Monate und zehn Tage nach Aufhebung der Kreisrabbinate noch eine unbestrittene rechtliche Thätigkeit geblieben, nicht gar so schlimm sein könne, um nun binnen vier Tagen enden zu müssen, und lieferte darum die Matrikel-Bücher „bis 16. d. M." nicht aus. Und was geschah nun? Im westlichen Oesterreich, geschweige denn gar in Preußen, wären ihm darauf die Bücher am 17. oder 18. Oktober 1873 abgenommen worden. In Czortkow geschah dies nicht. Vielleicht,, weil die Entscheidung dem Herrn Bezirks-Hauptmann nachträglich selbst nicht mehr gefiel, vielleicht, weil er sie nie buchstäblich gemeint gemeint hatte. Thatsache ist,, daß vor den Wahlen von der Matrikelführung nur insoweit die Rede war, als jener andere k. k. Beamte dem Schapira sagte: „Freund, was trägt Ihnen mehr ein, die Matrikelführuug oder die Verfaffung?" Erst l) In meinen ersten Aufsatz hat sich ein sinnstörender Druckfehler eingeschlichen, den ich hiermit richtig stelle. Der vorletzte Absatz auf S. 476, Spalte links soll folgendermaßen schließen: „Die Chassidim waren für den polnischen Kandidaten, die Aufgeklärteren aber für den Kandidaten der Verfassungspartei In Czortkow stand Osias Meyer Schapira an ihrer Spitze." Die hier gesperrt gedruckten Worte sind im Satz weggefallen, wodurch der Sinn ins Gegentheil gewandelt wurde. Der Verf.