Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- Seite 478 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 478 - wenn das zerschlagene, schwer beladene Schiff meines Lebens zerschellt. Dieser Glaube giebt mir Kraft zum Leben, erhält den Kindern den Vater, zügelt unsere Handlungen und Triebe. Und den wollen sie »ns entreißen. Was werden sie uns dafür geben? Eine andere Religion? Unsere ist die älteste — die beste. Vielleicht gar keine. Um so ärger. Deine Leute des Wisiens und Fortschritts wollen Alles vernichten und zerstören, was aber wollen sie dafür hiustellen? Bis jetzt haben sie nichts Erbauliches zu Stande gebracht. So bleibe ich denn lieber im alten Hause wohnen!" „Du, Jizchak, wenil Du wirklich etwas für die Deinen thnn willst, so kannst Du des zweischneidigen Schwertes entbehren. Unter uns verweilend, kannst Du Befferes leisten. Du wirst Dich vielleicht von uns unterscheiden — darauf kommt es nicht an. Im Geiste verwirfst Du vielleicht Manches aus unserem Glauben — das hat nichts zur Sache. Aber verbreitet darf solches nicht werden. Merk Dir, daß man auch an den Kleidern den Menschen erkennt. Laß uns also unser jüdisches Gewand tragen. Gedenke, wer eine andere Sprache spricht als wir, der trennt sich von uns, der zerreißt das Band der Solidarität. Laß uns also jüdisch reden. Vergiß niiHt, daß, wer von dem Bau unseres Glaubens und Lebens nur einige Steinchen wegwirft, der kann die ganze Mauer einreißen; laß uns wenigstens vor der Welt Zusammenhalten, vereinigen wir uns um unsereu Glauben. Wenn nicht — werden wir elendiglich zu Grunde gehen, wie die Assyrer, die Philister und Römer untergegangen sind." Jizchak lauschte gespannt der Auseinandersetzung des Schadchens. Er hatte von ihm als von einem erfahrenen, schlauen Mann gehört, jetzt erschien er ihm in einem andern Lichte. Reb Zudyk endete: „Höre also, Jizchak: Wenn Dir wirklich Etwas an dem Wohle Israels liegt, so nimm meinen Antrag an. Heirathe, werde selbständig, und Du wirst die Möglichkeit haben, weiter zu lernen. Es schadet ja nicht, die Waffen des Gegners zu kennen. Solche Kenntniß ist sogar sehr ersprießlich. Früher oder später muß es ja zum Kampfe kommen. Lange kann der Friede nicht dauern. Wir werden uns dasjenige nicht nehmen lasten, das uns das Heiligste, das Theuerste ist. Auf unfern Gewändern ruht zwar der Staub tausendjähriger Wanderung, und manchen Riß haben die Jahrhunderte mit ihren Stürmen hineingebracht, aber es bleibt doch ein königlicher Mantel. Wir tauschen ihn nicht gegen den stutzerhaften Frack ein. Das erwählte Volk Gottes, werden wir dem Cham die Hand nicht küssen. Das Volk der Priester und Heiligen, werden wir unsere Kinder nicht verderben. So denke nicht blos ich — aber auch unser Rebe. Im tiefsten Grunde Deiner Seele darfst Du bergen, was Dir gefällt — aber unsere Zwecke sind auch die Deinen. Höre mich. Vereinige Dich mit uns. Der Zaddik wird Dich auch unterstützen — und wenn Du Dir Mühe geben wirst, kannst Du Dich über Andere erheben, kannst sie beherrschen und leiten. Du kannst Dich mit Wissen wappnen. Aber um unser Leiter zu werden, mußt Du Mittel zum Leben und Zeit zur Arbeit haben. Wir könnten Dir sogar Geld gebe», aber welche Sicherstellung wird uns von Dir geboten? Deshalb mußt Du heirathen, um mit uns vereint zu bleiben. Mit der Zeit wirst Du ein bekannter, verdienstvoller Mann werden. Einverstanden?" Betäubt und erregt hatte sich Jizchak erhoben. Er gab dem, durch seine eigene Rede bewegten Schadchen keine Antwort und verschwand im Dickicht. (Forts, folgt.) Aus dem Leben eines Träumers. Bon W. Herzberg. I. s war in der Dämmerung eines Herbst-Abends, daß ich an dem stattlichen Hause wohl zum zwanzigsten Male vorbei patrouillirte. Daffelbe lag an der stillen, mit Bäumen bestandenen Promenade, und die Leute, die mich so hartnäckig auf und abgehen sahen, mochten sich einbilden —. , Aber was in aller Welt gehen mich die Gedanken anderer Leute an? Was sie dich angehen, du Heuchler? Lebst du nicht wie alle anderen Zweibeiner von dieser windigen Kost? mußt du nicht sterben, wenn dir der Glaube fehlt, in den Augen irgend eines Esels, resp. einer Gans als ein ganz apartes Thier zu erscheinen? Und ist dies nicht, fuhr ich fort, indem ich mich ganz nahe an die Gitterthür brachte, die sich zu einem kleinen Vorgarten öffnete, ist dies nicht ein neuer und unumstößlicher Beweis für die Spiritualität, das heißt für die Unsterblichkeit der Seele? Es gehört nämlich zu meinen Gewohnheiten, mich in abstrakte Themata zu versenken, wenn ich irgend etwas Außergewöhnliches vorhabe. Auf diese Weise an meine Umgebung und mich selbst vergessend, folge ich mechanisch dem von langer Hand gesteckten Ziele und befinde mich plötzlich in der Gefahr, welcher ich bei vollem Bewußtsein nie den Muth hätte, die Spitze zu bieten. Auf eine oder die andere Weise werde ich mich ja herausziehen, es wird den Hals nicht kosten. Mit diesem Kunstgriff wollte ich mich auch dies Mal überlisten, aber wie ich den Fuß in das fremde Gebiet setzte, witterte die Unterseele, die ich der größeren Klarheit halber X. nennen will. Unrath, hastig fuhr er zurück und begann mit seinem Gesellen einen Dauerlauf, der mich bis an das Ende der Promenade führte. Da blieb ich stehen und drehte mich um. Feiger Kerl, hörte ich das Seelchen 3). in mir zu mir sagen, da läufst du schon eine halbe Stunde oder länger an dem Hause vorüber, und wagst nicht, die unschuldigste Sache von der Welt auszuführen, die doch ausgeführt werden muß. — Also ohne Besinnen vorwärts! jetzt bin ich dieser verächtlichen Winkelzüge müde; Frau 2). mußte wohl wissen, daß ich dem Appell an meine Eigenliebe nicht Widerstand leisten könnte. In der That nahm ich eine gekränkte Miene an, schritt mit Würde, aber so langsam als möglich zurück, ging durch den bewußten Vorgarten und faßte nach der Klingel — dabei befand ich mich, wie ich Dir, lieber Leser, vertraulich mittheilen will, in einem solchen Zustand der Verwirrung, daß ich i» der That nicht wußte, was ich that. Und warum all' diese Qual? Sollte ich vielleicht einen Heiraths-Antrag machen in der angenehmen Erwartung, von meinem Schwiegerpapa vorläufig zur Thür hinausgeworfen zu werden? Nein, ich war, dem Himmel sei Dank! längst verheirathet, und, wenn ich nicht irre, Vater von vier Sprößlingen — also sollte ich ausgepfändet werden und mußte die Gnade eines hartherzigen Gläubigers anflehen? Auch nicht — Schulden freilich, daran fehlte es nicht. Aber, wer kann sich ihrer entledigen? Bringt sie doch nach der jüdischen Lehre der Mensch schon mit der Geburt auf die Welt. — Also handelt es sich um ein Duell? Hören Sie auf zu rathen, Sie werden es doch nicht finden. — Ich wollte betteln, ja betteln, das ist Alles. Also doch ein Experiment, meine Schulden zu vermindern? Nein! Es handelte sich nicht um mich — ich wollte, ich mußte schon das Erbarmen fremder Menschen anflehen, aber wohl mir, nicht für mich. Ha! wo bin ich? da wandte ich nach meiner Gewohnheit mit nackten Füßen und bedecktem Haupte auf der mit Quadratsteinen