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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-05 · Heft 40 (5.10.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 40 (5.10.1894)
Date
1894-10-05
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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58. Jahrgang. Nr. 40 Werts ge Serlm. 5. Oktober 1894. zur „Allgemeinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 3. Oktober. Wir freuen uns, heute unfern Lesern die Mittheilung machen zu können, daß Herr Professor Dr. Lazarus von Sr. Majestät dem deutschen Kaiser zum Geheimen Regierungsrath ernannt worden ist, eine Auszeichnung, die gewiß in allen Kreisen mit aufrichtiger Genugthuung ausgenommen werden wird. Das bezügliche kaiserliche Dekret ist am 15. September, dem Geburtstage des verehrten Mannes, an Bord der „Hela" ausgefertigt worden. L2 Berlin, 3. Oktober. Just zu rechter Zeit kommt die historische Erinnerung, daß die Synagoge in der Heidereut er gas se am ersten Neujahrsrage den 180. Jahrestag ihrer Einweihung feiern konnte. Sie war die erste öffentliche Synagoge in Brandenburg-Preußen. Den aus Wien im Jahre 1671 aufgenommenen Juden waren bis dahin nur Privatsynagogeü gestattet gewesen. Die Aeltefien hatten ein Grundstück am Neuen Markt zu dem Bau erworben, aber die Geistlichen der Marienkirche protestirten dagegen. König Friedrich Wilhelm I. war nicht so engherzig. Er erschien mit dem Hofe zum Weiheseste des Gotteshauses. Er hatte für die Bauerlaubniß von der Gemeinde 3000 Thaler für seine Rekrutenkaffe gefordert. Das war schwer zusammenzubringen. Aber der König resolvirte kurz: „Wenn sie nicht bis Sonntag zahlen, soll, die Liebmannin (die Inhaberin der bisherigen Synagoge) die Schuhl haben." Der König erschien zur Einweihung in dem festlich geschmückten Gotteshause, am Eingänge von dem Gemeindevorstand ehrfurchtsvoll begrüßt. Er brachte sogar ein Angebinde mit, einen Teppich aus dem Schlosse, eine Antiquität aus der Zeit Kurfürst Johann Georgs, und einen goldenen Degen für den Vorsteher, Koppel Bamberger. Der Teppich hängt noch heute als Vorhang vor der Lade mit den Thorarollen. Der Rabbiner sprach ein hebräisches Gebet für den König, die Festrede hielt einer der aus Wien Eingewanderten, der hochbetagte Hirschel Benjamin Fränkel. Eine Tafel mit einem Segenswunsche für den König, die Königin und das königliche Haus verewigt das denkwürdige Ereigniß. LL Berlin, 30. September. Unter den zahlreichen Wohlthätigkeitsvereinen unserer Gemeinde ist ohne Zweifel einer der am segensreichsten wirkenden der „Vorschußverein für hilfsbedürftige Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Berlin". Leider ist auch dieser Verein von der Ungunst der Zeit nicht verschont geblieben, wie wir aus dem Aufruf ersehen, der in diesen Tagen zur Versendung gelangte, und der folgendermaßen lautet: Sehr geehrter Herr! Der Vorschußverein für hilfsbedürftige Mitglieder der jüdischen Gemeinde, welcher im Jahre 1846 von einer Anzahl hochherziger Männer begründet worden ist, hat sich die Aufgabe gestellt, unseren unbemittelten, gewerbetreibenden jüdischen Mitbürgern durch Gewährung zinsfreier Darlehen Aushilfe zu bringen. Die Begründer dieses segensreichen Instituts gingen von der richtigen Erwägung aus, daß Almosen wohl die augenblickliche Noth lindern, indessen eine nachhaltige Besserung des Bedürftigen in der Regel nicht herbeiführen. Ueberall jedoch, wo es darauf ankommt, die wirthschaftliche Existenz einer Familie aufrecht zu erhalten und einen vollständigen Verfall zu verhindern, kann wirksam nur eingetreten werden, wenn dem Hilfsbedürftigen vorschußweise ein Darlehen gewährt und die Rückzahlung durch Gestattung von Ratenzahlungen erleichtert wird. In diesem Sinne hat unser Verein seit seinem Bestehen gewirkt und Tausenden von kleinen Gewerbetreibenden und Handwerkern Aushilfe gebracht und sie vor vollständiger Verarmung bewahrt. Die an den Verein gestellten Ansprüche sind im Laufe der Jahre immer größer geworden, sodaß es dem Vorstand zuweilen schwer wurde, die an ihn herangetretenen Anforderungen zu erfüllen. Es wird genügen, darauf hinzuweisen, daß wir im Jahre 1893 bei einem Betriebskapital von ca. 65,000 Mark von 672 an uns gelangten Gesuchen 692 Gesuche bewilligt und Darlehen im Betrage von über 155,000 Mark zinsfrei gewährt haben. Der wirthschaftliche Niedergang der letzten Jahre hat die Zahl unserer der Aushilfe bedürftigen jüdischen Mitglieder erheblich vermehrt und vielfach auch solche Darlehnssucher uns zugeführt, welche früher in besseren Verhältnissen gelebt haben. Die Ansprüche an unseren Verein sind unendlich gewachsen, sodaß wir oft zu unserem Bedauern nicht im Stande waren,' dieselben mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu befriedigen. Der Unterzeichnete Vorstand sieht sich deshalb in die Nothwendigkeit versetzt, an die Mitglieder unserer Gemeinde mit der Bitte heranzutreten, durch zahlreichen Beitritt zu unserem Verein uns Mittel zu gewähren, um die humanen Zwecke desselben zu fördern und zur möglichst größten Ausdehnung zu bringen. Das Verzeichniß der gegenwärtigen Mitglieder des Vereins fügen wir zu Ihrer gefälligen Kenntnißnahme bei und werden das durch den Beitritt neuer Mitglieder erweiterte Verzeichniß im nächsten Jahre versenden. Wenn je ein gutes Werk der Unterstützung werth war, so dürfen wir dieselbe getrost für unseren Verein in Anspruch nehmen. Der Vorstand: Oscar Rathenau, Vorsitzender, Bendlerstr. 25—26. M. Braß, Burgstr. 5. Joseph Frankel, Jägerstr. 19. Martin Herzfeld, An der Stadtbahn 20. Nathan Schlesinger, Schloßplatz 3. Rechtsanwalt Dr. Kronfeld, Schönhauser Allee 186a. Albert Levin, Matthäikirchstr. 4. Wolff Lewin, Karlsbad 7. Moritz Levy, Wilhelmstr. 45. Julius Oppenheim, Potsdamerstr. 118b. Bernhard Behrens, Schöneberger Ufer 23. Julius Cohn, Landgrafenstr. 9. Isidor Selten, Lützowstr. 60a Hermann Schayer, Schöneberger Ufer 42. Wilhelm Arnheim, Tauenzienstr. 6. : o Wir haben diesen Ausführungen, die für sich selbst eine beredte Sprache führen, nichts als den herzlichen Wunsch hinzuzufügen, daß in allen Kreisen unserer Gemeinde dieser Appell an das edle jüdische Herz reichen Widerhall finden wöge. Es handelt sich um die Unterstützung eines großen und wahrhaft segensreich seit Jahrzehnten wirkenden Vereins — und darum zweifeln wir nicht, daß der Erfolg ein großer und nachhaltiger sein wird! L2 Berlin, 3. Oktober, vr. Karl Bernstein, außerordentlicher Professor des römischen Rechts an hiesiger Universität, der krankheitshalber aber schon seit etwa zwei Jahren seine Vorlesungen einstellen mußte, ist am Sonntag nach schweren Leiden im 53. Lebensjahre gestorben. Professor Bernstein stammte aus einer angesehenen jüdischen Familie in Odessa. Seine Gattin ist die Tochter des unvergeßlichen S. A. Rosenthal in Petersburg. Den Traditionen seines Hauses getreu übte Bernstein auch hier Wohlthätigkeit in wahrhaft großem Maßstabe. Prof. Karl Bernstein beschäftigte sich mit dem römischen Recht. Seine akademischen Studien in der Rechtswissenschaft machte er hauptsächlich unter der Leitung von Georg Bruns und Rudolf Gneist in Berlin. In das Lehramt trat Bernstein 1878 ein. Zuerst Privatdozent an der Universität Berlin, erhielt er 1888 an dieser eine außerordentliche Professur für römisches Recht. Während der letzten beiden Lebensjahre konnte Bernstein wegen dauernder Krankheit die Lehrthätigkeit nicht ausüben. Von den Schriften Bernsteins sind zu nennen: seine Doktorschrist „De delegationis natura“ (1865), „Zur Lehre vom alternativen Willen und von den alternativen Rechtsgeschäften" (1. Abtheil., Berlin 1878), „Zur Lehre von der dotis dictio" (1885, in der Festschrift für G. Beseler). Sein Andenken wird stets ein gesegnetes bleiben. A Berlin, 30. September. Die Einweihung seiner neuen Synagoge Tauenzienstraße 9 beging am letzten Donnerstag der Religions- Verein „Westen". Das allgemeine Interesse, welches das Streben dieses rührigen Vereins hervorruft, fand seinen Ausdruck in der lebhaften Theilnahme an dieser Feier. Als offizieller Vertreter der jüdischen Gemeinde überbrachte das Vorstandsmitglied Herr Louis M. Bamberger die Glückwünsche derselben, während vom Repräsentantenkollegium der Vorsitzende Herr Hermann Landsberger und die Herren Martin Simon, Ruß und Leichtentritt erschienen waren. Bon den zahlreichen hervor-

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