Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- Seite 473 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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eines Martial, wir lesen Juvenals frivole Gedichte. Der feige und grausame Domitian verfolgte Jude», Christen lind Philosophen mit gleicher Schärfe, und erst unter Nerva findet die bilderlose Gottesverehrung offiziellen Schutz. Judenfreundliche und -feindliche Imperatoren wechseln in rascher Folge. Der eine baut ihnen eine prächtige Synagoge, der andere vertreibt sie aus der Stadt, ein dritter befreit sie von jeder Steuer, und ein vierter peinigt sie mit den schimpflichsten Edikten. Severus eröffnet ihnen die Ritterkarriere, Caracallas berühmte Verfaffung macht sie zu römischen Bürgern mit gleichen Rechten und Pflichten, und selbst Constantin, so lange er Heide ist, gewährt ihnen volle Gewiffensfteiheit. Erst mit dem Tage, da das Christenthum Staatsreligion wird, wendet sich das Schicksal der Jude». Dem Römer waren sie Heiden, den Christen gelten sie als Feinde ihrer Religion. Vergebens nennt Tertullian die Christen „Verwandte der Juden" — die Tochter erhebt sich gegen die Mutter! DaS Bürgerrecht der Juden wird aufgehoben, Beschränkungen über Beschränkungen auf sie gehäuft. Was Jahrhunderte mühsam ihnen gewährt, ist mit einem Schlage vernichtet, die geschichtliche Märtyrerrolle Israels beginnt. Die unterirdischen Grabgewölbe hallen von den Klagetönen der Verfolgten wieder, dieThränen fließen über das todte Gesteinder erste Akt ist zu Ende. Der zweite Akt der Geschichte der römischen Juden spielt im Dunkeln; nur hin und wieder erleuchten einzelne Lichtstrahlen die Scene. Manch stürmt Rom, und die Vandalen führen die heiligen Tempelgeräthe fort. Der Regierung des Theodorich, welche Liebe athmet, folgen die haßerfüllten Gesetze des Kaisers Justinian; das duldsame Longobardenrecht und das Friedensregiment Gregors des Großen werden gar bald von Druck und Verfolgung abgelöst. Und doch ist es wunderbar, daß die Juden Roms im Verhältniß zu ihren Brüdern im anderen Europa sich unter dem Schutze der Päpste trotz aller Wuthanfälle des Pöbels, noch am sichersten fühlten. Aus dem Dunkel tritt die jüdische Gemeinde Roms hervor. Sie empfängt den deutschen Kaiser Heinrich V. feierlich vor den Thoren der Stadt, sie zieht dem Papst Alexander IV. entgegen „mit ihren Fahnenträgern, Ordnern, Schreibern. Richtern und Geistlichen, nach altem Brauch die Gesetzesrolle in den Händen haltend." Unter dem „Judensprößling" Analekt II. weht ein liberaler Hauch. Wissenschaft und Dichtkunst blühen in der Gemeinde, Dantes Freund, Immanuel ben Salomo, schreibt seine witzigen Lieder. Die Jahrhunderte schwinden im Wechsel der Geschicke. Die papstlose Zeit ist auch für die Juden eine Schreckenszeit, und erst Cola di Rienzi,,der Retter Ryms, deffen Mutter sich als „Sabbathmagd" ihr spärliches Brod verdiente, giebt ihnen Freiheiten. Die medizinische Wissenschaft findet unter den Juden ihre berühmtesten Vertreter. Der römische Senat befreit zwei jüdische Aerzte, Vater und Sohn, wegen ihrer „großen Erfahrung auf chirurgischem Gebiete und ihrer Mildthätigkeit" von allen Steuern und persönlichen Leistungen, und Jnnocenz III. verleiht dem Arzte Elyas Sabbas für seine „ruhmvoll bewährte Heilung kranker Christen" den Bürgerbriefe Schutzbullen werden gegeben und genommen, Vorrechte ertheilt und aufgehoben. Der eine Papst verbrennt den Talmud, der andere läßt ihn drucken, der verbietet jüdischen Aerzten, Christen zu behandeln, der andere läßt seinen eigenen kranken Leib von ihnen heilen, der eine, führt schimpfliche Abzeichen ein, der andere wünscht den Verkehr zwischen Juden und Christen: es ist die Tragödie der Irrungen. Für alle Päpste aber bilden die Juden eine Einnahmequelle bis zur Erschöpfung. „Der Papst hat aus den zehn Geboten eins gemacht: gieb Geld her!" — so klagt ein zeitgenössischer Dichter. Den Höhepunkt des Haffes erreicht der Neapolitaner Paul IV., der Begründer der römischen Marterkammern und der Censur, derselbe Papst, von dem Ranke erzählt, daß er stundenlang nach Tische beim schwarzen, dicken, vulkanischen Wein von Neapel gesessen. Paul IV. hebt alle bisher gewährten Erleichterungen auf. Er verbietet ihnen jedcs ehrliche Handwerk und gestattet ihnen nur den Handel mit alten Kleidern, er untersagt ihnen den Kalif von Grundstücken, er übergiebt viele tausende ihrer heiligen Schriften dem Scheiterhaufen und begründet am 3. Oktober 1555 das Ghetto. 330 Jahre hausen die Unglücklichen in jenem engen, schmutzigen, allen Seuchen und Ueberschwemmungen schonungslos preisgegebenen Straßenviertel, in das kaum ein Lichtstrahl fällt, und deffen eiserne Thore Abends um 10 Uhr sich schließen. Paul IV. war der grausame Pharao für die Juden Roms geworden. Als der allgemein verhaßte Papst 1559 starb, ging ein Jubelruf durch ganz Italien. Der Palast der Inquisition wurde gestürmt, das Kloster der Dominikaner geplündert, die Bildsäule des Papstes zertrümmert und in den Tiber geworfen. Die katholische Welt athmete auf, die Juden Italiens begingen Freudenfeste. Der Papst war todt, doch sein Geist lebte weiter. Die Geschichte des römischen Ghetto ist eines der schwärzesten Blätter in der Geschichte der Menschheit. Gleichwie durch Blitzesleuchten wurde das Dunkel auf Augenblicke erhellt, um dann in desto tiefere Finsterniß zu sinken. Bald gilt es als gar köstliches Vergnügen, auf dem Korso greise Inden halbnackt unter Peitschenhieben im Wettrennen laufe» zu kaffen, bald ist es am Sonnabend des Karnevals dem Papst eine besondere Lust, der knieend ihre üblichen Geschenke überreichenden Ghettodeputation mit dem Ruf: „Andate!" (Marsch, fort!) die Erlaubniß zu ertheilen, weiter auf ein Jahr in ihrem Zwinger schmachten zu dürfen. An diese Entehrungen reihen sich die Bekehrungspredigten, welche die Ghettobewohner jeden Sonnabend nach ihrem eigenen Gottesdienste in der Trinitätskirche aus dem Munde eines getauften Juden mit anhören müssen, und schließlich die gewaltsamen Entführungen und Zwangstaufen, welche mitleidslos alle Familienbande zerreißen. Die Geschichte nennt eine Reihe jüdischer Märtyrer, die in Rom den Flammentod erleiden. Und doch, welch' geistige Kraft, welch' sittliche Hoheit trotz aller Fülle des Elends! Der Geknechtete war freier als sein Büttel, der Gequälte lächelte über den Dränger! Draußen Pöbelruf und drinnen Psalmengesang, draußen das Hetzgeschrei und drinnen das ZionSlied! DaS neunzehnte Jahrhundert bricht an, das Ghetto hört den Flügelschlag des Jahrhunderts nicht. Die französische Herrschaft ist ihnen ein kurzer, glücklicher Traum. Pius IX. läßt am 17. April 1848 den Kerker öffnen, nach zwei Jahren schließt er ihn wieder. Am 18. Juli 1870 wird die Unfehlbarkeit des Papstes proklamirt, am 19. Juli erklärt Frankreich an Deutschland den Krieg. Die französische Besatzung verläßt Rom, der Papst ist wieder Alleinherrscher, das Ghetto schmachtet weiter. Da wird die eingeschläferte Menschenliebe durch Kanonendonner aus ihrem Schlummer geweckt. Am 20. September rückt Raffaele Cadorna an der Spitze der italienischen Truppen in die heilige Stadt, die weltliche Macht des Papstes ist gebrochen, die Thore des römischen Judenviertels werden mit Kolbenschlägen gesprengt — der zweite Akt ist zu Ende. Die rächende Geschichte hat den versöhnenden Schlußakt zu schreiben begonnen. Das Ghetto ist vom Erdboden verschwunden. Leo XIII. gilt ■ als einer der menschenfreundlichsten Päpste, die je auf dem Stuhl Petri geseffen. Die italienische Verfaffung kennt keinen Unterschied des Glaubens. Die italienischen Juden sind die besten Patrioten. Den Israeliten steht der Zutritt zu allen Staatsämtern offen. Das römische Parlament zählt zehn jüdische Abgeordnete, im Senat sitzen fünf israelitische Mitglieder. Italien hat in dem berühmten Nationalökonomen Luzzatti seinen ersten jüdischen Minister, Malvano war Direktor des auswärtigen Amtes. Der selbst