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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-05 · Heft 40 (5.10.1894) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 40 (5.10.1894)
Date
1894-10-05
Page
Seite 474 (sequence 6)
Language
German
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474 von Pio nono hochgeschätzte Samuele Alatri war ein Liebling aller Bekenntnisse. und als er 1889 starb, durfte der erste Bürgermeister von ihm sagen: „Die Stadt Rom hat den Dahingeschiedenen heiß wie einest Vater geliebt, und nun beweine sie ihn wie einen Vater!" In Kunst und Wissenschaft findet man aller Orten zahlreiche jüdische Namen. Ascoli ist der größte Sprachforscher Italiens, dem Dichter Finzi wurde ein Denkmal gesetzt, der Komponist der Oper „Asrael" ist der Jude Franchetti, Lombroso trägt eine,» weitberühmten Namen. Die von Boselli begründeten Kinderasyle sind wahre Musteranstalten; in der Frauensektion des rothen Kreuzes wirken 200 jüdische Damen. Das italienische Heer zählt eine lange Reihe höherer jüdischer Militärs. Major Blivetto stand mit an der Spitze der Truppen in Massaua, und als Kaiser Wilhelm II. am 23. April 1893 in den Vatikan fuhr, begleitete ihn ein italienisches Regiment unter dem Oberbefehl des jüdischen Generals Ottolenghi. Für die Gilde der Raffenhetzen hat das moderne Italien keinen Raum, in Rom verleiht heut Wissen und Charakter und nicht das Taufattest Würde und Stellung. Mit glühender Liebe hängt Italiens Judenheit am Hause Savoyen, und mit den Lieblingsnamen „Umberto? und „Margherita" glaubt die beglückte jüdische Mutter ewigen Frohsinn in die Wiege ihres Kindes zu legen. >• Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Dr. Berliner hat sich mit seiner Schrift ein großes Verdienst erworben. Es ist hier nicht der Ort, die zahllosen wissenschaftlichen, biographischen, kulturgeschichtlichen und liturgischen Einzelheiten zu berühren die der Verfasser in seinen Anmerkungen und Nachträgen in verschwenderischer Fülle ausgestreut hat. Sache der Zukunft wird es sein, an die Forschungen des vortrefflichen Gelehrten anzuknüpfen und seine Ergebnisse zu ergänzen. Das Buch kommt zur rechten Zeit. Denn es lehrt uns im Drange des Tages, daß Wahrheit und Menschenliebe sich wohl beugen, aber nicht vernichten lassen, und daß es auch in der Geschichte der Völker nach Sturm und Wetter einen Frühling giebt. Polen und Chassidim. Ein Kulturbild von Karl Emil Franzos. I. meinem Buche „Aus der großen Ebene" habe ich die ßjP Geschichte des armen „Galilei von Barnow" erzählt, des Schlächters Jossef Singmirwas aus Ehorostkow gebürtig und zu Barnow wohnhaft, der deshalb zu Grunde gerichtet wurde und auswandern mußte, weil er behauptete, daß sich die Erde um die Sonne drehe und nicht die Sonne um die Erde, und also auch mit dem Wunder, das im Buch Josua, Kapitel 10, Vers 12 und 13 geschrieben steht, nichts Rechtes anzufangen wußte. Es ist eine sehr sonderbare Geschichte und es hat ihr nie an Lesern gefehlt, die sich von dem Eindruck, die sie ihnen gemacht, durch die Aeußerung befreiten: „Das ist nicht wahr, daß kann nicht wahr sein! So dicht auch die Nebel der Unwissenheit und des Aberglaubens über dem Ghetto des Ostens lagern mögen, so weiß doch auch dort Jeder, wie Tag und Nacht entsteht, und es ist unmöglich, daß Jemand deshalb zu Grunde geht!" Es ist aber doch wahr und der arme „Galilei von Barnow" hat wirklich gelebt, noch mehr, er lebt noch heute und zwar, nachdem er in Mähren, wo er eine Zuflucht gefunden, fast aus Sehnsucht nach der armseligen Heimath vergangen, wieder in Galizien. Wo? das werde ich mich wohl hüten zu sagen, weil ich nicht weiß, wie die Vorsteher des Städtchens über das Kopernikanische System denken. I Es ist nichts an seiner Geschichte erfunden, als sein Name, und nichts verändert, als daß statt des wirklichen Ortsnamens der erdichtete „Barnow" gesetzt ist, und wenn mir der Mann, was alljährlich im Herbste zum Neujahrsfeste geschieht, schreibt, so vergißt er nie zu bemerken: „Und Alles haben Sie ausgeschrieben, wie es geschehen ist und auch, was Jizchok der Dorfgeher gesagt hat, und der Rabbi und die Anderen, ist die Wahrheit. Auf Ehre!" Der Held niemer Geschichte ist mit mir zuftieden, aber im Uebrigen hat es ihr nicht an Tadlern gefehlt. Die Einen glauben sie mir nicht und die Anderen fragen: „Wenn es auch wahr ist, wozu solche Geschichten erzählen? Nützen ste uns etwa?" Ja, erwiedere ich, sie nützen. Denn die Wahrheit allein ist die Sonne, welche die Nebel des Aberglaubens verscheucht, und es ist gut zu wissen, wie es noch heute drüben im Osten aussieht, gut und nützlich. Und weil ich glaube, daß es nützlich ist, darum erzähle ich heute wieder einige ähnliche Geschichten, darunter eine, die jener meines „Galilei" aufs Haar ähnlich sieht. Damit aber Niemand mehr glaube, daß ich erfinde, so nenne ich diesmal den wirklichen Ort und die wirklichen Namen. Es ist hier vielleicht noch nöthiger, als bei jener Geschichte von dem Verhältniß der Erde zur Sonne. Der Schauplatz der Handlung ist Czortkow, das kleine Städtchen im östlichen Galizien, wo ich meine Kindheit verbracht habe, und die Geschichten haben sich in der Zeit von 1874—1876 zugetragen. Aber man sei von vornherein versichert: aktuell sind sie noch heute. Meine Quelle sind Akten, ein ganzer Haufe mürben, halbbrüchigen Kanzleipapiers. Es sind anscheinend die langweiligsten Dinge, um die es sich handelt, aber wer recht zu sehen versteht, dem fügt sich aus den vergilbenden Aktenstücken ein Bild zusammen, das er nicht leicht wieder vergessen kann. Es ist ein Beitrag zur Geschichte der Kultur unter den östlichen Juden, wie er wohl aus anderen Dokumenten umfassender, aber im Einzelnen nicht lehrreicher gewonnen werden kann. Nicht lehrreicher und nicht erschütternder. Daneben zeigt sich hier so drastisch, wie man es selten beobachten kann, in welcher Weise große Staatsaffairen die Schicksale des Einzelnen bestiminen können. Es ist, wenn man es so nennen will, auch eine politische Tragikomödie, die ich hier erzählen will, und es wird nicht vieler Zuthaten meinerseits bedürfen, um dies den Leser erkennen zu lassen. Nur einiges Wenige sei zur Erklärung vorangeschickt. Die Sekte der „Chassidim" war in Czortkow immer eine mächtige, im Gegensatz zu manchem Städtchen der nächsten Umgebung, wo zwar auch beileibe keine Aufgeklärten sitzen, aber doch „Misnagdim", fromme, bibelgläubige und talmudkundige Leute, die abLr von der Muckerei der „Chassidim" nichts wissen wollen. Daß diese gerade in Czortkow besonders gedeihen, dazu hat neben dem Umstand, daß dort im vorigen Jahrhundert einige Vorkämpfer des Chassidismus ihren Wohnort gehabt, auch die Thatsache viel beigetragen, daß seit den Sechziger Jahren im Schlosse der Bawarowski ein Wunderrabbi residirt, der zwar für seine Person nicht viel Wunder thut, aber ein nächster Verwandter des Wunderrabbi von Sadagora ist. Darum haben die Anhänger der Fortschrittspartei in Czortkow einen schweren Stand. Man darf sich aber darunter wahrlich keine Radikalen denken. Fromme, sehr fromme Leute find auch sie, es giebt kein Gebet, ja keine Ceremonie des Glaubens, der sie sich entziehen wollen; nicht einmal die deutsche. Tracht haben sie anzulegen gewagt; nur die Allerverwegensten lassen den Kaftan bis zur halben Wade reichen. Auch stellen sie die talmudische Gelehrsamkeit noch immer weit über alle weltliche, aber ein wenig weltliche Bildung scheint ihnen nicht sündhaft; „es wäre doch schön," meinen sie, „wenn unsere Kinder deutsch und polnisch sprechen, lesen und schreiben könnten!" Daneben wollen sie allerdings vom Chassidismus nichts üiNik

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