Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 In Bayreuth gehörte er einem aus ihm, einen protestantischen, katholischen und reformirten Geistlichen bestehenden Vokalquartett an, das einst vor dem König Max II. singen durfte. Im Jahre 1852 wurde der Verstorbene gleichzeitig nach Köln, Frankfurt a. M. und Fürth berufen, nahm die Stelle hier an und wirkte seitdem, also 42 Jahre, an der hiesigen Gemeinde. Er pflegte die reinen, traditionellen Tempelmelodien und führte die Sulzer'schen Gesänge in der hiesigen Hauptsynagoge ein, welche desto mehr zur Geltung kamen, als der Verblichene über eine prächtige lyrische Tenorstimme verfügte. Als Religionslehrer ertheilte er den Unterricht in der hiesigen städtischen Volksschule und der königlichen Realschule. Zu dem erhebenden Bewußtsein strenger Pflichterfüllung gesellte sich die Freude eines glücklichen Familienlebens Der Verstorbene war ein ehrenwerther Charakter von reichem Gemüthe und warmem Herzen. Von der Liebe und Achtung zeugte die außerordentlich große Anzahl von Trauergästen, die seinem Leichenbegängnisse am 28. d. M. folgten. Herr Rabbiner Dr. Neubürger hielt die Leichenrede, Herr Justizrath Gunzenhäuser sprach Namens der Kultusgemeinde, Herr Dr. Hutzelmann Namens der königlichen Realschule. Das Andenken des Verblichenen wird in Ehren fortleben. Oesterreich Ungarn. □ Wien, 30. September. Anläßlich der hier tagenden Versammlung der Aerzte^und Naturforscher waren auch zahlreiche jüdische Gelehrte anwesend, und in der ethnographischen und anthropologischen Sektion hielt Primararzt Dr. Leopold Glück (Sarajewo) eine Vorlesung über die Spaniolen in Bosnien. Der Vortragende kam zu folgenden Schlüssen: Die Mehrzahl der heute in Bosnien angestedelten Juden ist aus Konstantinopel und Salonichi, ein kleiner Theil aus Italien eingewandert. Ein großer Theil der bosnischen Spaniolen stammt von 30 bis 40 Familien ab, die im Jahre 1604 mit Naphtale ben Mandjur, dem Bankier des Gouverneurs von Bosnien Paltadje Mehemed Pascha, nach Bosnien gekommen sind. Viele Familien sind später aus Rumelien, Serbien und Bulgarien eingewandert, einzelne aus Padua und Venedig. Die Thatsache, daß die bosnischen Juden Sephardin sind, und daß sie durchweg theils spanische, theils italienische Namen haben und daß sie endlich alle untereinander spanisch mit türkischen und bosnischen Beimengungen sprechen, beweise zur Genüge, daß die bosnischen Juden echte Spaniolen sind und sich in anthropologischer Beziehung nicht von anderen Spaniolen unterscheiden. Ebensowenig wie es Juden giebt, die man „Nichtsemiten" nennen kann, existiren — wenigstens in Europa — auch keine Juden, die man als reine Semiten zu bezeichnen berechtigt wäre. Dem Dafürhalten Dr. Glücks zufolge sind alle Juden Mischlinge, in denen, aller Wahrscheinlichkeit nach, mehr nichtsemitische als semitische Elemente vertreten sind. — In Lemberg erschien beim Statthalter Grafen Badeni eine israelitische Deputation unter Führung des Reichsrathsabgeordneten Dr. Byk, Kultusrath Dr. Holzer und Rabbiner Schmelkes, um demselben für den auf dessen Initiative erfolgten Besuch des Kaisers bei der Einweihung des hiesigen jüdischen Waisenhauses zu danken. Die Deputation wurde freundlichst ausgenommen. Der Statthalter betonte, daß der Kaiser vom Arrangement, der musterhaften Ordnung und den schwunghaften Ansprachen der beiden Rabbiner entzückt war, und entließ die Deputation sehr wohlwollend. — Der Ingenieur Edgar Hermann Geider ist vom Landesgericht in Wien abgeurtheilt worden. Eine längere schwere Kerkerhaft harrt seiner zur Sühne der beiden Verbrechen, die er nach dem Spruche des Gerichtes begangen. Geider war es, der dem antisemitischen Abgeordneten das ganze Material zu den heftigsten Anschuldigungen gegen verschiedene Versicherungsgesellschaften, insbesondere gegen den „Phönix", lieferte, und diese Bekanntschaft mit den antisemitischen Worrführern nützte er zu Erpressungen aus. Freilich werden jetzt die antisemitischen Führer den verurtheilten Geider von sich stoßen, vielleicht sogar den intimen Verkehr mit ihm in Abrede stellen wollen — diese Methode befolgten sie erst kürzlich, als es sich um den Fall des Pfarrers Scherzer handelte — allein diesmal werden die Herren nicht so leichten Kaufes davonkommen. Wir sind nämlich in der Lage, aus der sehr lehrreichen Korrespondenz zwischen dem Reichsrathsabgeordneten Dr. Geßmann und dem Edgar Hermann Geider eine Reihe überaus markanter Briefe zu veröffentlichen. Aus denselben geht mit aller Evidenz die regste Verbindung zwischen Geßmann und Geider hervor. mm und es erscheint ferner auch die Person Dr. Luegers in diesen Verkehr miteinbezogen, und überdies sind andere antisemitische Größen direkt als handelnde Personen zu Gunsten Geiders angeführt. Es ergiebt sich auch aus dem Briefwechsel mit vollster Klarheit, daß Geßmann der beste und willigste Abnehmer des von Geider zusammengetragenen Materials war nnd daß er diesen Mann wiederholt einlud, ihm solches zu überbringen. Eine recht trübe Quelle, aus der die „Kämpfer gegen Korruption" geschöpft haben, der Herr Geider! Und wenn diese Herren in sich gehen, müssen sie heute eine seltsame Meinung von der Rolle haben, die sie ihr Gewährsmann Gelder spielen ließ. Die antisemitischen Reichsrathsabgeordneten waren der Popanz, auf den Geider drohend hinwies, um vom „Phönix" eine Subvention zu erhalten, und die stets bereiten Kampfreden dieser Herren, ihre sittlichen Feldzüge gegen die Korruption bildeten für Geider das richtige Mittel, um für seine Person einen Profit herauszuschlagen. — Daß nicht alle Juden Millionenmänner sind und sich ihr kärglich Brod schwer verdienen müssen, dafür spricht die Thatsache, daß die Statthalterei soeben die Statuten eines israelitischen Kranken-Unterstützungsvereins „Der Wiener Dienstmann" genehmigt. Der Zweck dieses neuen Vereins ist die Unterstützung kranker, jüdischer, arbeitsunfähiger Dienstmänner. H! E. B. Budapest, 28. September. Die mit der Vorberathung der noch nicht erledigten kirchenpolitischen Vorlagen betraute Magnaten- Haus-Kommission verhandelte heute die Vorlage über die Rezeption der israelitischen Religion und nahm dieselbe nach verhältnißmäßig kurzer Debatte im Allgemeinen wie in den Details an. Während Graf Ferdinand Zichy, der Führer der Klerikalen, sich darauf beschränkte, seine Aversion gegen den Gesetzentwurf mit seiner christlichen Gläubigkeit zu begründen, verflieg sich sein jüngerer Prinzipien - Genosse Baron Budnyanszky zu solchen von Ignoranz und Uebelwollen diktirten Ausfällen, daß sich der greise Sigmund Beöthy veranlaßt sah, nicht nur den meritorischen Einwänden des fanatischen Redners entgegenzrstreten, sondern auch den in dieser vornehmen Körperschaft ungewohnten rüden Ton, den derselbe auschlug, zu rügen. Der Minister Baron Conrad Eötvös sprach sich mit großer Wärme und Anerkennung über die Fortschritte und die Verdienste der vaterländischen Judenschaft aus, während Justizminister Szilagyi überzeugend nachwies, daß der Gesetzentwurf eine unabweisliche Konsequenz der Rechtsgleichheit sei. Diesen Ausführungen schlossen sich sodann Graf Stefan Keglevich und Baron Desider Promay an, worauf die Vorlage im Allgemeinen und in den Details mit dem Zusatze, daß Rabbiner, Lehrer und Vorsteh er nur jene sein können, die ungarische Staatsbürger sind und ihre Ausbildun g in Ungarn erlangt haben, angenommen wurde. Bemerkenswerth ist es, daß der Gesetzentwurf in Folge letzterer Modifikation neuerdings im Abgeordnetenhause durchberathen werden muß. — Ein seltsames Beispiel von Toleranz meldet man uns aus Groß-Becskerek, wo in einer unter dem Vorsitze des päpstlichen Prälaten Anton Schaffer stattgehabten Sitzung Fräulein Karoline Messinger, eine Jüdin, zur Turnlehrerin im dortigen No nnenkloster gewählt wurde. Es dürste wahrscheinlich der erste Fall dieser Art sein. — In der gestrigen Bischofskonferenz erklärte der Fürstprimas Kardinal Vaszary, daß er nur bei dem Gesetze über die Rezeption der Israeliten ein Verbot des Uebertritts zum Judenthum beantragen werde. Im Falle, daß dieser Antrag nicht angenommen werden sollte, wird der Episkopat beantragen,' daß mit den übertretenden Eltern nur die Kinder bis zu fünf Jahren übertreten dürfen. — Im Budgetausschuß der österreichischen Delegation erklärte der Kriegsminister auf eine bezügliche Frage des Delegirten Pacak, die Armee könne sich mit Stolz rühmen, daß bei ihr nie ein Unterschied der Nationalität oder der Religion gemacht worden sei. Der Delegirte Sueß erwähnte ihm zugegangene Klagen, daß bei den Aufnahmeprüfungen in einzelnen Kadettenschulen die besondere Prüfungsart israelitischen Bewerbern den Zutritt unmöglich mache, und ersucht den Kriegsminister um eine beruhigende Erklärung. Der Kriegsminister erwiederte, indem er sich auf die Erklärung berief, daß die Armee seit ihrem Bestände und in allen Phasen ihrer denkwürdigen Geschichte einen Unterschied in Nationalität und Religion nicht gekannt habe. Für die Gestnnungen Einzelner könne er nicht gutstehen, die Heeresverwaltung jedoch bringe allen Untergebenen, also auch denen vom israelitischen Glauben, Wohlwollen und Gerechtigkeit entgegen.