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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-05 · Heft 40 (5.10.1894) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 40 (5.10.1894)
Date
1894-10-05
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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475 wissen; sie meinen, He Lehren dieser finstern Sekte drückten die Juden viel tiefer hinab und schieden sie viel strenger von den andern Bewohnern des Landes, als jegliches Vorurtheil von Außen. Unter diesen Umständen war es fast einem Wunder gleich zu achten, daß die Regierung — wenn ich nicht irre, zu Anfang der sechziger Jahre — einen Gegner der Chassidim zum Kreisrabbiner in Czortkow ernannte; der Mann hieß Osias Meyer Schapira. Ich weiß nicht, wie diese Emennung möglich wurde, vielleicht dachte der betreffende Kreishauptmann, auf diese Weise zugleich den Juden imb der Sache der Kultur einen Dienst zu leisten und damit auch den Interessen der Regierung, denn dieser Osias Meyer war sehr fromm, für seine Person fast ei» Asket, dabei sehr gelehrt, aber kein Chassid und in gewissem Sinne bildungsfreundlich. Er selbst sprach Und schrieb das Deutsche geläufig, und da ihm dies nichts an seiner Frömmigkeit geschadet hatte, so empfahl er die Aneignung dieser Kenntnisse auch Anderen. Daneben war er ein begeisterter österreichischer Patriot, der Anhänger eines starken Einheitsstaates und darum ein Gegner der polnischen Bestrebungen, die ja von vornherein auf eine ziemlich weitgehende Autonomie Galiziens gerichtet waren. Vielleicht schien gerade dies jenem Kreishauptmann der sechziger-Jahre ein Grund mehr für seine Ernennung. Denn damals gab es wirklich noch k. k. österreichische Beamte in Galizien, die für ein einheitliches Oesterreich waren und gegen die Hegemonie der Polen. Man kann sich denken, wie die Chassidim diese Ernennung aufnahmen, oder richtiger: diese Entrüstung kann man sich nicht denken und noch weniger die Art, wie sie sich äußerte. Der Mann war kein „Chassid". im Gegentheil ein Gegner der Sekte, das hätte genügt, die Gemüther in Aufruhr zu setzen. Aber zudem war er ja ein „Schamloser", ein „Abtrünniger", ein „Mann der Sünde". Warum? Rauchte er etwa am Sabbath? Der Mann wäre lieber gestorben! Oder trug er da ein Taschentuch, oder überschritt er den „Eiruw"? Bewahre! Bewahre! Aber — er hatte deutsche Bücher in der Stube, las deutsch, schrieb deutsch! Ein Rabbiner in einer kleinen galizischen Stadt! Gegenüber diesen Todsünden kam es kaum in Betracht, daß er ein politischer Gegner der Polen war. Schlimm freilich erschien den Chassidim auch dies, denn sie waren Freunde der Polen, und Niemand wünschte die Autonomie Galiziens wärmer herbei als sie. Warum? Etwa weil sie sich als Polen fühlten? Oh. sie fühlten sich nur als Chassidini! Oder weil die Polen judenfreundlicher waren als die Deutschen? Zu jener Zeit war das Gegentheil der Fall. Die Gründe für diese politische Sympathie der Chassidim lagen anderswo. Daß sich die Juden den Polen assimiliren könnten, diese Gefahr schien ihnen gering, schon der fremden Sprache wegen, hingegen fand der galizische Jude, der ja einen deutschen Jargon sprach, den Weg zur deutschen Bildung weit leichter. Und das sollte er nicht, er sollte auch der Nationalität nach Jude, noch mehr, er sollte Chassiv bleiben, und dafür lagen die Aussichten desto besser, je schwächer das Deutschthnm im Lande wurde. Ferner aber: die deutschen Beauiten waren damals fast durchweg liberal gesinnte Leute, viele sogar noch ggnz „josefinisch" gesinnt: sie hatten gewisse Humanitäts- und Kultur-Ideale und stellten sich darum in den Kämpfen zwischen den Chassidim und den Aufklärern fast immer auf die Seite der Letzteren; von den Polen, die zum guten Theil klerikal, jedenfalls aber, wenigstens damals, von allgemeinen Kultur- Idealen recht weit entfernt waren und nur nationale Interessen befolgten, war dies nicht zu befürchten. In der That erwiesen sich der polnische Adelige und Beamte überall als Freunde der Chassidim, und vielleicht hätte schon dieser dritte Grund genügt, die Chassidim gut polnisch gesinnt zu machen; nicht etwa blos die Dankbarkeit gebot dies, sondern vor Allem das praktische Interesse. Warum aber die Polen so handelten, ist leicht zu errathen: gelang es, die Juden der deutschen Kultur zuzuführen, ja allmählich vielleicht in währendem Zeitenlauf zu germanisiren, dann war es mit dem Traum von einer polnischen Hegemonie in Galizien für immer vorbei. Die Juden sollten ihrer Bildungsstufe nach Chassidim bleiben — so gebot es auch das nationale Interesse der Polen. Darum hatte auch Osias Meyer Schapira gegen zwei Gegner zugleich zu kämpfen, die Chassidim und die Polen. Zunächst machten ihm nur die ersteren das Leben schwer, aber allmählich auch die letzteren. Denn mit den Jahren wuchs die Zahl der polnischen Beamten immer mehr und ihre nationale Haltung wurde immer offenkundiger, je mehr der.Einheitsstaat zerbröckelte. Schon das Bürgerministerium hatte den Polen wichtige Zugeständnisse gemacht; unter dem Ministerium Potocki begannen sie sich vollends als die Herren im Lande zu fühlen. Daran änderte sich auch nicht allzuviel, als wieder ein centralistisches Ministerium ans Ruder kam, das Ministerium Auersperg- Lasser. Die polnischen Bezirkshauptleute in Galizien blieben deshalb doch gut polnisch und thaten, was ihnen im Interesse ihrer Nationalität geboten schien. Und dazu gehörte es auch, den Anhängern des Einheitsstaates, den „Schwarzgelben", den Daumen aufs Auge zu drücken. Das klingt unglaublich, aber es ist doch so: die durchgreifende Polonisirung Galiziens, die Unterdrückung der Ruthenen und Deutschen, wie der centralistisch gesinnten Juden ist hauptsächlich duech kaiserlich-königliche Beamte bewirkt worden, denen ihre Pflicht und der klare Wille der Regierung das Gegentheil gebot. Man 4>ennt Oesterreich nicht umsonst das „Land der Unwahrscheinlichkeiten". Von diesem Schlage war auch der damalige Bezirkshauptmann in Czortkow. Dieser Osias Meyer Schapira war ihm in jeder Beziehung ein Dorn im Auge: als „Schwarzgelber" wie als Feind der Chassidim. Anfangs konnte er ihm freilich nicht recht beikommen: der Mann war nun einmal Kreisrabbiner und es fand sich keine rechte Handhabe gegen ihn. Das änderte sich aber, als das kaiserlichköniglich österreichische Ministerium des Innern durch den Erlaß vom 2. Juni 1870 die Institution der Kreisrabbiner aufhob. Es würde zu weit führen, wenn ich hier auseinandersetzen wollte, warum dies geschah; auch über die Bedeutung der Thatsache an sich sei nur so viel bemerkt, daß damit in Wahrheit nicht allzuviel verloren ging; hätte die Regierung überall die rechten Männer zu finden gewußt, so hätten die Kreisrabbinate viel Nutzen stiften können; es war dies leider nicht der Fall. Den Schapira freilich traf die Absetzung recht hart, aber noch blieb er ja Rabbiner von Czortkow. Und dies Amt, meinte er, könnte er nicht verlieren, trotz des Bezirkshauptmanns und trotz der Chassidim. Denn er hatte ja seinen Vertrag mit der Gemeinde und einen Grund, ihn abzusetzen, gab es rechtlich nicht. Er vergaß, daß sich solche Gründe finden lassen, wenn man nicht blos die Chassidim, sondern auch den Bezirkshauptmann zum Gegner hat. Schon 1873 erkannten die Chassidim einen andern Rabbi an, dem eine so schwere Sünde, wie die Keuntniß der deutschen Schriftsprache nicht nachzusagen war. Aber das hatte nur die Folge, daß es nun zwei Rabbiner in Czortkow gab, einen offiziellen, Schapira, und jenen nicht offiziellen der Chassidim. Kurz darauf wurde der Osias Meyer Schapira seitens der Bezirkshauptmannschaft daran erinnert, daß er nicht niehr Kreisrabbiner sei. Das wußte er ohnehin, aber gegen praktische Folgerungen daraus rekurrirte er an die Statthalterei in Lemberg, an das Ministerium in Wien. Dasselbe that er bei jedem andern Vorstoß, gegen seine Stellung. Und so behauptete er sich, mit Noth zwar, aber mit Erfolg.

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