Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
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476 Wie dies nun ein Ende nahm, ist eine sehr kuriose, eine sehr österreichische und namentlich auch eine außerordentlich galizische Geschichte. Unter diesen Kämpfen war der Frühling 1874 herangekommen und, wie überall in Oesterreich, sollten auch in Galizien die ersten« direkten Wahlen in den Reichsrath stattfinden. Die Einführung^ dieses direkten Wahlsystems war ein Sieg der Einheitsidee und es' handelte sich darum, ob auch der Ausgang der Wahlen diesen Sieg bestätigte. Namentlich in Galizien stand viel auf dem Spiele: wählte das Land auch nun Anhänger der „Resolution" (d. h. jener Erklärung des galizischeu Landtags, in welcher dieser eine Sonderstellung Galiziens gefordert hatte), dann war thatsächlich erwiesen, daß die Polen dort das Heft in der Hand hatten. Nicht über die Zukunft des Ministeriums, die jedenfalls für die nächste Zeit gesichert schien, sondern über etwas weit Wichtigeres schienen diese Wahlen entscheiden zu sollen, über die Zukunft des Landes: sprach es sich für eine Sonderstellung aus, dann war sie ihm auf die Dauer nicht zu weigern und damit war auch das Schicksal der Ruthmen,: Deutschen und Inden im Lande entschieden. Darum war auch ditu Erregung in Galizien eine ungewöhnliche; zum ersten Male sprach, alle Welt von Politik, wurden Wahlkomitees in den kleinsten Städten;, gegründet, die Agitation von Haus zu Haus getragen. Welche selk. samen Formen diese Agitation annahm, hierüber habe ich in dem Abschnitt: „Jüdische Polen" in meinem Buche „Aus Halb-Asien" Näheres berichtet. Hier habe ich nur etwas ganz Allgemeines und etwas ganz Besonderes zu schildern. Zuerst das Allgemeine. Im Wesentlichen standen sich nur zwei Parteien gegenüber, die Centralisten, die sich aus den Deutschen»« Juden und Ruthenen rekrutirten, und die Polen. Welche Partei an) Zahl die stärkere war, darüber konnte kein Zweifel herrschen, gewiß die Centralisten. Und weil es zudem in einem halb-asiatischen Lande« hauptsächlich der Beamte ist. der über die Wahlen entscheidet, unV das Ministerium ein centrolistisches war, so hätte eigentlich über dem Ausgang des Kampfes. kein Zweifel möglich sein sollen. In Wahrheit aber zweifelte Jeder, der die Verhältnisse näher kannte, und Jene, die« sie genau überblickten, sagten sogar einen Sieg der Polen voraus. Warum? Weil die Beamten Polen waren und, je nach dem Temperament, entweder die regierungsfein blichen Wahlen geradezu machten oder doch insgeheim begünstigten! Und nun das Besondere: der Wahlkampf in Czortkow. Der« dortige Be zirkshauptmann war kein Mann der zagen Bedenken: er« war Pole, daß er daneben auch politischer Beamter unter, einem centralistischen Ministerium war, schien ihm ein nebensächlicher Umstand. Es gab daneben noch ein polnisches Wahl-Komitee, aber das war eigentlich überflüssig; der Bezirkshauptmann besorgte Alles. Und er hatte viel zu besorgen, denn hier standen die Chancen doch unsicher: in diesem Städte-Wahlb ezirk gaben nicht die wenigen polnischen, nicht die gleich wenigen rnthenischen, sondern einzig die jüdischen' Stimmen den Ausschlag. Die Chassidim waren für den polnischen Kandidaten der Verfaffungspartei. In Czortkow stand Osias Meyer Schapira an ihrer Spitze. „Es war recht unklug von mir/' hat mir der arme Mann mehrere Jahre später mit traurigem Lächeln gesagt. „Und ungewarnt war ich nicht!" In der That, an Warnungen fehlte es nicht! Ein kaiserlich königlicher Beamter besuchte ihn und sagte ihm geradezu: „Herr Schapira, was geht Sie mehr an, Ihr Rabbinat oder der Centralismus?! Seien Sie klug, es wird nicht Ihr Schaden sein!"" Aber man weiß bereits: der Mann wollte keine Vernunft annehmen. Er war das thätigste Mitglied im verfaffungstreuen Wahlkomitee nd agitirte auch in den andern Städten desselben Wahlbezirks. Iw' Czortkow vollends brachte er — nur die Chassidim abgerechnet — so ziemlich alle Wähler auf die Seite seines Kandidaten. Natürlich hatte er dabei seine Helfer. Gewissermaßen als Adjutant diente ihm der Schneiderssohn Meschel Rost, der, obwohl zuin Schächter erzogen, doch auch deutsch lesen konnte, und bei den Chassidim schon deshalb als sehr gefährlicher Mensch galt, weil er sogar — man denke — die Leitartikel der „Neuen Freien Presse" zu lesen und seinen Parteifreunden mundgerecht zu machen verstand. Womöglich noch eifriger und noch gebildeter war ein Mann Namens Leib Geisinger, obwohl er Antodidakt, eines armen Mannes Schwiegersohn und selbst arm war. Ein gefährlicher Mensch, dieser Leib Geisinger, und nicht blos seiner Kenntnisse wegen, sondern noch mehr, weil er sie verbreitete. Das Ghetto birgt seltsame Gegensätze, neben Menschen von gierigster Habgier auch solche von einem so hell lodernden, völlig selbstlosen Idealismus, wie man ihm anderwärts selten begegnet. Und ein solcher Idealist war dieser Leib, er widmete seine ganze Zeit und Kraft, soweit er ihrer nicht zur Erhaltung der Seinen bedurfte, dem unentgeltlichen Unterricht einiger Jünglinge von Czortkow in der hebräischen und deutschen Grammatik; denn „wer was kann, wird kein Chasstd", war sein Grund, und er. war ein Todfeind des Chassidismus. Neben diesem Manne und dem Meschel that sich noch der Propinationspächter von Czortkow. Michel Wallach, als Agitator der Centralisten hervor. Ich brauche den Leser nicht erst zu bitten, die Namen dieser Vorkämpfer des Centralismus in Erinnerung zu behalten; er wird sofort daran erinnert werden. (Schluß folgt.) .- CTallnffllilUffll jgg - w ( * 1 FEUILLETON 1 # |( J| nraiinmnnmiii WIWWWII n MWnWMlllMnMMilllMnwMlllMiMMwMnWMwIinWWMiIkWMMiiWWMiM -- Ü MMMlW Arr Iudenjunge. Eine7Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann._ (Fortsetzung.) uerst ermannte sich der Schadchen. „Jizchak, haben wir schlecht gehört, oder hast Du uns nicht verstanden?" „Ich habe gehört, und verstehe Alles!" entgegnete er mit festerer Stimme. „Aber ich sage entschieden: ich will nicht.. ich kann nicht..." „Das ist ja ein Glück für Dich!" schrie der Heirathsstifter. „Ich will nicht." „Ich gebe tausend — a ganzen Tausender!" donnerte der Arendar. „Nein. . . ." „Jizchak, sei kein Narr," näherte sich der Vater. „Die ganze Stadt wird Dich beneiden ... die ganze Welt. ... Du hast ja den Rabbinerposten wie in der Tasche." „Ich will nicht. ..." „Jizchak, Du wirst Deinen alten, schwachen Eltern aufhelfen!" stöhnte die Mutter. „Sonst werden wir Hungers sterben," ergänzte der Vater, der dem Weinen nahe war. „Und ich werde gar ein altes Mädel bleiben," mengte sich die Schwester drein. Alle umringten ihn, sprachen lebhaft und gestikulirten, er aber hielt sich mit Mühe aufrecht.