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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-28 · Heft 39 (28.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 39 (28.9.1894)
Date
1894-09-28
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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58. Jahrgang. Nr. 39 «erlitt, 28. »eptembrr 1894. Werkage gur „Atlgemernen Zeitung öes ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 23. September. Im Reichenheim'schen Waisenhause der jüdischen Gemeinde zu Berlin (Weinbergsweg Ile), dessen Bericht für die Zeit vom 1. Januar 1893 bis 31. März 1894 jetzt erschienen ist, werden augenblicklich 76 Zöglinge (44 Knaben, 32 Mädchen) erzogen. Sämmtliche Kinder besuchen öffentliche Schulen, die begabteren höhere Lehranstalten. In der Anstalt selbst wird Turn- und Gesangunterricht ertheilt, für die größeren Knaben außerdem Handfertigkeitsunterricht im Kerbschnitzen. Die gesummten Ausgaben betrugen nach dem Rechenschaftsbericht 65,342 Mark, die gedeckt wurden durch die Zinsen des Stiftungsfonds und einen Zuschuß der Gemeinde (diesmal 39,375 Mark). Die Verpflegung kostete für Kopf und Tag 0,44^ M. gegen 0,511/3 M. im Vorjahre. Während der Sommerferien schickte die Anstalt wie alljährlich auf ihre Kosten eine größere Anzahl schwächlicher Kinder in Seebäder oder auf das Land- Die hierfür maßgebenden Grundsätze werden im Bericht ausführlich dargelegt. In dem Kuratorium der Anstalt traten mehrere Veränderungen ein; den Vorsitz übernahm an Stelle des ausgeschiedenen Herrn Direktor M. Herr mann Herr Louis M. Bamberger; für Herr Alwin Ball, der krankheitshalber sein Amt niederlegte, trat Herr Julius Rosen heim ein. Durch den Tod schied Frau Caroline Meyer aus. Geleitet wird die Anstalt durch den Direktor Dr. Moritz Jutrosinski. Berlin, 23. September. Dr. Paul Kristeller ist von der italienischen Regierung mit der Bearbeitung der Kupferstichsammlung der Pinakothek zu Bologna betraut worden. Kr. stammt aus Berlin und hat bisher hier gelebt. James Paul Kristeüer, 1863 geboren, erhielt seine Schulbildung auf dem hiesigen Wilhelms-Gymnasium und wurde von diesem 1883 zur Universität erlassen. Seine akademischen Studien machte er in Berlin, Leipzig und München. Dann wandte er sich der neueren Kunstwissenschaft zu und lieferte eine sehr umfangreiche Untersuchung über die Straßburger Bücherillustration im fünfzehnten und im Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts. In den folgenden Jahren beschäftigte er sich hauptsächlich mit Studien über die älteren italienischen Buchdruckerzeichen. Die Frucht dieser ist das 1893 erschienene Werk „Die italienischen Buchdrucker- und Verleger-Zeichen bis 1525". A Berlin, 23. September. Als eine interessante Ergänzung zu unserm letzten Artikel über christliche Dienstboten in jüdischen Häusern bringen wir nachstehend eine Erklärung des Herrn Pastors Burkh ardt im Aufträge des Vorstandes des Vereins zur Fürsorge für die weibliche Jugend mit Bezug auf eine Notiz in der „Voss. Ztg.", wonach das Büreau im Marienheim nur an evangelische Herrschaften vermiethen soll: „Wie nach der Höhe des Lohnes, der Anzahl der zu bedienenden Familienglieder u. s. w., sind wir von den Mädchen selbst veranlaßt worden, nach der Konfession der Herrschaft zu fragen, an die wir sie weisen. Den Mädchen häufig begegnender religiöser Unduldsamkeit gegenüber halten wir es ebenfalls für unsere Pflicht, zu fragen, ob den durch uns vermietheten Mädchen vierzehntäglicher Kirchenbesuch gestattet wird. Tie Annahme der betr. Stelle bleibt in jedem Falle den Mädchen selbst überlassen. Wie wenig das Marienheim seine Wirksamkeit konfessionell beschränkt, daß es vielmehr jedem ordentlichen Mädchen ohne Unterschied der Konfession Aufnahme gewährt, beweist die Thatsache, daß im vorigen Jahre 54 Katholikinnen und 7 Jüdinnen unser Haus kürzere oder längere Zeit bewohnt haben und zum Theil noch in demselben verkehren." G. Lötzen (Ostpreußen), im September. Auf der diesjährigen Lycker Gewerbeausstellung Haben drei Mitglieder unserer Gemeinde, die Herren Julius Sandmann, Daniel Jaeoby und Adolf Rosenberg, wegen anerkennenswerther technischer und gewerblicher Leistungen die goldbronzene Verdienstmedaille erhalten. Diese Thatsache dokumentirt aufs Neue, wie falsch unsere Gegner uns beurtheilen, wenn sie dem Juden die Leistungsfähigkeit auf industriellem, gewerblichem Gebiete entweder ganz absprechen oder zu verkleinern suchen. Aber auch auf dem Felde der Ehre, der Opferfreudigkeit und militärischen Tüchtigkeit zeigt unsere kaum 20 Mitglieder zählende Gemeinde ein gar treffliches Bild. In unserer Synagoge befindet sich eine Gedenktafel mit folgender Inschrift: „Adolph Lübeck von hier, Unteroffizier im Ostpreußischen Grenadier-Regiment Nr. 3, fiel für König und Vaterland in der Schlacht bei Noißonville am 1. September 1870." Alljährlich wird diese Jahrzeit in feierlicher Weise von der Gemeinde abgehalten. Fast ein Drittel der männlichen Glieder unserer Gemeinde haben des Königs Rock mit Ruhm und Auszeichnung getragen. Unser ehrwürdiger Vorsteher Herr M. Davidson, der Senior unserer Korporation, hat die militärische Laufbahn als Feldwebel und unser jüngstes steuerzahlendes Mitglied, Herr Mayer in Widminnen, die Militärdienstzeit kürzlich als Unteroffizier beendet. Der frühere Kantinenpächter der benachbarten Feste Bogen Herr Zwillenberg (jetzt Inhaber des Hotels zum Kronprinzen in Lyk) stand circa 20 Jahre in königlichen Diensten, erhielt 1870 wegen Rettung seines Hauptmanns aus Feindeshand das eiserne Kreuz und erfreut sich noch heute, wegen seiner Rechtschaffenheit und edlen Charakters, der Sympathie der höchsten Offiziere unseres Armeekorps. So liefert unsere Gemeinde, welche sonderbar in der Heimathsgegend des Herrn Liebermann von Sonnenberg sich befindet, — en miniature den trefflichsten Beweis dafür, daß auch wir Israeliten in Kriegswie in Friedenszelten auf dem Gebiete der Vaterlandsliebe, nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung unsere Pflichten als deutsche Staatsbürger nicht nur voll und ganz, sondern noch mit Ruhm und Auszeichnung erfüllen. X Bromberg, 21. September. Liebermann von Sonnenberg wird in nächster Zeit in den Städten des Regierungsbezirks Bromberg, und zwar in Bromberg, Schneidemühl und Argenau, Vorträge halten. — Die Einweihung der neuerbauten Synagoge in Z n i n findet am 26. d. M. statt. — Zwischen dem Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Zempelburg und dem dortigen Kantor warein derartiger Streit ausgebrochen, so daß die Vertreter der Gemeinde sich veranlaßt sahen, ein Kollegium von drei Rabbinern zu berufen. Es wurden dazu auserwählt die Herren Rabbiner Dr. Perles-Nakel, Rabbiner Brann-Schneidemühl und Badler-Gollantsch^ Genannte Herren haben den Streit gütlich beigelegt. — Herr Hirschberg, langjähriger Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Margonin, hat sein Amt als solcher niedergelegt, weil er seinen Wohnsitz nach Breslau verlegte. Die Gemeinde verliert in ihm ihren tüchtigen Leiter und Berather. o. Wreschen, 23. September. Am Sonntag voriger Woche vereinigten sich 70 Herren und Damen der hiesigen Gemeinde im Hotel des „Schwarzen Adler" zu einem solennen Abschieds mahle für den nach Rawitsch überstedelnden Gemeinderabbiner Herrn Dr. Cohn. Dieses Fest gestaltete sich zu einer großen Kundgebung für genannten Herrn und lieferte den besten Ausdruck für die Liebe und Werthschätzung desselben. Im Namen der Gemeinde dankte Herr Stadtrath Wolff Jaffe dem Rabbiner und drückte in beredten Worten aus, welche Lücke der Fortgang desselben in der hiesigen Gemeinde zurückläßt. Namens der Repräsentanten dankte deren Vorsitzender, Herr Kaufmann Hugo Ehrensried. Herr Rabbiner Dr. Jacobsohn-Gnesen, ein Freund unseres bisherigen Rabbiners, feierte denselben als Gelehrten und Redner. Im Namen der Religionsschule sprach Herr Lehrer Cohn, hervorhebend, welch' hohe Bedeutung die Thätigkeit des Scheidenden für die Schule war. Weiter feierten die Verdienste des Rabbiners die Herren Pollack, Rechtsanwalt Peyser, Kreisphysikus Dr. Michaelsohn und Ziegel im Namen der Chewra „Baalim m’shaskim“, deren Begründer der Rabbiner gewesen. Herr Dr. Cohn dankte in bewegten Worten und hob hervor, wie schwer es ihm falle, unfern Ort, in dem ihn soviel Liebe umgeben.

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