Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- Seite 467 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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y?*~v"~i »i^/w *"’T'i'w^? t,-- **? ,Tvry?.:?; *■<, r :.v#sK’fr*iVe*f!t’’ — 467 „Nun/Wie wird es sein? Höre, Jizchak," sagte Red Mendel. Der Schadchen begann feierlich: „Red Burech giebt Euch eine Tochter wie eine Prinzessin: sie kann Techinos (Frauengebete) lesen, im Garten arbeiten und versteht, mit dem Bauer unizugehen. Er giebt ihr achthundert Gulden als Mitgift, und durch vier Jahre Kost und Quartier für das junge Paar und" — hier zwinkerte er dem Heirathskandidaten schelmisch zu — „für Astes, was während der Zeit hmziikommeu sollte. Außerdem verpflichtet er sich für den Fall, daß sich eine Möglichkeit zeigen sollte, für Jizchak irgendwo eine Rabbinatsstelle zu erlangen — seine Wahl zu unterstützen." In der Stube herrchte tiefe Stille, während dieser Antrag verkündet wurde. Reb Mendel drehte an seinen Seitenlöckchen; aus einer Ecke starrte die ältere Schwester den Jizchak verblüfft und mit offenem Munde an, als wäre ihr erst nach dieser Abschätzung sein ganzer Werth klar geworden. Mirjam hatte sich inzwischen im Bette aufgesetzt, die Augen wurden ihr feucht, endlich nicht mehr im Stande, ihre Rührung zu bemeistern, rief sie den Sohn herbei, drückte ihn an sich und benetzte sein Haar mit ihren Thränen. „So hat mich Gott dennoch nicht verlassen, so werde ich doch noch Freude an Dir erleben —flüsterte sie schluchzend. Jizchak sah wie ein Ertrinkender in diesem einen Momente seine ganze Vergangenheit, seine Träume und Kämpfe, seine Ziele und Bestrebungen vor Augen, und dies Alles sollte er jetzt wegwerfen und ein Leben beginnen, wie es Reb Lejbele führt? Die - Aussicht auf ein behäbiges, ruhiges, bequemes Dasein erglänzte; nun wird er ebenfalls am Samstag rauchen können, Bücher und Zeitungen beziehen. Ja ... wird er dann aber wirklich mit sich zufrieden sein? Wird dieser Geist, der mit seiner frühesten Jugend sich in ihm empört, endlich still und ruhig werden, oder wird er mit der Gewalt eines richtenden Engels ihm entgegendonnern: Du bist ein Schurke." Denn wie ... wie vermag er es nur, an diese Anträge zu denken, er, der im Geiste nicht mehr zu diesem Glauben, nicht mehr zu dieser Welt, die ihn umgiebt. gehört; er, welcher davon träumt, auch für sich einige Edelsteine aus dem Schatze des Wissens zu erobern, reich und beglückt zu werden und den Andern vorauzuleuchten gleich einer Fackel, welche die Dämmerung erhellt und dem Irrenden den rechten Pfad weist. Und dem Allen sollte er entsagen — unwiderruflich — aber wofür denn? Für dieses, vom Schadchen geschilderte Glück? Ist denn dieses von echter, wirklicher Dauer? Und nach vier Jahren — wenn die Mitgift aufgezehrt sein wird, was dann? Vielleicht das Bcttelgewerbe des Vaters übernehmen? ... Dieses Glück aber, dieses Geschick, seine ganze Zukunft soll er noch mit einer Person theilen, die er zwar nie gesehen — denn so ist es üblich — die er aber aus der Schilderung des Vermittlers kennt. Dies soll seine Lebensgefährtin werden. Weib und Mutter ist auch Frau Bauer. ... Sie hat aber aus ihrem Heim einen Himmel geschaffen, an dem, gleich Sternen, solche Kinder glänzen. Die Arendarstochter Hinde wird sicherlich nie so werden. Gewiß nicht. Wie dürste man auch verlangen, wie erträumen, daß sie einer Lola gliche. Ah . . . welcher Vergleich! Jizchak's Herz klopfte zum Zerspringen. Sie . . . auch sie ist ein heranwachsendes Weib . . . auch sie wird Gattin werden . . . bald. ... Ich kenne sie, ich fühle, ich sehe sie, und ich soll irgend eine Hinde heirathen? Und den Jizchak von gestern und vorgestern tödten, der von der Verbreitung des Wissens und der Tugend in seinem Volte sprach, und der sich neben diesem edlen Ludwig bester und höher wähnte, und an der Seite dieser Lola so innig bewegt war. ... Sollte er sich jetzt mit einem Male sein Morgen, all' seine Hoffnung abschneiden s Nein! Diese Gedanken jagten blitzesschnell durch sein Hirn. „Umsonst freust Du Dich, Mutter," flüsterte er erbleichend, sich sanft ihren krampfhaften Umarmungen entziehend. Und laut fügte er — sich dem Tische zuwendend — bei: „Vater, und Ihr, Reb Zudyk, umsonst bemühet Ihr Euch. Ich will mich nicht verheirathen." Sie sprangen vom Tische auf. „Was?" rief der erstaunte Schadchen. „Wieso?" rief der entrüstete Arendar. „Jizchak, mein süßes Kind! —" weinte Mirjam. Der Vater stand sprachlos da. (Fortsetzung folgt.) neuen Jahr! ^ie ist es still in Feld und Au' geworden. Im Herbstgewand erschauert die Natur. Nach Süden zogen sie, zu wärmern Borden, Die muntern Sänger all' in Hain und Flur. Und vor dem Hauch aus nebelfeuchtem Norden Flieht, ach, des Sommers letzte Blumenspur; Wohin wir schauen, überall Entfärben, Vergehen, Scheiden, Welken und Ersterben. Von Gustav Jacobsohn. O thöricht Bangen, eitle Furcht und Klage! Wie Himmelbläue, glänzend rein und hell. Nach einem trüben, grauumvölkten Tage Erscheint das fromme Fest in Israel. Gemütherquickend, wie mit Zauberschlage In dürrer Wüste ein lebendiger Quell, So tritt das junge Jahr nach alter Sitte Ernst feierlich, doch froh in unsre Mitte. Denn ob es draußen wild und drohend stürme Und Wolke sich auf Wolke niedersenkt, Ob sich Berläumdung,Haß und Mißgunst thürme. Des Rechtes zu berauben uns gedenkt, Wir fühlen sicher uns in Gottes Schirme; Er, der das Schicksal aller Menschen lenkt. Er thronet liebend über'm Weltgetriebe, Und nimmermehr erlischt die Menschenliebe. Und eine Wehmuth will uns da erfassen Bei diesem Anblick der Vergänglichkeit, Als wär' das Herz von allem Trost verlassen Und jede Freude unerreichbar weit. Ja, selbst die Hoffnung sehen wir erblassen. Der Menschenkinder rosiges Geleit, S i e selber zagt, als sollte auf der Erden Kein Glück mehr blühen, nicht mehr Frühling werden. Es fängt die Hoffnung wieder an zu blühen, Schaut in die Zukunft mit vertrauendem Blick; Erinnerung an überstand'ne Mühen, An froh verlebte Stunden kehrt zurück. Und ist auch mancher Schmerz noch im Verglühen, Und manche Trauer um verlorenes Glück; Im neuen Jahre wird sich Alles wenden. Das neue Jahr wird Heil und Tröstung spenden. So laßt uns denn die heil'gen Tage feiern Mit Freudigkeit und frommer Zuversicht; Laßt Gruß und Dank uns bringen den Befreiern Bon Harm und banger Sorge Schwergewicht. Was auch die Zukunft hinter dichten Schleiern So ängstlich uns verbirgt, wir fürchtend nicht. Wir geh'n getrost dem neuen Jahr entgegen. Bring' es uns Allen Frieden, Heil und Segen!