Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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- 4 - B. Budapest, 30. September. Ein neues Statut über die Neueintheilung der israelitischen Gemeinden wird — wie Egyenlösetz meldet — im Kultus- und Unterrichtsministerium nach österreichischem Muster vorbereitet, nachdem die im Jahre 1885 erfolgte Eintheilung in Matrikelbezirke mit der Verstaatlichung der Matrikel aufhört. Die in dieser Beziehung herrschende Ungewißheit wirkte auf das Gemeindelebeü so lähmend ein, daß viele größere Gemeinden, wie durch eine Neueintheilung geschädigt werden könnten, die Rabbinerwahl oder die Besetzung anderer vakanten Stellen aufschoben, um abzuwarten, die sich die Angelegenheit der Gemeindeerhaltung unter den neuen Verhältnissen gestalten wird. — Die Notwendigkeit der Gründung eines jüdischen Schulvereins ergiebt sich aus folgenden amtlichen statistischen Daten: Im vergangenen Jahre besuchten 23,505 jüdische schulpflichtige Kinder ggr keine Schule. Davon entfallen auf sieben nordöstliche Komitate 14,0W) gegen 9505 der übrigen 57 Komitate des Landes. In diesen sieben. Komitaten, in welchen ein Viertel der jüdischen Gesammtbevölkerung Ungarns wohnt, werden nur fünf öffentliche jüdische Schulen gegen 576 Schulen der übrigen Komitate erhalten. Die im Interesse der Gründung eines jüdischen Schulvereins eingeleitete Bewegung hat bis nun einen schwachen positiven Erfolg. - Die jüdische.La ndes-L ehr erpräparandie, deren Erhaltungskosten aus dem jüdischen Schulfonds gedeckt werden, hat — wie Egyenlöseg meldet — 109 Hörer, welche Zahl seit dem Bestände der Anstalt noch, nicht erreicht wurde. Der verdienstvolle Leiter derselben, Herr Dr. Josef Banoczy, bemüht sich jetzt um die Gründung eines Hilfsvereins für arme Hörer. Seinen Bemühungen ist es gelungen, 3200 Kronen für diesen Zweck zu sammeM. Aus dem von Dr. Banoczy zusammengestellten Stammbuche ist ersichtlich, daß von 1024 jüdischen Lehrern des Landes 800 in dieser Anstalt ihre Ausbildung erlangten. Frankreich. f 26Paris, 27. September. Der berühmte Kupferstecher Gustape Levy, der die Ehrendenkmünze des letzten Salons erhalten hat, ist D-' storben. Er gehörte zu den hervorragendsten chalkographischen Meisten Frankreichs. Geboren in Toul, widmete er sich zunächst der Malerei, dann der Kupferstecherei und Radirung. Gustave Levy hat nicht allein nach Werken der Malerei dieses Jahrhunderts, sondern auch nach solchen der großen italienischen Meister der Renaissance gestochen. Wie bereits erwähnt, erhielt Gustave Levy für seine rühmenswerthen Leistungen die Ehrendenkmünze des letzten Salons. Dänemark. (5) Kopenhagen, 28. September. Am 24. d. M. starb hier der Etatsrath Dr. med. LudwigJsraelBrandes, einer der angesehensten Aerzte in der dänischen Hauptstadt. 1821 hier geboren, machte BranW seine medizinischen Studien und promovirte 1848 zum Doktor. Nachdem er an den schleswig-holsteinischen Feldzügen theilgenommen, ließ er in seiner Vaterstadt als praktischer Arzt nieder. 1863 wurde er zum Oberarzt am allgemeinen Krankenhause berufen. Die Thätigkeit arp Hospital bot Brandes reichliche Gelegenheit zur wissenschaftlichen Arbeit. Neben seinem ärztlichen Schaffen entfaltete Brandes ein sehr reges und werkthätiges Leben. Zum Theile stand dieses zu feinem ärztlichen Berufe in Beziehung So gewann er aus dem letzteren die Anregung, für die Errichtung eines Hospitals für unheilbare Kranke in Kopenhagen einzutreten. Weiterhin aber beschäftigte er sich viel mit wirthschaftlichen Dingen. Insbesondere machte er sich um die Errichtung gewerblicher Hilfsvereine verdient. Das Begräbniß fand unter außerordentlicher Theilnahme der gesammten Bevölkerung statt. Rabbiner Dr. Simonscn hielt die Grabrede, in der er die Verdienste des ausgezeichneten Mannes, der den jüdischen Namen in Dänemark zu hohm Ehren gebracht hat, schilderte. Brandes wird in der Erinnerung Tausender sortleben. Non Nah und Fern. ----- Am 30. v. Mts. fand hier der norddeutsche 'Antisemiten^ statt, der über das große Einigungswerk berathen -hat. — Die Nachricht daß Herr Rabbiner Dr. Baneth eine Berufung nach Wreschen aygenommen, bestätigt sich nicht. — Auf dem Friedhof in Elbing fand am 16. v. M. eine Gedächtnißfeier für den am 25.November 1892 verstorbenen Lehrer Jsctac Levin angesichts des kürzlich errichteten Leichensteins statt. Rabbiner Dr. Silberstein hielt eine Ansprache. Levin war 30 Jahre in E. Religionslehrer; er war ein Schüler R. Akiba Egers, der ihn hochschätzte. — Dem Thierarzt Wilhelm Meyenberg zu Gronau, einem tapferen Antisemiten, ist nach § 84 der Hannov. Städteordnung das Stimmrecht entzogen worden. Erster Vorsitzender des Gronauer Antisemitenvereins, war er bereits sieben Mal bestraft, darunter sechs Mal wegen Beleidigung. Die gerichtlichen Erkenntnisse darüber ergaben, daß die Kriterien des § 84 sestgelegt auch im 8 16 des Verfassungsstatuts der Stadt Gronau, bei Meyenberg zutreffend seien, und so entzogen ihm denn die städtischen Kollegien das Stimmrecht mit der Begründung, daß M. wegen Vergehen bestraft worden sei, die in den Augen der öffentlichen Meinung entehrend seien, und daß er sich durch unsittliche, d. h. gegen die gute Sitte gerichtete Handlungen der öffentlichen Achtung verlustig gemacht habe. — Bon einer „echt jüdischen Frechheit" läßt sich die Frkf. Ztg. aus Marburg schreiben. Zog da ein Jude Moses Fränkel, aus dem Kirchensprengel Hebel, im Jahre 1870 in den Krieg, um für die Einigung Deutschlands auf französischem Boden sein Leben zu lassen. Jetzt wird von der Gemeinde eine Denktafel zu Ehren aller für's Vaterland gefallenen Söhne des Kirchsprengels verfertigt. Und natürlich konnte man die echt semitische Anmaßung des Fränkel, sich für's Vaterland todtschießen zu lassen, nicht besser strafen, als daß man auf Betreiben des Ortsgeistlichen seinen Namen in die Tafel nicht aufnahm. — Regierungsrath Dr. Edmund Singer in Wien, bekannt als hervorragender Jurist und Vertheidiger in Strafsachen, ist an Herzschlag am 1. d. M. verschieden. -— Pie böhmischen Juden haben in Prag (zum ersten Male) eine jüdische Zeitung in czechischer Sprache gegründet. Dieselbe führt den Titel: Cesko-zidovskie Listy Die erste Nummer ist am 16. September erschienen und enthält u. a. Kundgebungen zur Judenfrage in Böhmen, welche der Redaktion von czechischen Parteiführern, zugegangen sind. — Der Redakteur der „Drohobyczer Zeitung" A. H. Zupnik wurde bei der Lemberger Landesausstellung vom Kaiser mit einer huldvollen Ansprache ausgezeichnet. Der Kgiser verweilte einige Zeit bei den ausgestellten Objekten und erkundigte sich über die Prosperität und die Ideen des Unternehmens. — Der Czar hat den folgenden jüdischen Militärärzten für ihre Leistungen während der Choleraepidemie vom Jahre 1892 in Rußland verliehen: den St. Annen-Orden 3. Klaffe den Doktoren Solowicjezyk, B. Silberstein, Dr. Szkudzki, den Stanislaus-Orden 2. Kl. dem Dr. Szura, den 3. Kl. den Doktoren Katz, Meisels r^d Aronson. — Der Rabbiner Cukierman in Kiew hat den TAel eines erblichen Ehrenbürgers vom Zaren erhalten. — In Vukovar fand am 24. vor. Monats die feierliche Enthüllung des Grabsteins des im 67. Lebensjahre verschiedenen Oberrabbiners David Löwy statt. Der gegenwärtige Rabbiner Dr. Diamant hielt dabei eine ergreifende Rede. — Aus dem soeben erschienenen statistischen Bericht des Ministeriums des Innern über die Anzahl der jüdischen Studirenden auf den russischen technischen Hochschulen geht hervor, daß in dem technologischen Institut in Petersburg unter 660 griechisch-katholischen Schülern 20 Juden sich befinden, in Charkow 11 unter 489, in Moskau 26 unter 432 und in Riga 232 unter 892. Die kürzlich ergangene Verfügung, welche den Juden selbst in Städten, wo sie in beträchtlicher Anzahl leben, das Recht nimmt, Stadtverordnete aus ihrer Mitte zu wählen, scheint man auch auf die Juden im asiatischen Rußland, welche sich bis jetzt des vollen Bürgerrechts zu erfreuen hatten, ausdehnen zu wollen. In Folge dessen herrscht, wie wir aus Tiflis erfahren, unter den kaukasischen Juden große Erregung. Sie überreichten dem Bürgermeister von Tiflis zur Weiterbeförderung an den Minister des Innern ein Gesuch, in welchem sie sich auf das Gesetz berufen, das allen Juden, welche sich vor dem Jahre 1869 im Kaukasus niedergelassen haben, dieselben Rechte wie den anderen Bewohnern des Landes verbürgt. — Seitdem Mas sau ah zu Italien gehört, kommen nicht nur von Zeit zu Zeit Falaschaskaufleute — unter den Falaschas versteht man bekanntlich die in Abessynien lebenden Juden mit ihren besonderen Gebräuchen und besonderem Ritus — dorthin, sondern einige derselben haben sich sogar hier schon angesiedelt, wo sie nun als Agenten für ihre Geschäftsfreunde in der Heimath fungiren. Dieselben sprechen alle das Amharische Druck und Verlag von Rudolf Mosse.in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bäuchw itz in Berlin.