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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-05 · Heft 40 (5.10.1894) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 40 (5.10.1894)
Date
1894-10-05
Page
Seite 472 (sequence 4)
Language
German
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semitismns Nahrung geben, was zu leugnen »ns selber am wenigsten einfällt, so giebt das im Allgemeinen den Antisemiten noch lange nicht Recht, und mindestens so lange nicht, als sie sich selbst nicht durch eigene Leistungen und bessere Moral Hervorthun. Heute ist es schon so weit gekommen, daß sich im Lager der Antisemiten alle unfähigen und verkommenen Individuen sammeln. Wer gar nichts kann, auf die Juden schimpfen kann er immer, der wird noch schleunigst Antisemit, spielt sich als den Verfolgten, Verkannten aus, schiebt die Schuld auf die Juden, verallgemeinert >sein Schicksal, wenn er das noch kan», und der Hetz- Apostel ist fertig. Dazu gehört nicht soviel, dazu gehört nur Frechheit! Im Allgemeinen also ist der Antisemitismus die letzte Schanze der Talentlosen. Aber auch die Verbitterten und Verfehmten retten sich oft hinter diesem Bollwerk. Vielen ist der Antisemitismus eine reine Spielerei, für Manche jedoch bedeutet er ein wirkliches Ideal. Jedenfalls leben eine Reihe von Schriftsteller» von: Antisemitismus. Wie der sich immer weiter ausdehnt, wächst auch seine geistige Begehrlichkeit. Es giebt kaum noch eine Frage', ein Thema, das er nicht in sein Machtgebiet aufnimmt, das er nicht mit seinen Krallen umfängt. Litteratur, Politik, Aesthetik, Geschichte, volkswirthschaftliche, wissenschaftliche, religiöse Fragen, Alles wird vom Standpunkt einer kleinlichen Parteifrage behandelt. (Schluß folgt.) Gin Blatt ans -er jüdischen Geschichte. Von Dr. Adolf Blumenthal in Ratibor. (c^fpTenn eine Litteratur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt daun einer tü Tragödie, die anderthalb Jahrtausende währt, gedichtet und dargestellt von den Helden selber?" Diese Worte schrieb vor etwa vierzig Jahren Leopold Zunz, der unsterbliche Begründer der modernen jüdischen Wissenschaft. Sein Wort ist wahr. Das Trauerspiel ist die Geschichte des jüdischen Volkes, und Zunz selbst hat so manche Scene aus jener thränenreichen Tragödie der Nachwelt vorgeführt. Es giebt fast kein Land der bewohnten Erde, dessen Fluren nicht von schuldlosem jüdischen Blute getränkt worden wären, es giebt keine Völkerbühne, auf der nicht menschliche Verirrung immer dasselbe schimpfliche Schauspiel unter dem Beifall des Pöbels in Scene gesetzt hätte. Heut liegt uns wieder ein bedeutsamer Beitrag zu diesem Zweige geschichtlicher Forschung vor. Dr. A. Berliner, Dozent am Rabbiner-Seminar in Berlin, schildert in einer zweibändigen Schrift, die von großer wiffenschaftlicher Bedeutung ist, die Geschichte der Juden in Rom von ihrer ersten Niederlassung bis zur Begründung des italienisches Staates?) Der ausgezeichnete Gelehrte hat theils an die Vorarbeiten eines Manfrin, Gregorovius, Schürer, Grätz, Güdemann u. A. angeknüpst, theils in eigener mühereicher Arbeit aus ungeahnte» Schachten werthvolles Material zu Tage gefördert. Der Verfasser hat zehnmal die ewige Stadt besucht, er hat Ghettogassen und Bibliothekssäle durchwandert, er hat vergilbte Pergamente enträthselt und ist in dunkle Grabgewölbe hinabgestiegen, er hat todte Steine und lebende Menschen befragt, und so mit seinem Wiffeusreichthum und Bienenfleiße ein Werk geschaffen, i) Geschichte der Juden in Rom von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart, von Dr. A. Berliner. 2 Bände. I. Kauffmann in Frankfurt a. M. 1894. 472 - das in seiner populär-wiflenschaftlichen Form nicht nur dem gelehrten Forscher, sondern auch dem gebildeten Laien eine große Fülle lehrreicher Anregungen bietet. Die Juden im heidnischen, christlichen und italienischen Rom — ein Drama in drei Akten! Der Pinsel des Künstlers könnte nicht so buntfarbige, wechselreiche Bilder schaffen, als die Geschichte sie gezeichnet. Der erste Akt führt uns in das heidnische Rom. Es ist das Rom des Cato lind der Gracchen. Karthago ist zerstört, und der römische Senat giebt den Völkern der Erde Gesetze. Da erscheinen jüdische Gesandtschaften der Makkabäerfürsten Juda, Jonatan und Simon, um ein Schutz- und Trutzbündniß mit den Römern zu schließen. Der Vertrag wird auf eherne Tafeln gegraben und nach Jerusalem gesandt. Juden lassen sich in Rom nieder und leben als freie Bürger unter dem Schutze des Gesetzes. Cicero rechnet in einer Vertheidigungsrede bereits mit ihrer Zahl und ihrem Einfluß. Cäsar, dessen stantsmännischer Adlerblick in den Juden die Vermittler zwischen Orient und Occident und die geeigneten Mitarbeiter an der Ausführung seines Planes, der Schaffung eines großen römischen Reichskörpers, erkennt, überhäuft sie mit Zeichen seiner Gunst. Er verbietet alle religiöse Genoffenschaften, nur nicht die jüdischen. Er gestattet den Wiederaufbau des Tempels, er erläßt die Steuern im Sabbathjahre und erneuert in den schmeichelhaftesten Formen den Freundschaftsvertrag mit dem jüdischen Volke. Des Märzes Iden erscheinen. Cäsar wird ermordet, und Nächte lang sitzen und weinen die römischen Juden an dem Scheiterhaufen ihres großen Wohlthäters. Aber selbst noch der Schatten des mächtigen Diktators schützt sie. Augustus vermehrt ihre Rechte. Er entbindet sie von der Zeugenaussage am Sabbath und bestraft Diebstahl der heiligen Bücher der Juden als Sakrileg. Dankbar nennen die Juden eine ihrer Synagogen die Augustäische und sprechen ein Gebet für daS Wohl ihres Fürsten. Am römischen Kaiserhofe verkehren jüdische Persönlichkeiten, die Söhne des Herodes sind die Lieblinge der römischen Gesellschaft. Wir hören von einem jüdischen Maler Eudoxus, wir lernen einen jüdischen Schauspieler Alityrus kennen, ein jüdischer Recensent wird genannt; wir treffen Juden in allen Gewerben, besonders bei den Fleischern und Schneidern; unter den römischen Bankiers sind sie vertreten, und auch an der Betilerbrücke sind sie nicht selten. Schon Tiberius verfolgte die Juden. Der wahnsinnige Caligula forderte vergebens die Aufstellung seines Standbildes im Tempel §ti Jerusalem, und nur sein früher Tod wendet weiteres Unheil von den Juden ab. Unter Claudius beginnt das Christenthum — damals noch eine jüdische Sekte — Anhänger zu finden, Rom wird der Schauplatz dogmatischer Kämpfe. Nero bezichtigt die Juden mit) die Christengemeinde der Brandstiftung Roms und läßt gleichzeitig seine Gemahlin, die Jüdin Poppäa Sabina, nach israelitischem Ritus bestatten. Das Heimathlaud wagt den großen Freiheitskampf gegen den übermüthigen Römer. Umsonst ist alles opfermüthige Ringen, das Nationalheiligthum auf der Zionshöhe fällt. Titus, die „Wonne des Menschengeschlechts", schickt Tausende von Juden in die Bergwerke, Tausende in den Cirkus zum Kampf mit wilden Thieren, Tausende als Gefangene nach Rom. Des Siegers glanzvoller Triumphzug zieht an uns vorüber, und der Titusbogen verewigt Judäas Demüthigung. Drückende Steuern werden erhoben, das aurum hierosolymitanum wird die Lockspeise des habsüchtigen Drängers. Und doch gewinnt gerade jetzt d.ie jüdische Religion immer mehr Freunde in dem seines Götterlandes überdrüssigen Rom. Hatte doch selbst ein Tacitus den jüdischen Gottesbegriff als „unwandelbar und unvergänglich" gepriesen! Die Uebertritte häufen sich. Frauen zumal, oft aus den stolzesten Patrizierfamilien, erscheinen als fromme Jüdinnen. Wir hören den Spottvers l

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