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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-05 · Heft 40 (5.10.1894) · p. Seite 479

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 40 (5.10.1894)
Date
1894-10-05
Page
Seite 479 (sequence 11)
Language
German
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479 belegten Terrasse des Waisenhauses. — Droben wölbt sich der blaufunkelnde Aether über dem grünen Weinberg vor dem Hause, über die graue, im blendenden Sonnenlicht erglänzende Straße, drüber hinaus über die sanft ansteigenden Höhen, auf denen schmucke Häuschen aus dem Gebüsch hervorlugen. Hoch oben schließt im Hintergründe den Horizont der Bergrücken, der die Straße nach Betlehem trägt. Wir befinden uns in Jerusalem. Denn sie ist noch nicht gestorben, wenn sie sich auch vor ihrer überinüthigen Nebenbuhlerin, der siegreichen Roma, in den Staub beugen mußte. An ihren welken Busen drängen sich die Elenden, die ans Nord und Süd, aus Ost und West einhergewankt kamen, den langen, süßen Schlaf zu schlummern in heimathlicher Erde. Für eure Kinder errichteten wir diese Zufluchtsstätte, aber gleich den Zeloten von Alters her wolltet ihr sie lieber auf den Gassen verkommen sehen, als daß ein fremder Laut den heiligen Boden beflecke. Die Frauen nur erkannten meine Liebe, und fie. brachten ihre Waisen, und bald waren die wenigen Stellen gefüllt. Und wie an jenem Morgen, die Treppe vom Weinberg herauf, steigt die zitternde Ahne, an der Hand das niuntere Knäblein. „Erbarmen, Herr, Erbarmen für die Waise! Die Eltern sind todt, er ist Gottverlassen auf der Erde, wenn man die alte Bade hinausträgt." Ich frage und forsche, ich verspreche, ihre Wohnung aufzusuchen. Trauriger Vorwand, fehlten doch die Mittel für eine neue Stelle. Doch gehe ich nach der Stadt, ich finde den düsteru Winkel, den sie mir angegeben hat — die fensterlose, feuchte Kanimer, darin ein Bett für sie und das Kind. Auf dem Hof die brave Nachbarin, die ihr das Leben ermöglichte. Und ich muß versprechen, wohl wissend, daß ich nicht erfüllen kann. Und warum nicht erfüllen? Weil die reichen Herren und Damen draußen' in der Welt den Waisen Jerusalems den Rücken wenden. Heut wird Karten gespielt und morgen fahren sie ins Theater — ihren Zehnten opfern sie gewissenhaft den Modegötzen, und unsere Waisen schreien umsonst nach Brod. — Aber was klagst du an, die nicht wissen? Geh hinaus und bettele für die Kinder Jerusalems! So hatte ich leuchtenden Auges auf der Höhe Zions zu mir gesprochen. — Damals lächelten Himmel und Erde Gewährung, und ich erhob die Hand und that das Gelübde. Und jetzt stehe ich auf fremdem Boden, der einst mein Vaterland war, allein, aus dem düstern Himmel blickt kein Stern. Rasselnd jagt der rauhe Herbstwind die abgefallenen welken Blätter mir um die Füße und pfeift höhnisch aus den dürren Gipfeln hernieder. Ist das der Mann, der sich vermaß, seine Wange dem Schlage preiszugeben, und nun zitterte er vor der Marmortreppe und dem Prunkgemach eines Geldsackes? Ha, du hast's dir so leicht gedacht, das Gold zu ziehen aus der Höhle des Drachen! Und vertheidigen sie nicht ihr Eigenthum gegen die Schaaren der Gauner und Schnorrer? Jst's verwunderlich, daß sie, schon mit einem Fuße im Grabe, zittern, auch die letzte Million unversehrt den Erben zu überliefern? Daheim hatte ich mich vermessen: Du wirst zu den Herzen deiner Brüder sprechen; du wirst ihnen sagen: Läßt wohl ein Fürst unter den Völkern die Stammburg seiner Ahnen verfallen? und Israel sollte seine Hand zurückhalten, Zion zu stützen? Und jetzt, da ich vor ihren Palästen stehe, zagt meine Seele; wenn ich vor sie komme, verwirren mich ihre mißtrauischen und feindlichen Blicke, ich stammele und stottere, ich verstumme, ich bin auf den Mund geschlagen in der Gegenwart der Epikuräer und der Frömmler. Diese sprechen: Wir spenden nur für unsere Heiligen, die Tag und Nacht im Gesetze studiren, und Jene: Uns ist Ekel vor Jerusalem und seinen Bettlern, die da rufen: die heilige Stadt! Die heilige Stadt! und ihre eigene Tasche füllen. — Und ist es nicht wahr? Gehört nicht Oholiba einer Rotte von Wölfen, die den Armen zermalmen? Steht es dir etwa auf der Stirn geschrieben, daß du ein echtes Lamm bist, oder ein Bandit im Schafskleide, ausgesandt auf Beute von den Häuptern der Bande? (Fortsetzung folgt.) Lrtterarische Mitteilungen. ----- Dr. S. Adler. Assimilation oder Nationaljudenthum. Berlin 1894. Emil Apolant. Es ist eine Broschüre von kaum 16 (6") Seiten, die uns vorliegt, aber aus jeder Zeile, aus jedem Wort spricht Begeisterung für Israels Lehre, Treue zu dem Stamme, dessen Zukunft die Einen in der nationalen Wiedergeburt auf dem Boden Palästinas, die Anderen in der Erfüllung der von den Propheten und Gottesmännern ihm vorgezeichneten religiösen Mission erblicken. Der Berf. protestirt im Namen der deutschen Judenheit gegen die aus Rußland und Oesterreich nach hier verpflanzte zionistische Bewegung, „die nie in Deutschland Hätte Eingang finden können, wenn nicht der Antisemitismus seinen verheerenden Zug über das neue deutsche Reich angetreten hätte". Daß ein Theil unserer Jugend der zionistischen Bewegung Geschmack abgewinnt, ist nach der Ansicht des Vers, eine natürliche Erscheinung; denn „sie hat ja nur trübe Zeiten gesehen, von der Schulbank bis zur Hochschule am eigenen Leibe die furchtbaren Folgen des Antisemitismus in Kränkungen und Zurücksetzungen aller Art erduldet". Jndeß es ist unsere Pflicht, dem Vaterlande zu dienen, selbst wenn diese Dienste uns nicht die erhoffte Anerkennung, den berechtigten Lohn bringen. Der Vers, hat gegen die Kolonisation Palästinas nichts einzuwenden, er begrüßt sogar deren Fortschritte mit aufrichtiger Freude, warnt aber vor Utopien und Wahnvorstellungen, vor Allem aber vor dem zionistischen Gedanken, in Palästina müsse ein neuer jüdischer Staat gegründet werden. Wir stimmen den Ausführungen des Verfassers im großen Ganzen bei und empfehlen seine interessante Schrift aufs Wärmste, besonders der Beachtung der jugendlichen zionistischen Schwärmer. 0. I.. ----- Israelitischer Volks-Kalender für das Jahr 5655. Jahrgang II. Verlag von Hugo Schildberger in Berlin. Preis 50 Pf. Wenn es dem Verleger darum zu thun war, einen praktischen, modernen Kalender zu schaffen, so ist ihm dies vollauf gelungen. Unseres Wissens hat kein anderer Kalender einen so reichhaltigen Inhalt aufzuweisen, und es findet nicht nur der Hausherr ein praktisches Kalendarium, sondern auch für die Familie ist durch gute Erzählungen, Geschichte rc. gesorgt. Zwei Bilder „Moses Montefiore" und „Weinernte in Palästina" sind dem Kalender beigegeben. Die Ausstattung ist gefällig und empfiehlt den Kalender aufs Beste. — Heft 11 des 38. Jahrgangs der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums", herausgegeben von M. Brann und D. Kaufmann, ist ausschließlich der Erinnerung an Leopold Zunz pietätvoll geweiht. Das Heft enthält folgende interessante und werthvolle Beiträge: D. Kaufmann: Die Familie Zunz. — M. Brann: Dr. Leopold Zunz und seine Frankfurter Ahnen. Nebst einer Stammtafel. — D. Kaufmann: Löb Zunz. — David Rosin: Die Zunz'sche Bibel. — I. Theodor: Das Zunz'sche Buch über die „gottesdienstlichen Vorträge" und der heutige Stand der Midraschforschung. — D. Simonson: Freud und Leid. — Besprechungen. — In wenigen Tagen wird das II. Heft der in Wien erscheinenden und von R. M. Brainin redigirten Monatsschrift »Nimisraeli urnimaarabh“ erscheinen. Der Inhalt des Heftes ist folgender: 1. Zwischen zwei Epochen. Von R. Brainin. 2. Ueber Kosmopolitismus und Nationalismus. Briese von Eh. Margolis-Kalwaryski. 3. Die Judenfrage und ihre Lösung nach den Schriften Leroy Beaulieus und Lombrosos. Von Dr. S. R. Landau. 4. Zur Geschichte der neuhebräischen Litteratur im XIX. Jahrhundert (in Fortsetzungen). Bon M. Weißberg. 5. Leo Tolstoi und seine Anschauungen (II. Artikel). Von A. B. C. D.

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