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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-12 · Heft 41 (12.10.1894) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 41 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
Seite 484 (sequence 4)
Language
German
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Jüngst kamen mir zufällig die „Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Jean Paul Friedrich Richter" (München 1893) in die Hände, und dort') fand ich in einem Briefe des durch 30 Jahre mit Jean Paul befreundeten Juden Emanuel (mit dem der einstige Liebling der deutschen Damen einen lebhaften „philosophischen" Briefwechsel unterhielt) eine Stelle, die mir auf meine Frage eine recht düstere Antwort giebt, die mir zeigt, wie tief in die traurige Vergangenheit zurück die Ideen der antisemitischen Gegenwart reichen. „Ich kann nicht ohne Rührung bleiben," schreibt Emanuel aip 12. Juli 1795 an Jean Paul, „wenn ich von der Tugend der Vaterlandsliebe lese. Und doch, den Juden, und wäre es einer der angesehensten, größten, brauchbarsten, d. h. reichsten, kann ich bei der jetzigen Lage der Dinge, nach welcher er dem Staate nicht nützlich sein kann, darf, soll, nicht zum christlichen Taglöhner hinausheben, auch nicht, wenn er die Ehre hätte, Hofjude zu sein." (Wie häßlich klingt das i» mein Ohr. . . .) „Von Kindesbeinen an, d. h. so lange ich von Vaterlandsliebe nur etwas hörte, war es mein Wunsch, sie an den Tag legen zu können, aber es war und ist nicht möglich." Traurig klingen mir diese Worte ins Ohr. Der Jude wird an der Einsetzung seiner Kraft für das öffentliche Wohl so vielfach gehindert. Ganze Gebiete geistiger Kraftentfaltung verschließt ihin der Staat offen oder heimlich, so daß die Verirrung leider zu begreiflich ist, daß kraftstrotzende Jünglinge glauben, sie müßten neue Verbindungen suchenin welchen sie sich nicht als verstoßene und zurückgedrängte Fremdlinge fühlen. Aber der von den Prager Makkabäern eingeschlagene Weg ist ein falscher, ein gefährlicher. Daß sie sich da auf Abwege von unseren heftigsten Gegnern drängen lassen, das beweist ihnen am klarsten das heuchlerische Beifallgrinsen, das hinterlistige Aushetzen der Dresdner Nachrichten. Richtig ist, daß es der Jude bei uns weder mit den czechischen noch mit den deutschen Ultras zu halten hat, daß überhaupt nationaler Chauvinismus. und Uebereifer dem jüdischen Charakter fremd ist und unseren Jntereffeu zuwiderläust. Aber ein edleres Gefühl, eine natürlichere Zugehörigkeit wurzelt tief in dankbaren Judenherzeu — der Patriotismus (als Gegensatz zum Nationalismus). Die edlen Herzenseigenschafteu unseres erhabenen Monarchen, der bei allen Anlässen betont, wie alle Nationen und Stämme seines Reichs bei ihm Schutz finden, lassen in den letzten Jahren von Neuem diesen Patriotismus immer siegreicher in den Vordergrund des öffentlichen Lebens in unserem Vaterlande treten, und der Jude ist es, der mit allen Mitbürgern in der Bethätigung dieser Gesinnung wetteifern muß und thatsächlich auch wetteifert. r. li. Der Antisemitismus in der Litteratur. Ein Beitrag zur Geschichte der antisemitischen Bewegung in Deutschland. Von Leo Gorel. rö H c^tZeld) eine Zerstörung die blöden Schlagworte des Antisemitismus selbst bei ursprünglich wohl und groß angelegten Geistern 0 bewirken können, dafür haben wir drei klassische Beispiele in uusern Tagen: Heinrich v. Treitschke, Eugen Dühring und Max Bewer. Me Drei scheinen über dem Antisemitismus um die Klarheit ihres Geistes gekommen zll sein und sind geradezu typische Erscheinungen unserer Zeit. Treitschke, i) Bd. I, Seite 23. der junkerlich reaktionäre Geschichtsfälscher, bei dein der Antisemitismus noch am deutlichsten in Zusammenhang mit dem Haß gegen die liberalen Anschauungen der Zeit steht; Eugen Dühring, der Anarchist, bei dem sich der Antisemitismus bereits völlig losgelöst hat von seinem ursprünglichen Boden; und Bewer, der Poet, bei dem der Antisemitismus und Nationalismus wie eine ferne unverstandene Zauberweise hineinspielt, und der einfach über beiden kindisch geworden ist. Alle Drei aber, besonders der Letztere, werden von den Juden wieder oft verkannt. Man sollte sich doch an solchen Erscheinungen vielmehr die erschreckende Wirkung des Judenhasses gerade auf groß angelegte und begabte Naturen verdeutlichen, um sich die große Gefahr, die in dieser Volkskrankheit steckt, klar zu machen. Denn werfen die Antisemiten den Juden vor, sie verstünden die deutsche Volksseele nicht, so kann man ihnen mit noch viel größerem Rechte vorwerfen, sie verwischen mit einem einzigen Schlagwort alle Wissenschaft und Litteratur. Und nicht nur die Wissenschaft und Litteratur, sofern sie von Juden ausgeht oder mit den Juden zusammeuhängt. Es giebt heut Judenriecher, wie ehedem Hexenriecher, die überall Juden oder jüdische Interessen wittern und darüber sich um alles Urtheil bringen. Juden und Judenknechte! Das zweite Schlagwort gab dem ersten verzehnfachtes Gewicht. Wer schon kein Jude ist (nachweisbar nicht), der ist Judenknecht. Er ist gerichtet. Was will man mehr?! Pflicht und Doppelpflicht der Juden ist es, sich durch den Antisemitismus nicht verbittern zu lassen und über ihm ihrerseits ungerecht zu werden, um ihren Gegnern nicht schließlich noch nachträglich Recht zu geben, so schwer ihnen auch in der jetzigen Situation die Hebung der Gerechtigkeit fallen mag. Jedenfalls dürfen sie sich nicht das Vergnügen bereiten (dazu ist die Situation zu ernst), über den albernen Späßen einiger Antisemiten, wie Bewer, zur Tagesordnung über die betreffenden Werke oder Autoren überzugeheu und sich nicht an kleinlichen Triumphen über die Blamagen halb oder ganz Verrückter zu begnügen. Die dritte Wurzel der antiseniitische» Schriststellerei sind gewisse komische Eigenheiten der Juden und ihre eigene Freude am Witzeln über sich selbst. Sie haben daher direkt oder indirekt den Witzblättern und Possendichtern stets willkommenen Stoff geboten. Der Jude bildete eine komische Figur wie der Engländer, der Student. Die jüdischen Witze und Anekdoten erfreuen sich einer gewissen Beliebtheit. Die Juden selbst erzählen sich die amüsantesten über ihre Stammesgenossen, und da nun wieder gerade die Witzblätter viel von Juden selbst geschrieben rmd gelesen werden, so kann schließlich kein Witzblatt ohne Judenwitze bestehen. Das klingt zunächst recht harmlos und ist es auch. Aber da jeder Witz seinen Stachel hat und der Eigenwitz einer kleinen Selbstgeißelung gleichkommt, so wurden die jüdischen Witze und Anekdoten sehr bald antisemitisch ausgeuutzt; und viele, zunächst sehr matte Anekdoten sind längst beliebte Clownssprünge in antisemitischen Schriften und Versammlungen geworden. Und daher schreibt sich übrigens die große Empfindlichkeit vieler Juden, weil sie, die deutliche und sehr berechtigte Empfindung haben, daß jede, selbst die harmloseste Witzelei über die Juden voller giftiger Stacheln ist. Jedenfalls aber haben die Witzblätter weit mehr zur Popularisirung des Antisemitismus beigetragen, als man oft glaubt oder meint. Etwas vom Antisemitismus sind heute sehr viele nicht jüdische Schriftsteller angesteckt, sofern sie nicht selbst wieder an einer entgegengesetzten politischen Parteischolle kleben. Am widerwärtigsten, zum Theil aber auch am interessantesten sind die, welche den Antisemitismus zur Lebensaufgabe sich gemacht haben, an den sie denn auch, wenn nicht von vornherein, so doch nach und nach glauben aiaütti

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