Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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477- „Jch sterbe vor Anstrengung ... vor Arbeit für ihn, habe keinen Groschen inehr, und er will ausdrücklich meinen Tod." schrie die Mutter und sank erschöpft hi». Jizchak lieb seine Augen trübe auf den Anwesenden haften. Er wurde abwechselnd roth lind blaß und die Gedanken wirbelten ihm wild im Kopfe herum. „Reb Zudyk," sagte er endlich, „lasset mir Bedenkzeit!" Alle athmeten auf. Eine Viertelstunde darauf begab sich Jizchak in den Wald wie gewöhnlich. Er hoffte, in der stillen Waldeilisamkeit, bei den klugen wohlwollenden Mensche», der sein Herz und Gemüth bedrückenden Last ledig zu werden. Als er sich an der Krümmung des Waldweges befand, sah er plötzlich den, zwischen Bäumen hervortretenden Schadchen. Jizchak war durch die Ereigniffe der letzten vierundzwanzig Stunden derartig erregt, daß er jetzt in Zorn gerieth. „Was wollen diese Menschen von mir? Warum verfolgen sie mich?" schrie er den neben ihn stehenden Reb Zudyk an. Dieser wischte sich mit dem rothen Tuche den perlenden Schweiß von der Stirn. „Warte, warte, junger Mann!" sagte er beuchend. „Nur langsam! Setzen wir uns lieber." Und die langen Schöße seiner Bekesche in den Gürtel steckend, breitete er sein rothes Tuch auf dem Rasen aus und ließ sich gemächlich nieder. „Aber was wollt Ihr eigentlich," wiederholte Jizchak ungeduldig. „Setze Dich zu mir, mein Kavalier. Uh, wie habe ich mich erhitzt, um Euch in den Wald nachzulaufen. Aber gut errathen habe ich. Du bist da." „Seid Ihr meinetwegen hergekommen?" ..Ja!" .. ' „Ich habe schon einmal zu Hause gesagt, und kann nichts mehr hinzufügen. Laßt mich jetzt in Ruh. ich bitte Euch." Der Seelenverkäufer schielte seitwärts nach dem heftigen Jüngling und lächelte heiter. „Nu, nu, nu, weder die Thora noch der Halbdoktor laufen Dir fort... auf Ehre." „So wißt Ihr auch, wohin ich eile?" „Ob ich weiß! Eine Frage ..." Jizchak seufzte, als er sich so bewacht sah. „Höre," begann nach einer Weile Reb Zudyk. „Ich will mit Dir allein über das Geschäft reden." „Ich will aber nicht hören, ich habe es Euch schon gesagt." „Oh, Du bist hitzig. Du brauchst noch einen Belfer, keine Frau." Jizchaks Augen sprühten Funken, aber er wendete sich verächtlich weg- Der Schadchen ergriff ihn am Kragen. „Sei doch kein Kind. Dort läuft Dir Keiner fort, und mich kannst Du anhören." Mit Gewalt setzte er ihn an seine Seite. „Du bist ein tüchtiger Junge," — zog er weiter — „und hast im kleinen Finger mehr als Andere im Kopfe. Ich werde mit Dir reden, wie ich noch nie mit einem Kunden gesprochen." „Höre. Dieser Arendar will Dich für seine Tochter, wie er den Himmel für sich haben will. Er wird Alles thun, um Dich zu bekommen; er hat seine Gründe. Ich habe mich unterzogen, dies zu Stande zu bringen und muß das durchführen, um mir für die alten Tage mein Renommee nicht zu schädigen. Du aber bist dagegen. Hm . . . Ein Mädel kann man mit Gewalt unter den Trauhimmel führen, aber nicht einen jungen Mann." „Und wozu sagt Ihr mir das Alles?" frug Jizchak, welcher hr roth geworden war. „Um Dich zu überzeugen, daß Du schlecht handelst." „Das ist meine Sache." „La — la — la. Warte ein wenig. Mit mir ist nicht leicht fertig zu werden. Ich bin mehr als ein Faktor. Jizchak, nicht umsonst studire ich seit beinahe dreißig Jahren die Menschen. Nicht Wenige sind schon durch meine Hände und Taschen gegangen. Mehr als^eine weite Reise habe ich unternommen. Nicht umsonst bin ich übrigens der Vertraute des Zaddik. . ." In dem Maße wie das frühere Selbstlob seinem Zuhörer imponirt hatte, erschien ihm das Letzte komisch. Dem Schadchen entging dies nicht. „Nun, nun, mein Lieber, spotte noch nicht. Ist der Rebe auch nicht der, für den ihn Dein Vater hält, so ist er auch nicht der, für den Du ihn nimmst. Darüber wollte ich eben mit Dir reden." „Auch das noch! Ich bin nicht neugierig, und zum,Plaudern nicht aufgelegt." „Höre nur. Du glaubst nicht an unsere Weisen und Zadykim. Du verlangst nach unheiligen Lehren und willst ins feindliche Lager übergehen. Schüttle nicht den Kopf; ich kenne Dich viel beffer, als Du meinst. Weißt Du aber, von welchen Folgen diese Absichten begleitet sind? Schau! Wir haben in der Stadt zwei Aerzte, einen Apotheker und einen Beamten. Alle sind sie jüdische Kinder. Und was thun die? Während unter uns Hunger und Elend zu herrschen beginnen, während wir jedem Goj zum Gespülte und Gelächter dienen, denn jeder Junker, jeder kleine Beamte darf uns mit Koth bewerfen; sitzen sie in ihrem Kasino, unterhalten sich, leben und wollen nichts von unserer Noth wiffen, — ja,, sie schämen sich unserer, sagen sich von uns los. . . . Siehst Du, wohin ihr Lernen führt?" $• Jizchak wollte ihn unterbrechen, protestiren, wollte etwas von dem edlen Geiste der Civilisation, von seiner Liebe, seinen redlichen Absichten gegen seine Brüder sagen . . . jedoch Reb Zudyk ließ ihn nicht zu Worte kommen, immer eifriger fortfahrend: „Ich weiß, was Du sagen willst; nicht Alle sind gleich. Möglich. Aber wie sind die Andern? Was erstreben Alle? Ich sage nicht: sie gehen darauf los, uns zur Taufe zu bewegen, sie werden etwas Schlimmeres aus uns machen — Feinde nämlich. Sie wollen, daß wir keine Juden sein sollen, daß wir unserer Einigkeit und Brüderlichkeit entsagen, daß wir vergessen sollen, was wir gewesen sind lind was wir zu sein haben. Was wollen sie.? Das Erbe und den Namen Israels auf der Erdoberfläche vernichten. Jedes Volk hat seine Gesetze, sein Land und seine Freiheit, wir aber müffen ewig im Goles (Verbannung), ewig Diener bleiben, ja, uns noch mit unfern Unterdrückern verbinden, die Hände küffen, die uns grausam strafen, müffen uns eigenhändig morden. Wir! Wir sollen zu Grunde gehen, damit unsere Nachkommenschaft gut für das Feld ihrer Politik, ihrer Geschäfte werde. Und Du gehst darauf ein — Du, Jizchak?" „Ihr habt eine wichtige Frage berührt. Wir wollen aufmerksam darüber sprechen." s „Ich will nicht! Mir genügt, daß Du Dich nicht mit Jenen verbindest. Ich sehe, es steht noch nicht so schlecht um Dich. Du liebst Dein Volk, Du willst sein Gutes, also in erster Reihe, daß es leben soll. Nicht wahr?" „Ja!" „Jene aber wollen es tödten. Sie wollen, daß es in andere Völker aufgehe. Und vorerst tödten sie den Geist. Jizchak, Du glaubst vielleicht nicht mehr an Gott? Ich glaube sogar an die „Tarjag Mizwoth". So hat man mich erzogen, das giebt mir jetzt Ruhe, und läßt mich hoffen, daß mir Gott barmherzig sein wird,