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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-05 · Heft 40 (5.10.1894) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 40 (5.10.1894)
Date
1894-10-05
Page
Seite 471 (sequence 3)
Language
German
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471 Mer Antisemitismus in der Litteratur. Ein Beitrag zur Geschichte der antisemitischen Bewegung in Deutschland. Von Leo Gorel. I. ntisemitische Schriftsteller hat es fast zu allen Zeiten gegeben. Die antisemitische Litteratur als Gattung ist erst ziemlich neuen Datums, so wie die antisemitischen Parteien noch jung an Jahren find und sich sehr wesentlich von früheren Judenverfolgungen unterscheiden, die nie Aeußerungen politischer Parteien und Maximen waren. Ehedem waren die Juden nie selbstständig, sondern machtlos und verfolgt. Ihre Verfolger und Peiniger waren abergläubisch. erregt uitb selbst durch dunkle dämonische Leidenschaften aufgestachelt. Man verfolgte die Juden, wie man Hexen verbrannte, mit dem besten Gewisten, ohne daß man damit prinzipielle, politische oder soziale Stellung zu den Juden oder Frauen nahm. Die da Hexen verbrannten, waren keine Frauen-Feinde, und die gegen die Hexenmacherei auftraten, keine Anwälte der Fravenemanzipation. Antisemitismus und antisemitische Litteratur beginnen mit dem Augenblick, dader Jude anfängt, nicht vereinzelt, sondern im Allgemeinen eine politische Rolle zu spielen, jener, da der Reichthum einzelnen jüdischen Häusern ungeahnte Macht verlieh und unter den Juden politische und wirthschaftliche Strebsamkeit allgemein wurde. Die antisemitische Litteratur beginnt als Partei-Aeußerung, unmittelbar nachdem einzelne Juden, vornehmlich aber der Eine, der größte (Heinrich Heine) zu einem litterarischen Macht-Faktor geworden ist und eine rege Betheiligung der Juden am litterarischen, künstlerischen und politischen Leben allgemein wurde. Drei Wurzeln hat die antisemitische Litteratur, so ungefähr, wie auch die antisemitische Bewegung in der Politik. Die eine ist schon genannt worden. Fast unmittelbar, nachdem unsere deutsche Litteratur sich den Einflüffen fremder Rationen, namentlich der französischen, scheinbar entzogen hatte und zu eigenem selbstständigen Leben erwacht war, traten zwei Schriftsteller jüdischer Nation in der deutschen Litteratur auf, die bald zu großem Ansehen gelangten, deren Macht aber ihren kleinlichen Neidern stets ein Dorn im Auge war. Was die deutsche Litteratur diesen Beiden (Börne und Heine), die, ob sie gleich gar nicht zusammen gehören und nur, weil sie beide Juden waren, immer zusammen genannt werden, zu danken hat, kann einstweilen noch gar nicht genügend erkannt und gewürdigt werden, so lange der Streit in so läppischer Weise weiter geführt wird, wie er es wird. Mit ihrem Auftreten beginnt die antisemitische Litteratur in Deutschland. Ihre Gegnerschaft war stets antisemitisch, der Kampf gegen sie wurde stets in antisemitischer Weise geführt. Sie waren nicht jüdischer als andere Juden, die vorher aufgetreten waren, jedenfalls freier, und eifrig bemüht, das Wesen der Deutschen zu erkennen, sich ihm anzuschließen und national zu wirken. Aber die Juden, die vorher aufgetreten waren, z. B. Moses Mendelssohn, waren entweder stiller, bescheidener, so daß sie schon gar nicht sosehr die Aufmerksamkeit erregten, gingen mehr in ihrem Wirkungskreis auf und traten nicht als Individualitäten so kräftig hervor, arbeiteten auch meist auf Gebieten, um die sich die Allgemeinheit überhaupt nicht so sehr kümmerte, so daß sie als Menschen und Juden gar nicht die Aufmerksamkeit in der Weise feffelten, oder aber, man betrachtete sie einfach als Kuriositäten wie man hellte die Chinesen als Kuriositäten nn Europa betrachtet oder früher die Betheiligung der Frauen am politischen oder wiffenschaftlichen Leben. Daß man gegen Heine und Börne sofort antisemitisch auftrat, hat zunächst eigentlich noch nichts mit dem Antisemitismus zu thun, sondern war nur eine Verlegenheitsdemonstration. Sie waren die Ueberlegenen, man wußte ihnen nicht beizukommen, so hielt man sich an Aeußerliches. Aber das Schlagwort war gefallen, und man fand, daß es eigentlich nützlicher war als die beste Kritik. Denn wer auch von dieser nichts verstand, das Wort „Jude" wirkte doch faszinirend auf ihn. Damit war der Anstoß gegeben. Wie sollten die Deutschen neben Goethe einem Juden huldigen! Andere Juden traten auf, in jüdischen Kreisen wurde Litteratur lebhafter getrieben als irgendwo, jüdische Salons begannen eine Macht zu bilden; und der Zufall will, daß gleichzeitig auch auf einem andern Gebiete, nämlich der Musik, zwei Juden zu hohem Ansehen gelangen (Meyerbeer und Felix Mendelssohn-Bartholdy). Zur selben Zeit sind jüdische Handelshäuser zu gewaltiger Macht emporgestiegen, neue noch unverstandene, aber sehr gehaßte und höchst unbequeme Ideell beginnen die politische Welt in Aufregung zu versetzen; die Judenfrage als politische Frage ist am Himmel aufgetaucht. Und was konnte bequemer sein als das in der ersten Verlegenheit von den Heine- und Börne-Gegnern aufgebrachte Schlagwort von den Juden, die germanisches Wesen nicht verstüilden, von den jüdischen Schriftstellern, die die deutsche Litteratur verdürben u. s. w. Kommt dazu, daß das nationale Element mehr denn je betont wurde, daß man in der Reaktion gegen die französische Revolution und den Kosmopolitismus des vorigen Jahrhunderts stand, die nämlich jetzt erst anfingen ins Volk zu dringen! Unsere deutschen Reaktionäre hatten im vorigen Jahrhlindert Kunst, Litteratur und Politik so ziemlich dem Bürger überlassen. Nun rächte sich das an den Enkeln. Sie sollten mit den neuen Ideen kämpfen. Das konnte man nicht. Man hatte das Volk verachtet und verstand sich überhaupt nicht recht mehr auf seine Behandlung. Aber man konnte ihm sagen, daß viele Vertreter der neuen Ideen, die Apostel und Prediger, Juden seien. Das ungefähr konnte man noch, und das genügte auch. Die Vermischung der Judenfrage mit dem politischen Liberalismus stammt aus jener Zeit und ist nicht so sehr Schuld der Juden als derer, die eine Larve brauchten, das Volk zu schrecken. Die Juden wurden die Vogelscheuche für das nach Selbstständigkeit ringende Volk. Wenn heute im politischen Leben jede den Antisemiten unbequeme Person als Jude denunzirt wird, so ist das nur die Konsequenz eines alten beliebten Verfahrens. So wurden schon in den dreißiger und vierziger Jahren ganze Schriftstellergruppen, namentlich das junge Deutschland, gern gemeinsam als Juden verketzert. Mit der größten Berserkerwuth stürzte man sich aber auf den größten, Heinrich - Heine, der, nebenbei bemerkt, zu den wenigen Schriftstellern gehört, denen es die Deutschen zu verdanken haben, daß ihre Litteratur internationale Bedeutung erhalten hat. Namentlich die Denkmalsrage hat wieder so recht drastisch den gemeinsamen Ursprung der ganzen gegnerischen Bewegung gezeigt. Wie, die Deutschen sollten einem Juden ein Denkmal setzen? Das wiegt ganze Bände von Kritik auf. Die zweite Wurzel der antisemitischen Litteratur, wie sie heute üppig aller Orten gedeiht, ist die Presse und das Theater, die heute ausschließlich in jüdischen Händen sein sollen, so wie etwa alles Geld der Welt. Jedenfalls, das ist gewiß, eine große Stellung haben die Juden heute, wie in der Industrie so in der Litteratur. Diese Macht allein schon genügt, die antisemitische Litteratur zu erhalten. Wie weit die Juden ihre Macht, gut oder schlecht, zum Frommen oder Schaden der Deutschen verwenden, kann hier unerörtert bleiben, weil uns das zu weit auf andere Gebiete abführen würde. Aber sofern auch einzelne Juden selbst dem Anti

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