Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- Seite 468 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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-« **•.r ■ N- L"- ' *' *. *~.~v•/' ' .,.<; - ........ -.....' ’ ¥ - ■ ' ‘‘ ' / ' V'"'-' 468 Sprer^saat. Geehrter Herr Redakteur! ^"|*o lange die Beschuldigungen eines Ritualmordes nicht als Beleidigung der israelitischen Religion aufgefaßt und gerichtlich belangt werden, muß das Gift der Antisemiten unter den Dummen, von welchen drei pro Sekunde geboren werden, Unheil anrichten. Jeder Ehrenmann, war überzeugt, daß es einer Feststellung des ersten Staatsanwalts nicht bedurfte, um die Nichtigkeit der Andeutungen als infame Lügen zu stempeln; ja, ein jeder Mensch, mit einer Unze Verstand begabt, muß es seltsam finden, daß man im Jahre des Heils 1894 überhaupt eine Bescheinigung der Nichtwahrheit gedruckt findet. — Da der Staat vielleicht gegen solche Lügen nicht vorgehen kann, so wäre es das Richtige, wenn der „Verein zur Bekämpfung der Lügen" — jetzt aber Antisemitismus genannt - gegen Schändung und grobe Beleidigung des Urglaubens der christlichen Religion Schritte thäte, um Wiederholung vorzubeugen Denn jede andere Konfession in Deutschland hätte diese oder ähnliche Beschuldigung längst gründlich widerlegt. Ein Deutscher resp Arier welcher Ehre genügend besitzt, um sich des jetzigen Gebahrens gründlich zu schämen. (Nachbemerkung der Redaktion: Wir fühlen uns genöthigt, hierzu ausnahmsweise zu bemerken, daß der Einsender dieser Mittheilung ein hoher Beamter ist.) * Geehrte Redaktion! ,As war mir sehr interessant, in Ihrem geschätzten Blatte gerade zu einer Zeit der Behandlung der Feuerbestattungsfrage zu begegnen, wo ich in evangelischen und katholischen Blättern dieses Thema auf das Eingehendste behandelt fand. Ich gedenke in Bälde einmal diese „brennende" Frage vom gemeinschaftlichen Standpunkte aus in einem der anders konfessionellen Blättern zu behandeln, begreiflicherweise nur vom kulturhistorischen Standpunkte aus, zumal ich selbst der Angelegenheit ablehnend gegenüberstehe. — Es hat mich aber überaus stark gewundert, daß der bejahrte Kämpfer für die Reform des jüdischen Lebens sich auf einen Midrasch berufen hat, der doch einem kabbalistischen Kreise angehört und somit im Allgemeinen weniger kulturhistorische Bedeutung, als individuelle Phantasie resp. Phantasterei verräth. In seinem Eifer für die „gute" Sache aber hat sich Herr Dr. Wiener- Oppeln zu einer völlig falschen Auffassung der Stelle im zitirten Midrasch Wajoscha hinreißen lassen. Wer auch nur die einfache Uebersetzung des Citates mit der ganzen Begebenheit vergleicht, steht auf den ersten Blick, daß es sich hier absolut nicht uw eine Bestattungsform handelt, sondern lediglich darum, die Asche Isaaks, falls er als Opfer verbrannt worden wäre, seiner Mutter zu überbringen. Die Benutzung einer Urne ist ja selbstverständlich, und der Zweck der Aufbewahrung durfte dann seinen eigenthümlichen Charakter verlieren Es ist ja übrigens längst bekannt, daß gar manche Geschichte der Kabbalah zwar bestehen geblieben ist, aber von denkenden konservativen Gelehrten früherer Zeiten als durchaus unjüdisch verurtheilt worden ist. — Die Auffassung, der Herr Dr Wiener Raum giebt, ist um so mehr auffallend, als er selbst auf Midr. rabb. IV, Parasch. 17, 2 verweist, die gleichfalls nur von einem Verbrennen als Opfer spricht. — Uebrigens bestimmt ja der Midrasch keine Halachah. — Zur Mischnah Ahiloth 2, 2 möchte ich Herrn Dr. Wiener nur auf den Kommentar des Maimonides z. St. Hinweisen, welcher erklärend hinzufügt: QTlftH fHÖ K2T SHtM "WfcO „sobald einer verbrannt ist, verliert er den Charakter eines Verstorbenen." Ist denn dort überhaupt von-jüdisch er Leichenverbrennung die Rede? Ganz ergebenst Breslau, 21. September. Dr. B. Königsberger. Mrscellen. Bismarck und Rosen. In Varzin wohnt seit vielen Jahren ein jüdischer Kaufmann Namens Rosen, der mit der fürstlichen Familie auf bestem Fuße steht. Das Häuschen, in dem er wohnt, gehört dem Altreichskanzler. Rosen ist ein durchaus braver und biederer Mann, der in Varzin und dessen Umgebung wohlgelitten ist. Einmal machte Fürst Bismarck einen Spaziergang durch das Dorf und 2am an der Wohnung des Kaufmanns vorüber. Dieser stand in der Thür und grüßte. Der Fürst blieb stehen und fragte leutselig: „Nun, Rosen, wie geht es Ihnen?" — „Nischt gut, Herr Fürst, — kununen Se doch a bischen näher!" — Durchlaucht folgt der freundlichen Einladung „Wissen Se, Herr Fürst, ich kann die theire Miethe nischt mehr geben, es ist wahrhaftig zu viel. Sie müssen mir was ablassen!" — „Sprechen Sie mit Westphal, lieber Rosen, der kann die Sache ordnen " — „Mit Dem, Herr Fürst, will ich nischt zu thun haben. Sie können es mir schon selber schriftlich geben." — „Das geht nicht, Rosen, sagen Sie nur, ich wünsche es, so wird Westphal gewiß Ihnen entgegenkommen." — „Herr Fürst, er thut nicht, ich will auch nischt mit ihm zu thun haben. Geben Sie mir's nur lieber schriftlich!" . . . Der Altreichskanzler will das Gespräch auf andre Dinge lenken, er sieht sich im Laden um und fragt: „Womit handeln Sie eigentlich?" — „Mit Schnittwaar', Herr Fürst." — Mit Schnittwaare? Was ist denn das?" — „Nu, Herr Fürst, sehn Se, nehm ich z. B. dies Stück Band und schneid' Ihnen ab davon einige Ellen, so ist das Schnittwaar'!" — Der Altreichskanzler schien von dieser Definition befriedigt und wollte sich verabschieden, als Rosen ihm zurief: Herr Fürst, ich hob' noch nicht die Schrift!" — „Es geht auch so, lieber Rosen, sprechen Sie nur mit dem Oberförster." — „Nein, Herr Fürst, es geht nicht!" . .. Bismarck erfüllte nun wirklich seinen Wunsch und willigte scyriftlich in die Miethsermäßigung. — Auch die Fürstin hält viel auf Rosen und läßt kleine Einkäufe bei ihm machen. Vor einigen Jahren erfuhr sie von der Erkrankung seines Kindes und ersuchte Professor Schweninger, den Patienten zu behandeln. Das geschah und die Kur hatte Erfolg. Als Rosen hörte, daß die fürstliche Familie abreisen wollte, begab er sich ins Schloß zum Professor und bat um die Rechnung.' „Ist schon bezahlt," sagte Schweninger, „es freut mich, daß das Kind gesund ist!" ----- Moriz Scharf. „Der ungarische Israelit" berichtet: Moriz Scharf, welcher in dem unseligen Drama von Tisza-Eszlar eine so traurige Rolle gespielt hatte, hat sich am 1. d. M. nach New-Aork eingeschifft, nachdem er in Amsterdam, wo er sich zehn Jahre aufgehalten, das Diamantenschleifen erlernt und ausgeübt hat. Sein Chef, welcher die Schleiferei nach Amerika verlegt, hat ihn mitgenommen. In dem Abschiedsbriefe, den Moriz Scharf an seine Eltern gerichtet, schreibt er: „Meine Seele ist für immer befleckt, stets wird der Wurm der Reue an meinem Herzen nagen, obwohl ich nicht begreife, wie ich gegen meinen theuern, heißgeliebten Vater eine so frech erlogene Aussage machen konnte, die nicht nur ihn, sondern auch eine Reihe unschuldiger Menschen ins Verderben stürzen und alle meine Glaubensgenossen für ewige Zeiten brandmarken mußte. Wie ich zu dieser Aussage gekommen — ich weiß es nicht, und mein Herz zuckt schmerzhaft zusammen bei dem Gedanken, daß mein Vater, daß die Welt annehinen könnte, die lästerliche Anklage sei in meinem eigenen kindlichen Gehirne entstanden. Und obwohl ich täglich Gott dafür danke, daß die Folgen der Bosheit ausgeblieben, die Gerechtigkeit gesiegt und die Wahrheit zum Durchbruch gekommen ist, so klopfe ich doch reuig an die Brust und spreche: „Vater, ich habe gesündigt! Meiner Jugend Sünden und Vergehen wolle nicht gedenken, o Gott!" Es ist mir unmöglich von hier zu scheiden, ohne euch, theuerste Ellern und geliebte Geschwister, noch einmal ein Lebewohl zuzurufen. Ich meinte, daß der Abschied von Amsterdam, dem Orte meiner Wiedergeburt, mir nicht so schwer fallen würde, als es in der Thal geschieht. Bin ich doch euch, meine Lieben, hier um so viel näher, als es nun der Fall sein wird, wo der Ocean zwischen uns liegen wird! Trotzdem ich schon so viele Jahre von euch getrennt lebe, fühle ich doch heute die Liebe zu euch mit doppelter Stärke erwachen, und im Augenblicke des Scheidens sehne ich mich mehr als je nach euch, ihr Theuern! Ich bitte euch nun, liebe Eltern, Schwestern und Brüder, vergesset mein nicht, gedenket des Getreuen, der im fernen Abendlande weilt, dessen Herz mit unslösbaren Banden der Treue an euch geknüpft ist. Schmerzlich empfinde ich es, daß es mir nicht gegönnt ist, euch vor meinem Scheiden noch einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, euch an den pochenden Busen zu drücken und die segnende Hand der Eltern auf meinem Scheitel zu spüren. Lebet wohl, Geliebte, der Allmächtige sende Segen und Gelingen in alles Werk eurer Hände, zu ihm wollen wir hoffen, daß er uns wieder vereinige, die wir doch einander so enge angehören. Lebet wohl!" Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.