Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- Seite 470 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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470 - ' $ >■ "V^rwäT. Vre Woche. Berlin, 3. Oktober.- f ie polnische Frage in der Provinz Posen bildet gegenwärtig das politische Tagesgespräch. Da gereicht es uns denn zu leicht begreiflicher Genugthuung, daß die Statistik uns gerade in diesen Tagen den Beweis liefert, wie sehr die Juden in dieser, jetzt von den Antisemiten so stark heimgesuchten Provinz' der Hort des Dentschthums sind. In dem neuesten Heft der preußischen Jahrbücher ist von Professor Dr. Böckh ein Aufsatz erschienen, der „Die Verschiebung der Sprachverhältnifse in Posen und West-, Preußen" behandelt. Zum ersten Male seit dreißig Jahren wurden bei der letzten Volkszählung im Jahre 1890 die Erhebungen auch auf die Muttersprache ausgedehnt, deren Ergebnisse sich folgenderniaßen stellten: ' Einwohner deutscher Sprache: Danzig Marienwerder Bromberg Posen zus.; Evangelische . . 302,450 385,015 2S3.842 272,641 1,213,948 Katholische . . 116,467 114,134 41,926 84,856 357,383* Jüdische . . . 5,822 15,688 Einwohner polnischer Sprache: 15,812 18,209 65,5311 Evangelische . 1,176 5,398 1,035 15,479 23,088 Katholische . . 162,786 323,971 312,133 724,942 1,523,832 Jüdische . . 96 131 90 198 515 Darunter sind als doppelsprachig zu den Polen gerechnet: halb zu den Deutschen, halb. Evangelische . 678 2,459 568 1,469 5,074) Katholische . 6,316 9,322 3,098 4,991 23,727 Jüdische . . 34 118 49 86 287 Dem gegenüber stellteil sich, von kleineren Einwänden abgesehen, die Verhältnißzahlen j. I. 1861 folgendermaßen: Einwohner deutscher Sprache: Evangelische . . 250,464 347,118 215,292 260,578 1,073,445 Katholische . . 84,840 79,238 40,743 88,592 293,413 Jüdische . . 6,765 20,049 24,287 50,092 100,193 Einwohner polnischer Sprache: Evangelische . 973 4,868 876 14,796 21,513 Katholische . . 132,528 261,565 240,911 549,383 1,184,387 und es ergiebt sich ferner eine Zunahme der Einwohner deutscher Sprache: Evangelische . . 51,986 37,904 38,550 12,063 140,503. Katholische . . 31,627 34,896 1,183 —3,736 63,970 Jüdische . . . -943 —4,361 -8,475 -21,883 —35,662 Einwohner polnischer Sprache: Evangelische . 203 530 159 684 1,575 Katholische . . 30,258 62,406 71,722 175,559 339,445 Jüdische . . 96 131 90 198 515 oder in Prozentsätzen der mittleren Bevölkerung zwischen 1861 und 1890 ausgedrückt (wobei die geometrische Mitte genonlmen ist), für die Einwohner deutscher Sprache: Evangelische . . 18,89 10,37 16,51 4,52 12,31 Katholische . . 31,82 36,70 2,86 -4,30 19,83 Jüdische . . . -15,03 —24,58 -43,23 -58,17 —43,89 Ueberhaupt D. . 21,70 14,31 10,61 -3,47 10,93 Einwohner polnischer Sprache: Evangelische . . w. o. w. o. w. o. w. o. 7,11 Katholische . . 20,60 21,44 25,97 27,82 25,27 Ueberhaupt P. . 20.65 21,29 25,97 27,29 25,01 Für beide zusamm. 21,41 16,98 18,03 15,71 17,53 Diese Zahlen sind, wie der B. B. C. sehr richtig bemerkt, lehrreich. Sie beweisen wieder einmal, ivie verderblich der Antisemitismus für diejenigen Bestrebungen ist, die er zu fördern vorgiebt. Hier zeigt sich, wie Böckh hervorhebt, daß „die Abnahme der jüdischen Bevölkerung eineu wesentlichen Faktor des Rückganges der deutschen Sprache bildet", wie auch der Verfasser schon in seiner „Volkszahl der Deutschen" hervorhob, daß „in verschiedenen posener Städten das Vorherrschen des deutschen Idioms in der starken Vertretung der jüdischen Bevölkerung seine Ursache hatte." Damit dürfte auch das Gefasel von dem „Gegensätze des Semitenthums zu deutscher Art" einen kräftigen Stoß erlitten haben. Oder gäbe es wohl einen ernsthaften Politiker, der sich überreden ließe, zu glauben, „es gehöre mehr deutsche Gesinnung und Gesittung dazu, in der Friedrichstrabe zu Berlin anständige, ruhige Staatsbürger anzurempeln und zu insultiren, als dazu, in den vom Polenthum okkupirten oder bedrohten Landstrichen trotz materieller und idealer Opfer seine deutsche Muttersprache sich zu erhalten?" Zugleich aber enthält diese Warnehmung eine ernste Warnung für die verantwortlichen Stellen. Wenn es wahr ist, was Böckh nachweist, daß der bei den drei Abtheilungen hervortretende Verlust durch Mehrauswanderung sich folgendermaßen stellt: bei den Evangelischen auf: 13,22 31,82 21,87 30,12 „ „ Katholischen . . 24,33 26,81 27,37 21,30 „ „ Juden . . . . 39,46 69,79 75,05 81,14 Prozent der mittleren Bevölkerung und im Durchschnitt wie 26,99 : 26,69 : 73,96, , dann ist in diesen Ziffern die Mahnung enthalten, dem Vordringen de? Antisemitismus, der die Juden in ihrem Erwerbsleben bedroht und damit mehr und mehr zur Auswanderung treibt, in den vom Polenthum bedrohten Strichen ein Halt zu bieten — soll anders das Deutschthum nicht weitere Verluste erleide». Unter den 458,144 weniger Vorgefundenen Deutschsprechenden sind nicht weniger als 60,720 Juden, wogegen nur 434 Juden mehr bei den Polen gefunden worden sind. Wem diese unverhältnißmäßig starke Abnahme der deutschsprechenden Juden noch nicht die Augen darüber öffnet, daß mit der Zerreibung der von deutsch-nationaler wie von polnischnationaler Seite in gleicher Weise angegriffenen jüdischen Bevölkerung der Ostprovinzen nur Wasser auf die Mühle der großpolnischen Agitation geleitet wird, dem ist überhaupt nicht zu helfen. * Der Bevölkerung dieser Provinzen wird übrigens das Wort des Erzbischofs von Posen, das er in diesen Tagen einem Interviewer gegenüber gebrauchte, zu einer wirksanien Waffe gegen die polnischen Antisemiten, denn auch solche giebt es jetzt, dienen. Der Erzbischof sagte u. A.: „Der Sozialismus, den wir so lange glücklich von uns fern gehalten haben, klopft vernehmlich an unsere Thore, und wir erkennen ihn wohl, auch wenn er sich in das häßliche Gewand des Antisemitismus hüllt, der überall nur ein Geschäft und ein Vorwand für selbstische Sonderzwecke ist."