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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-12 · Heft 41 (12.10.1894) · p. Seite 483

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 41 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
Seite 483 (sequence 3)
Language
German
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- 483 - und zerstörende Kraft der rohen Verfolgung der Menschen untereinander auf Erden. Ebenso wie der Liwjathan Aegypten, dieser furchtbare Bedrücker Israels, von Gott vernichtet und Israel befreit wurde, wird auch der Liwjathan, das Ungeheuer von Grausamkeit, das in der Geschichte der Menschheit durch gegenseitige Bedrückung der Menschen untereinander gewüthet und so viel Elend und Unglück angerichtet, dereinst besiegt werden, daß der Friede wieder allgemein auf Erden blühen wird. Der blühende Friede auf Erden, die Herrschaft des Guten, das milde Walten der Bruderliebe unter den Menschen wird aber am treffendsten dargestellt durch die Sukkah, die grünumrankte, von frischen Pflanzen leichtbedeckte Laubhütte. Die Laubhütte vereinigt die Familie zum Dank gegen Gott für sein liebendes Walten in der Geschichte der Vorfahren, vereinigt alle Glieder derselben zum ruhigen, friedlichen Genuß der nährenden Gaben, die der Himmel in seiner Gnade gespendet. Die Menschen wohnen in starken Häusern, bergen sich hinter festen Mauern, nicht blos zum Schutz gegen Wind und Wetter, gegen Hitze und Kälte, gegen Schnee und Regen, mehr noch geschieht dies zur Sicherheit der eigenen Person gegen böse Menschen, zum Schutze der schwer erworbenen Habe gegen räuberische Anfälle. Sinkt die Nacht hernieder, da verschließen die Menschen Thüren und Fenster, schwere Thore, feste Schlösser und eiserne Riegel bewahren das Haus gegen die Einfälle der Frevler und Gewaltthätigen. So lange die Menschen sich gegen einander verschanzen müssen, so lange ist das ein demüthigendes Zeichen dafür, daß der Frevel noch immer vorhanden ist, daß die Gewaltthätigkeit noch immer ihre Opfer fordert, daß Neid, Mißgunst und Bedrückung noch immer unter den Menschen zu finden sind. Die Sukkah als leichtgedeckte, schwachgefügte Laubhütte bietet nur einen geringen Schutz gegen die Unbill der Witterung, einen weit geringeren aber gegen frevle Angriffe und räuberische Einfälle. Eine leichte Kraftanstrengung genügt schon, um eine solche ganze Hütte über den Haufen zu werfen. Wenn erst die Menschen allgemein in solchen Hütten wohnten, ohne die schweren Thore, Schlöffer und Riegel, wenn erst die Menschen allgemein unter dieser leichten Bedachung sicher und behaglich sich fühlten, ein Jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Olivenbaum, dann wäre das ein glänzendes Zeichen dafür, daß einer den andern nicht mehr zu fürchten braucht, daß keine Gewalt und kein Frevel mehr auf Erden ist, ein Zeichen dafür, daß alle Menschen und alle Völker in Bruderliebe mit einander vereint sind, daß der allgemeine Weidfriede auf Erden herrscht. Die alten Talmudweisen, die getreu dem Geiste des Judenthums die Menschheit sittlich für entwickelungsfähig halten und nimmer in dem Vertrauen gewankt haben, daß das Gute über das Böse dereinst siegen werde, haben daher die Sukkah als das Sinnbild des Weltfriedens dem Liwjathan als dem Sinnbilde der bösen Gewaltthätigkeit entgegen gestellt. Diese Gegenüberstellung haben sie, wie das in jenen alten Zeiten allgemein üblich war, in zwar derbe, aber um so anschaulichere Formen gekleidet, indem sie sagen: „In zukünftiger Zeit wird Gott den Liwjathan tödten und aus seiner Haut den Gerechten eine Hütte des Friedens errichten." Neben dieser Form gehen noch andere von gleichem eschatologischen Charakter einher, unter Andern auch die, welche immer den meisten „Spaß" Hervorrufen, nach welcher der Liwjathan als ein ungeheurer Fisch, der der Schrecken der Erde ist, von Gott getödtet und für die Gerechten als Freudenmahl im zukünftigen Leben aufbewahrt werden wird; und nicht blos für die Gerechten Israels, sondern, wie im Jerusalemischen Talmud aus einem Gespräch zwischen dem Fürsten Rabbi Juda und dem Kaiser Antonius Pius hervorgeht, auch die Gerechten aller Völker werden Theil haben an dem Liwjathan in der zukünftigen Welt. — In allen bieferr poetischen Aussprüchen ist der Gedanke mit plastischer Anschaulichkeit dargestellt, daß die böse Gewalt, der Schrecken, die Bosheit, dereinst überwunden, von der Erde verschwinden und der tiefste Weltfriede unter den Menschen festgegründet sein wird. Böhmische Briefe. VI. s war in Zinnowitz, dem Seebade, dessen Verwaltung öffentlich erklärt hatte, daß es eine Verläumdung sei, wenn behauptet wurde, seine Wellen seien nur arischen Kurgästen zugänglich. Im Lesekabinet wo die Berliner Blätter schon vier Tage nach ihrem Erscheinen auflagen, und die Dresdner Zeitungen nicht viel später der allgemeinen Benützung — vorläufig zur Lektüre — preisgegeben wurden, sah ich die „Dresdner Nachrichten" wieder, welche ich vor zehn Jahren, bevor sie antisemitisch geworden waren, zum letzten Male gesehen hatte. Die Fülle von antisemitischen Blättern, welche die Tische des Lesekabinets bedeckten, gaben mir einen Begriff davon, wie unangenehm eine solche rein-arische Fluth ist und wie die löbliche Badeverwaltung alle Ursache halte, das baltische Meer vor ähnlichen Vergleichen chützen zu wollen. Bei dem Mangel an anderen Anregungen sprach ich trotzdem von Zeit zu Zeit in dem Lesekabinet vor, weil ich das Mittagschläfchen nirgends ungestörter und sicherer abhalten konnte als mit einem Blatte aus dem urgermanischen Litteraturhaine in Händen. Offen gestanden, las ich außer dem „Berliner Tageblatt", das nolens volens hier wie sonstwo nicht fehlen durfte, kaum einige Zeilen ans den Blättern, die ich vor der Siesta in die Hand nahm, denn die erhoffte Wirkung trat immer rechtzeitig ei». Aber eines Tages halb im Einschlummern schwammen mir in den „Dresdner Nachrichten" die Worte „Prager jüdische Studenten" „Verbindung Kadima", „Makkabäa", „Nationaljuden", „wackeres, muthiges Auftreten", „entschiedene Billigung", „endliche Einkehr" u. s. w. vor den Augen. Mein Schlummer war dahin. Ich träumte wirklich nicht. Ich hatte wirklich die Dresdner unverfälschten Nachrichten in der Hand, und in dem Leitartikel stand wirklich klar zu lesen, wie der liebe Onkel der heirathslustigen sächsischen weiblichen Jugend die akademische Verbindung der Makkabäer in Prag über das Bohnenlied hinaus lobte, weil sie erklärt hatten, sie seien weder deutsch noch böhmisch, sondern nur jüdisch. Wenn irgend Jemand noch zweifelhaft darüber sein konnte, welch traurige Verwirrung die erwähnte Erklärung veranlaßt hat, dann braucht er nur den Lobleitartikel der Dresdner Nachrichten zu lesen. Wie kommt aber die akademische Jugend Prags, in dessen Mitte es doch wahrlich Kampf und Elend genug giebt, welches aus der Fehde zweier Nationalitäten hervorgeht, dazu, das Banner einer dritten Nationalität aufzupflanzen, die als solche nur in der Phantasie unserer Gegner besteht! Wie konnte die jüdische akademische Jugend Prags oder doch ein Theil derselben in einer Zeit, die dem gefährlichsten Internationalismus zuneigt, und gerade bei Arbeiter» und anderen sich bedrückt fühlenden Klaffen ein Abstreifen der engeren Bande des Nationalismus zeigt, ein solches Band hervoriucheir und sich damit schmücken zum Spott und Hohne unserer Gegner? 1 »i:i

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