Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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‘ ■*** * ' '** *’ " ' 1 - ‘ # ' .. ' t ' W . . - ' . ‘ aber nun, daß ein Schneider K.. ihm die Ausrede angelernt habe. Auch das hat sich als Lüge herausgestellt. So hat ein lügenhafter Junge so und so viel Leute dupirt. Die Vernünftigen haben freilich an das Märchen nicht geglaubt, aber die Dummen? 4P Kissingen, 21. September. Aus Anlaß der silbernen Ho chzeit des Regierungspräsidenten von Unterfranken und Aschaffenburg, Grafen v. Luxburg und seiner Gemahlin, geb. Prinzessin von Schönaich-Carolath, begab sich gestern der Distriktsrabbiner Bamberger mit dem Vorstand der israelitischen Kultusverwaltung nach Schloß Aschach, dem Sommeraufenthalt des Grafen, um ihm Namens der israelitischen Gemeinde Kissingen einen silbernen Pokal zu überreichen. Dieser, ein Prunkstück im Renaissancestil gehalten, zeigt das Gräflich Luxburgsche und das Fürstlich Schönaich-Carolathsche Wappen mit den Jahreszahlen 1869—1894 und trägt die Inschrift: „Zur freundlichen Erinnerung von der dankbaren israelitischen Kultusgemeinde Bad Kifsingen". Der Regierungspräsident war sehr erfreut über die Gabe und sprach den beiden Herren seinen lebhaften Dank aus Er versicherte die israelitische Gemeinde seines lebhaftesten Interesses und erkundigte sich besonders über den Stand der Synagogen-Angelegenheit. Oesterreich Angarn. lH Wien, 24. September. Sonntag den 16. d. wurde das unter der Aegide der Herren S. Silberstein und Os. Juer errichtete Bethaus im III. Bezirke, Hetzgasse 40, feierlichst eingeweiht. Unter den zahlreich erschienenden Gästen bemerkte man den Oberrabbiner der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Güdemann, Reichsrathabgeordneten Dr. Bloch, Prediger Dr. Gelbhaus, Tempelvorsteher Zolles u. v A Die Feier wurde durch eine Begrüßungsansprache des Vorstandes Herrn Silberstein eingeleitet, und nachdem der Chor der neuen Synagoge des II. Bezirkes unter Leitung des Kantors Schorr einige rituelle Gesänge exekutirt hatte, hielt Oberrabiner Dr. Güdemann die Festrede. Mit dem Absingen der Volkshymne fand die Feier ihren Abschluß. — Der Sultan hat dem Großindustriellen Baron Berthold P o p p e r de Podhragy die Kommandeur- Insignien des Osmanie-Qrdens verliehen. — Der Kaiser hat dem ordentlichen Professor der Dermatologie an der Universität in Wien Dr. Isidor Neumann in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die Organisation des öffentlichen Sanitätswesens in Bosnien und der Herzegowina den Titel eines Hofrathes verliehen. — Am Dienstag den 18. d. M. fand die Verhandlung gegen die Bedienerin eines verrufenen Hauses in der inneren Stadt, Anna Uh er, statt, die den hiesigen Damenschneider S. Steiner und dessen Schwager Adolf Flach beschuldigte, daß sie die 17jährige Tochter der Uher zu „Ritual-Mord"-Zwecken verkauft hätten Im Laufe der Verhandlung wurde es klar, daß diese Tochter bis zu einer gewissen Metamorphose in Zurückgezogenheit und Verborgenheit leben muß, und die Uher wurde wegen Verdächtigung zu 3 Tagen Arrests verurtheilt. Sie meldete gegen Schuld und Strafe, die Privatkläger gegen das zu niedrige Strafmaß die Berufung an. Es wird sich daher auch das Landesgericht mit dieser Blutbeschuldigung sonderbarster Art zu befassen haben. Vielleicht nimmt sich auch noch Pfarrer Deckert des wackern Mädchens an. — Die Vereins-Krankenkasse der Friseure wurde von dem Obmanne Karlowitz und dem Rechnungsführer Chmel um einen hohen Betrag geschädigt, beide Funktionäre gehören der antisemitischen Fraktion an und 'machten sich besonders durch ihre Agitation für die „Ideen" und „Bestrebungen" dieser Partei, zu deren eifrigsten Anhängern sie zählten, bemerkbar. B. Budapest, 22. September. Es ist diesmal dem Neograder Komitate das Glück zu Theil geworden, den gekrönten König auf seinem Territorium begrüßen zu können Die Anwesenheit Sr. Majestät in diesen Theilen Ungarns bildet zugleich ein freudiges Ereigniß für die gesammte Bevölkerung Ungarns ohne Unterschied der Konfession, welchen nahezutreten es der geliebte Monarch bei Gelegenheiten, da er das Volksheer erprobt, nie versäumt. Der Entgegennahme und Erwiederung der Huldigung war diesmal von verschiedenen Seiten mit hohem Interesse und mit ziemlich hochgespannten Erwartungen entgegengesehen worden. — Ein wichtiges Moment war aber nur der Empfang der jüdischen Deputation in der Reihe der Deputationen der christlichen Konfessionen und die der jüdischen Deputation gewidmeten königlichen Worte, welche hoffentlich in allen Herzen — vielleicht auch in der Kaiserstadt Wien — lebhaften Widerhall finden werden. Se. Majestät versicherte den Israeliten nicht blos in der üblichen Weise seines königlichen Schutzes, sondern er gab die schöne und bedeutsame Antwort: „Die Huldigung der israelitischen Kultusgemeinden des Neograder Komitates und die Versicherung ihrer unerschütterlichen Treue nehme ich mit Dank entgegen. Meinen Völkern gegenüber bildet die Verschiedenheit der Religionen keine Scheidewand in meinem Herzen; auf meine königliche Gnade und Schutz können also Sie auch immerdar rechnen." Wichtig und bezeichnend ist auch die Vielen vielleicht kleinlich erscheinende Errungenschaft, welche wir aus diesem Anlaß zu verzeichnen haben, daß die Juden zum. ersten Mal seit einem Jahrtausend als Konfession in ter Reihe der Konfessionen vor dem Antlitz des Herrschers erscheinen konnten. Das Gesetz über die Rezeption erscheint durch dieses Faktum bereits antizipirt. Rußland. Witebsk, 21, September. In einem Theil des Gouvernements Witebsk herrscht große Aufregung Unter der ländlichen Bevölkerung hat sich die Schreckensnachricht verbreitet, daß der „Antichrist" erschienen ist Der Glaube an den Antichrist und die Furcht vor ihm ist in ganz Weißrußland verbreitet. In Folge ihrer langjährigen Beziehungen zu den Juden, die in Weißrußland sehr zahlreich sind, mit deren Hoffnung auf das Erscheinen des Messias vertraut, glauben die christlichen Weißrussen der unteren Klassen, dieser Messias sei der Antichrist und werde Alles zum Judenthum bekehren. Bei geringen Veranlassungen nimmt dieser Aberglaube greifbare Formen an, und die fruchtbare Phantasie der Weißrussen erzeugt dann die wunderbarsten Geschichten. So auch jetzt. Prof. Wiskowatow war im Gouvernement Witebsk eingetroffen, um Schädelmessungen vorzunehmen. Zu diesem Zweck bereiste er den inneren Theil des Gouvernements, und flugs erkannten die klugen Bauern, die von dem wissenschaftlichen Zweck seiner Messungen keine Ahnung hatten, in ihm den Antichrist, der den Köpfen der Christenmenschen sein unheiliges Siegel aufdrückt Besonders unglücklich machte es die Bauern, daß sich auch die Priester dieses gottlose Siegel aufdrücken ließen. Die alten Leute ließen die Köpfe hängen, die Weiber heulten und die Jungen trennten sich in Erwartung des bevorstehenden Weltunterganges von ihrem Hab und Gut, das sie in den Schänken verzechten. Amerika. H. Newyork, 20 September. Major Schieren in Brooklyn ist entschieden gegen Alles, was nach Rassenhaß oder Rassenkampf aussehen könnte. — Vor einigen Tagen hatte sich eine Deputation von Israeliten, aus der 16. Ward, an ihrer Spitze der Bankier Hey mann Epstein, nach City Hall begeben, um Klage gegen Mangel an Polizeischutz zu führen. Auf der Revierwache der Stagg Str. soll Sergeant White die von Straßenbummlern insultirten und mißhandelten Israeliten, die klagten, ausgelacht und denselben ironisch den Rath gegeben haben, den Bezirk zu verlassen, wenn es ihnen dort nicht gefalle. White und sein Kapitän Ennis waren gestern vor den Major geladen, wo dieselben natürlich leugneten, einen Unterschied zwischen Israeliten und anderen Bürgern zu machen. Der Major ermahnte sie ernstlich, sich neutral zu verhalten und ordnete eine Untersuchung der Zustände an. Schon über 400 Verhaftungen seien wegen dieser Mißhandlungen vorgenommen worden. Die energische Sprache Major Schieren's wird die Polizei wohl veranlassen, Remedur zu schaffen, und gegen die „Toughs“, welche die Israeliten aus Sport an den Bärten zu zupfen pflegen, mit aller Energie vorzugehen. — Sämmtliche Mitglieder des Verwalt ungsrathes der Gemeinde Tempele Kanefeth Israel von Philadelphia waren am 29. August in Newyork anwesend, um ihren Rabbiner Dr. Joseph Krauskopf bei seiner Ankunft in Empfang zu nehmen und den Willkommengruß der Gemeinde zu überbringen Es ist dies zweifelsohne eine ehrenhafte Auszeichnung, wie solche bisher noch nicht stattgefunden hat — Die Mitglieder der Tempel-Gemeinde Beth-El werden am nächsten Neujahrsfeste anfangen in englischer Sprache, und aus dem bis dahin druckfertig gelegten Union-Gebetbuch zu beten. Dr. Köhler wird wohl noch deutsche Predigten mitunter halten, denn seine Gemeindemitglieder vermissen nicht gern die klassisch schönen Vorträge, in welchen er seine tiefen philosophischen Gedanken so klar darzulegen versteht, aber als Gebersprache wird die deutsche Sprache in die Rumpelkammer geworfen, und auch die deutsche Predigt wird bald zu den Dingen gehören, die gewesen sind