Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 482 Schall und Rauch." Er wandelte auf den Höhen der Menschheit. Wir hören heute leider selbst auf der Straße unseren Frauen ein Sarah- oder Nebetkaleben Nachrufen. Man glaubt uns mit diesem aus den Tingeltangeln, den Stätten modernster antisemitischer Bildung, hergcholten Spott zu verhöhnen, nun, zeigen wir, daß diese Namen uns noch heute heiliges Erinnern bergen. Ein Name ist oft ein Panier der Glaubenstreue und Charakterfestigkeit für das ganze Leben. Bei einem Stamme, den die Jahrhunderte gelehrt haben jedes Symptom zu beachten, ist auch die Namengebung eine heilige Aufgabe; denn mit der.Frivolität und Exzentrizität in der Namengebung beginnt die Charakterlosigkeit, welche oft nur eine Gedankenlosigkeit ist, und der daher durch öffentliche Mahnung vielleicht gesteuert werden kann. Die Woche. Berlin, 11. Oktober. ie Einigung der verschiedenen antisemitischen Richtungen ist auf dem Eisenacher Parteitage nach achtstündiger stürmischer Debatte doch zu Stande gekommen. Die Partei hat den Namen „Deutsch-soziale Reformpartei" erhalten. Zu Vorsitzenden wurden Zimmermann und Liebermann v. Sonnenberg gewühlt. Als Grundlage des neuen Programms, deffen Ausarbeitung einer Kommission übertragen ist, wurde folgender Satz angenommen: „Die deutsche soziale Reformpartei steht auf deutsch-nationalem, christlichem und monarchischem Boden". Zn der im Reichstage zu bildenden Gesammtfraktion soll Ahl warbt aber nur als Hospitant zugelassen werden. Die norddeutschen Antisemiten sind also mit der Forderung auf unbedingte Zulaffung Ahlwardts unterlegen. Ahlwardt hat erklärt, der Vereinigung nur als gleichberechtigtes Mitglied beitreten zu wollen. Vielleicht besinnt er sich in Plötzensee eines Besseren. Jedenfalls ist durch diesen Beschluß die viel gepriesene Einigkeit der Partei wieder sehr in Frage gestellt. * Das ungarische Magnaten Haus hat, wie aus Budapest telegraphisch gemeldet wird, den Gesetzentwurf über die Rezeption der Juden am 8. d. M. mit 109 gegen 103 Stimmen abgelehnt, lieber die Verhandlung selbst wird berichtet: Szontagh (liberal) sprach für das Gesetz, Graf Ferdinand Zichy dagegen; er liebe und achte die israelitischen Mitbürger, die gute Patrioten seien, doch könne er als Christ nicht zugeben, daß ein Christ Jude werden könne. Der Kultusminister Baron Eoetvoes und der Präsident des obersten Gerichtshofes, Darnvüry, vertheidigten die Vorlage und bekämpften den einseitigen dogmatischen Standpunkt. Obersthofmarschall GrafSzöcse» vernrtheilte den Antisemitismus aufs Schärfste, erklärte jedoch die Bestimmung für unannehmbar, daß unmündige Kinder mit den Eltern eo ipso zum Judenthum übergehe». Der frühere Kultusminister Graf Czaky trat für die Vorlage ein mit der Begründung, daß man Niemandem eine Religion anbefehlen oder verbieten könne. Baron Nudnyansky äußerte dagegen Bedenken wegen der mangelnden Organisation der ungarischen Juden. Obersthofmeister Graf Szapary begrüßte aufs Wärmste die Vorlage, nahm jedoch den Uebertrittsparagraphen hiervon aus. Graf Keglevich sagte, je länger der Druck auf dem Judenthum laste, desto später werde seine Verschmelzung mit der übrigen Gesellschaft erfolgen. Der Antisemitismus sei wegen seiner Gründe verwerflich; die Juden verdienten die Gleichberechtigung. Der rumänische Metropolit Roman sprach sich aus Opportunitätsgründen gegen die Vorlage aus. Justizminister Szilagyi empfahl sie im Interesse der Stärkung des staatstreuen patriotischen Elements. Hierauf fand die namentliche Abstimmung statt, die die Ablehnung der Vorlage ergab. Doch hat dieser Vorgang wohl kaum eine prinzipielle Bedeutung, da das Gesetz nunmehr wieder an das Abgeordnetenhaus zurückgeht und dort ohne Zweifel mit großer Majorität unverändert angenommen werden wird. Das Sukkothfest und der Liwzathan. Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick. fie alten Talmudweisen haben unter den scheinbar engbegrenzten Gesichtspunkt des Snkkothfestcs manche treffliche Idee gebracht. Die größte und weitausgreifendste ist die, indem sie den im jüdischen Volksmunde lebenden Liwjathan mit der Sukkah in Verbindung bringen. Der Liwjathan ist auch weit über jüdische Kreise hinaus bekannt. Manche Dichter fabnlirten schon allerlei vom Liwjathan, sie spielen mit diesem ihnen unklaren Begriff, ohne die ernste Seite zu kennen, von welcher ihn unsere Weisen genommen; und man möchte aus diese Fabeleien der Dichter das aus dem 104. Psalm bekannte Wort anwenden: „Den Liivjathan hast du blos geschaffen, um mit ihm Scherz zu treiben." Die alten Talmudlehrer haben aber mit dergleichen Dingen weder gespielt noch Scherz getrieben, sondern wie vielen andern Erscheinungen, so auch dieser, eine religiöse oder sittliche Seite abzugewinnen gesucht. Der Liwjathan wird in der Bibel oft genannt und bedeutet ein Meerungehener, einen Meerdrachen, einen gewaltigen Wallfisch oder auch ein Krokodil. Die Heimath des Krokodils ist der Nilfluß in Aegypten. Im Buche Hiob wird das Nilkrokodil als das gewaltigste Meerungeheuer geschildert: „Kannst du das Krokodil am Hamen ziehen oder seine Zunge in die Schnur senken; kannst du ein Rohr ihm durch, die Nase legen, seinen Kiefer mit einem Ring durchbohren? Welch Stolz! Die starken Schilde geschloffen, wie mit festem Siegel. Aus seinem Rachen fahren Fackeln, Feuerfunkeu sprühen hervor, aus seinen Nüstern fahret Dampf, wie aus glühendem Keffel. In seinem Nacken wohnet Sieg. Sein Herz ist wie Stein, hart gegossen wie ein Mühlstein; es ist König über alle Raubthiere." Dieses Wasserungeheuer hat schon der Psalmist, weil es seine Heimath in Aegypten hat, als ein Sinnbild der Gewaltherrschaft des Königs Pharao und der Aegypter überhaupt gebraucht. Und er preist Gott, daß er dieses Meerungethüm, welches Israel so herzlos bedrückt, strafend überwunden hat, indem er bildlich spricht: „Du zerschlugst durch deine Macht das Meer, zerbrachst der Krokodile Häupter auf dem Waffer, du zerschmettertest die Häupter des Liwjathan." (Möglich auch, daß die mehrfache Getheiltheit des Nilstromes an seiner Mündung dem Psalmisten das Bild geliehen hat von dem zerschmetterten Haupte des Krokodils.) Deutlicher kennzeichnet diesen Vergleich des Meerungeheuers mit Pharao und den Aegyptern der Prophet Ezechiel. Und so weissagt auch Jesaia: „An jenem Tage straft der Ewige mit seinem Schwerte den Liwjathan, die flüchtige Schlange, und den Liwjathan, die geringelte Schlange, und tödtet das Krokodil im Meere." Diese gegen die Tyrannei Aegyptens gerichtete Anspielung wenden die Talmudweisen allgemein auf die Herrschaft des Bösen an, auf die furchterregende Gewalt des Frevels, auf die lähmende