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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-28 · Heft 39 (28.9.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 39 (28.9.1894)
Date
1894-09-28
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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I H I II n. New-Aork, 7. September. Die Reise des Rabbiners Dr. Krauskopf nach Rußland dürfte, wenn sie auch keine anderen Erfolge auszuweisen hätte, als die Berichterstattung eines glaubwürdigen Augenzeugen, von unschätzbarem Werthe sein. Schon seine Reiseberichte liefern viele interessante Mittheilungen. So schreibt er aus Odessa: „Während wir Alle in dem Glauben befangen waren, daß der russische Jude selber die Schuld an seinen Leiden trägt, weil er ausschließlich dem Handel sich ergiebt, so habe ich durch persönliche Anschauung die Ueberzeugung gewonnen, daß er mit größerem Eifer und in verhältnißmäßig größerer Anzahl dem Handwerk und dem Ackerbau sich widmet, als die Juden anderer Länder. Außer den 39 Kolonien von Landbauern, welche im südlichen Rußland sich befinden und im blühenden Zustand sind, sagte mir der kaiserliche Aufseher, ein Nichtjude, daß gleich blühende Kolonien in anderen Theilen Rußlands sich befinden. ... In Odessa besteht seit dem Jahre 1864 eine Werkstätte, die in solchem florirenden Zustand ist, wie keine ähnliche in ganz Rußland. Ihre Gediegenheit ist bezeugt durch eine Masse von Medaillen, Preisen und Belohnungen, welche die Negierung der Anstalt anläßlich verschiedener Ausstellungen gewährte. Begleitet von einer Gesellschaft gebildeter Juden stattete ich der Werkstätte einen Besuch ab. Ich fand da ein ausgedehntes Etablissement, in verschiedene Departements eingetheilt, wie z. B. Maschinenbau-Werkstätte, Schmelzhütte, Dampfkesselbau, Schmiede, Bauhütte und Drechslerei. Ungefähr 300 Jungens sind da beschäftigt, nicht als Amateure, sondern wirkliche, harte, ernste Arbeit verrichtend, alle möglichen Aufträge ausführend. Die Lehrer sind alle Juden, darunter einige, die ihre Ausbildung in der Anstalt erhielten. Der Kursus erstreckt sich auf 4 Jahre, nachdem der Zögling 4 Jahre vorher einen Kursus der niederen Elementar- Handsertigkeitsschule durchgemacht hat. Ich sah ihre braunen, bloßen, muskulösen Arme, welche einem Vulkan Ehre gemacht hätten. Der Schweiß, welcher von ihrem berußten Gesicht und ihrer bloßen Brust herabrieselte, gaben beredtes Zeugniß, daß der Jude sein Brod im Schweiße seines Angesichts verdienen kann." Ein anderes Bild von Berditschew: „Das war der traurigste Tag meiner Rundreise. Ich habe Schmutz und Armuth schon früher gesehen, aber noch nie in der Ausdehnung, wie ich sie hier sah. Wohl war ich darauf vorbereitet, ehe ich hierher kam, aber die Wirklichkeit übertraf an bodenlosem Elend .alle Erwartungen. Berdytschew ist eine Stadt von 70,000 Einwohnern, von denen 65,000 Juden sind, und mit ganz geringen Ausnahmen die schmutzigsten, die ich je gesehen. Unsere schmutzigen Viertel, wie zum Beispiel Chinatown in' San Franzisko, sind Paradiese im Vergleich. Hier giebt es keine Straßen, kein Pflaster, keine Häuser, keine Werkstätten. Eine Masse einstöckiger Hütten, unregelmäßig zusammengeworfen, durch ein paar Hofräume und Sackgäßchen geschieden, hier und da von einer Kirche oder Synagoge unterbrochen, bilden den Haupttheil der Stadt." Dr. Krauskopf wird Ende des Monats zurückerwartet, und seine Gemeindemitglieder und Freunde gehen damit um, ihm einen würdigen Empfang zu bereiten. Herr Sal. Blumenthal wird als Vorsitzender des Komitees fungiren, welches die Empfangsfeierlichkeiten vorbereiten soll. Von Nah und Fern. --- Der Antisemitenführer Dr. Böckel hat von seinen „Parteigenossen" den Laufpaß erhalten und ist aus der antisemitischen „Reformpartei" ausgetreten. — Herr Isidor Koebner und Frau aus Berlin haben der jüdischen Gemeinde in Schwersenz, in der der Vater der Frau Koebner, der weit bekannte Lehrer Grünfeld, mehr als drei Dezennien wirkt, aus Anhänglichkeit für dieselbe eine Schulchandecke mit prachtvollen Kunststickereien gespendet. — Der geschäftsführende Ausschuß des deutschen Reichsverbandes jüdischer Religionslehrer hat in Breslau eine Steüen-Nachweis- und Bermittelungsstätte eröffnet. Die israelitische Kinderheilstätte in Königshoff-Jastrzemb hat dem Verbände vier Freistellen, das deutsch-israelitische Reichswaisenhaus in Diez hat den schulpflichtigen Kindern verstorbener Mitglieder freie Aufnahme bewilligt. — Es hat keins von den antisemitischen Blättern bis jetzt die Thatsache erwähnt, daß beim Kongreß zum Zwecke der Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs in Braunschweig Kommerzienrath Jüdel den Vorsitz geführt hat. — Der durch das antisemitische Werk „Lessing ein Plagiator" bekannt gewordene philosophische Schriftsteller Professor Paul Albrecht beging am 14. d. M. eilten Selbstmord, indem er sich aus dem Fenster seiner Villa in Hamburg stürzte. Er ist in der Nacht verschieden.- — Das in Bremen erscheinende antisemitische Blättchen „Der Unabhängige" wird zum 1. Oktober eingehen. — Der berüchtigte Antisemit und frühere Juden-Missionar Paulus Meyer befindet sich seit mehreren Wochen im Leipziger Untersuchungsgefängniß, wohin er von Wien aus transportirt wurde. Derselbe wird sich neben dem Verleger Rust und Dr. Wesendonck wegen Beleidigung des Pastors Bodelschwingh und mehrerer Diakonissinnen zu vertheidigen haben. — Die antisemitische „Deutsche Volkswacht" theilt aus Karlsruhe mit, daß auch Dr. Vogel sich „aus Gesundheitsrücksichten" als Parteiführer zurückzuziehen gedenkt. — Der bekannte Prediger und Lehrer Lion Wolf in Aschersleben feiert am 1. Oktober sein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum. Wolf hat sich als Lehrer wie als Schriftsteller und als Begründer der Hilfskasse für israelitische Kultusbeamte große Verdienste um den Stand, dem er angehört, erworben. — Die Strafkammer in Nürnberg verurtheilte den antisemitischen Agitator Retter spitz wegen Beleidigung einer Reihe von christlichen Beamten zu 6 Monaten Gefängniß und ordnete seine sofortige Verhaftung an. — Auf dem Naturforscher- Kongreß in Wien in der Sektion für Ethnographie und Anthropologie behandelte Dr. Glück die Abstammung und die Einwanderung spanischer Juden nach Bosnien. Redner kam zu der Schlußfolgerung, daß die europäischen Juden keine Semiten seien, sondern Mischlinge von Nichtsemiten mit Semiten. — Nach erfolgter königlicher Ernennung war Dr. E. Kalischer, zweiter Rabbiner der Gemeinde in Kopenhagen, zur Audienz beim König von Dänemark befohlen worden. Der König äußerte unter Anderm seine besondere Anerkennung darüber, daß Dr. Kalischer in 11I2 Jahren eine solche Beherrschung der Landessprache erlangt habe. — Dr. Roubinowitsch wurde zum Chef der Klinik für Geisteskrankheiten an der medizinischen Fakultät zu Paris ernannt. — Die ersten Medaillen für Malerei, Architektur, Skulptur und Kupferstiche fielen in der letzten Ausstellung in Antwerpen den Herren Henry Levy, Emanuel Hannaux, E. Ulmann und Gustave Levy zu. — Paron Stein, Generalkonsul für Liberia zu Antwerpen und Geschäftsträger der französischen Republik wurde znm Comthur der Ehrenlegion erwählt. — Das Taubstummen-Jnstitut zu Groningen erhielt eine beträchtliche Spende. Herr I?Oppenheim hinterließ demselben testamentarisch den Betrag von 400,000 fl. Das Institut hat auch eine Abtheilung für jüdische Pfleglinge. — Die jüdische Gemeinde in Warschau beabsichtigt, eine Handwerkerschule zu gründen,zu welchem Zweck seitens der Mitglieder bereits eine Summe von 60,000 Rubel aufgebracht worden ist. Das Statut ist der Regierung zur Genehmigung unterbreitet worden.— Aus Konstantinopel schreibt man: Ein großer Brand zerstörte gegen 200 Häuser im Judenviertel Hass-Köy. Das Feuer brach um 10 Uhr Abends aus und währte einige Stunden lang, durch einen ziemlich heftigen Wind genährt. Da das Viertel ganz aus Holz gebaut ist, so war große Gefahr vorhanden, besonders am Anfang der Feu^rsbrunst, wo Mangel an Wasser war. Erst nach Eintreffen der regelmäßigen Feuerwehrkorps konnte dem Feuer richtig entgegengetreten werden. Die Opfer des Feuers sind meistens ganz arme Juden. — Der Sultan überreichte dem Lord Rothschild eine goldene Tabaksdose mit dem kaiserlichen Wappen in Brillanten gefaßt, zum Geschenk. — Trotz der Ausschließung jüdischer Schulkinder von den öffentlichen Staatsschulen Rumäniens gelang es der kleinen Anzahl Schüler, die doch Zulaß hatten, die besten Preise und Zeugnisse davonzutragen. Die Eifersucht der Behörden angesichts dieser Ueberlegenheit der jüdischen Zöglinge ist so groß, daß die Regierung beschlossen hat, in Zukunft Preise nur an Kinder rumänischer Bürger zu vertheilen. — In Sofia wurde am 11. d. M. das neubegründete Rabbinerseminar in Gegenwart des Central-Konsistoriums für Bulgarien und zahlreicher Gäste feierlich eröffnet. Glückwunschtelegramme langten von sämmtlichen jüdischen Gemeindevertretungen wie von zahlreichen Privaten ein. Sämmtliche Gemeinden verpflichteten sich protokollarisch, einen jährlichen Geldbeitrag zu senden. Neben Herrn Dr. M. Grünwald wird Samuel b. Elija, Redakteur des Amigo del Puevlo und Direktor der Talmud- Thora-Schule in Sofia, den Unterricht ertheilen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: MaxBauchwiß in Berlin.

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