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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-28 · Heft 39 (28.9.1894) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 39 (28.9.1894)
Date
1894-09-28
Page
Seite 466 (sequence 10)
Language
German
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* * . ■ . ■ ■ * t%, . : ■■, - ■ •.,-■■■' ■■ 466 Wolken zusammentreiben. Was ist das Wahre, und was ist falsch an der gestern gehörten Aufklärung? Beide Persönlichkeiten, welche zwei völlig verschiedene Banner trugen, sprachen in anderer Weise den jungen Graf an. Ludwig war ihm erst seit Kurzem bekannt, der „Enkel des Brodyer" dagegen schon seit Jahren. Nie hatte er Letzterem etwas vorzuwerfen gehabt, alle Welt achtete den glänzenden Komödianten; aber Jizchak hatte ihn jetzt mit geöffnetem Visir gesehen und dachte mit Ekel an den Menschen, dessen Leben eine Kette niedriger Lügen und Gemeinheiten zur Erreichung so schmählicher Zwecke war. Um wie viel schöner sah dagegen der junge Arzt aus! Während der Erste seine Nichtigkeit und Schmach mit dem, aus den mannigfältigsten Stückwerk zusammengeflickten Deckmantel verhüllte und in ewiger Angst leben mußte, daß ein Windstoß oder ein Zufall denselben herunterreiben könnte, war der Zweite sich immer gleich und besaß die Befriedigung einer zwischen seinen Ideen und Handlungen herrschenden Harmonie. Jizchak war schon so weit entwickelt, daß er diese Vergleiche selbst anstellte und die entsprechenden Folgerungen daraus zog. Wenn aber die gestern gehörten Vernünfteleien dennoch auf Thatsachen beruhten? Die kurze Julinacht erschien dem Armen unendlich lang, so viele Foltern und Prüfungen hatte sie seiner Seele geboten. Mit Sehnsucht harrte er des Morgens, um die Familie Bauer besuchen zu könnnen. Aber dieser Tag bescheerte ihm eine neue Ueberraschung. Als er früh um zehn Uhr aus dem Bethause zurückkehrte, fand er zwei Personen zu Hause, von welchem ihm die eine recht gut bekannt war, während er die zweite zum erstenmal sah. Der Erste war der bedeutendste — Seelenverkäufer der ganzen Gegend. Er hieß „Reb Zudyk" und war äußerst populär und in den weitesten Kreisen geachtet. Er war denn auch ein „Schadchen" vom reinsten Wafler. Groß und breitschultrig, hatte er ein rothes Gesicht, ergrauendes Haar und einen imposanten Bauch. Beim Sprechen schloß er immer ein Auge, mit dem zweiten wußte er aber so schalkhaft zu zwinkern, daß alle Frauen roth wurden oder die Flucht ergriffen. Aus der rückwärtigen Tasche seiner Bekesche blickte immer ein schmutziges, rothes Tuch. Für seine Kunden hatte er stets einen Witz, ein freundliches Wort und Schnupftabak vorräthig; für sich aber ein großes, fettiges, etwas zerriffenes, aber unschatzbare Schätze enthaltendes Buch, die Genealogien, Matrikeln und Vermögensausweise der ganzen Jugend seines Kreises. Es fehlte nur das betreffende Signalement. Reb Zudyk wußte von Allem, was sich ereignete und nicht ereignete — je nach Bedarf. Er war in alle Geheimnisse der Schlafkammern und Taschen der jüdischen Bürger aus der Umgegend eingeweiht und führte eine äußerst ausgedehnte Korrespondenz in Berufsangelegenheiten. Man erzählte von ihm, daß es ihm gelingen würde. Feuer mit Waffer zu vermählen, wenn er sich dies ernstlich angelegen sein ließe. Seine Anwesenheit setzte Jizchak in großes Erstaunen, unangenehm berührte ihn aber seine Begrüßung. „Das ist ja eben unser Chusen-Bücher (Heirathskandidat)," sprach Reb Zudyk zu seinem Gefährten auf den Eintretenden deutend. „Schulem alejchem (Friede mit Euch)," sagte der Fremde und drückte mit seiner rauhen, schwieligen Hand Jizchaks Rechte so herzlich, daß dieser anstatt der vorgcschriebenen Erwiederung nur ein Gemurmel des Widerwillens oder Schmerzes vernehmen ließ. Nun begann er den Gast aufmerksamer zu betrachten. Es war dies ein Mann nahe an die Vierzig. Klein gewachsen, aber t rcitschultrig und vierschrötig, hatte er einen beinahe viereckigen, mit einer Leinwandmütze bedeckten Kopf. Unter dieser blickten kleine, tiefliegende, unstät herumschweifendr Aeuglein und eine aufgestülpte Zwiebelnase hervor. Dichter, farbloser Bartwuchs bedeckte das. ganze Gesicht, und aus dem immer offenen Munde leuchteten weiße, dichte und breite Zähne. Die Kleidung dieses Gesellen bestand aus einer neuen, augenscheinlich samstäglichen Bekesche und einem hohen, kothbespritzten Stiefelpaar. „Woher des Weges jetzt, junger Mann." wandte er sich an Jizchak. Seine Stimme war tief und stark, etwas heiser. „Aus der Klaus," entgegnete der Gefragte kurz und näherte sich dem Bette der Mutter, welche ihn herbeiwinkte und ihm etwas zuflüsterte. In diesem Augenblick trat Reb Mendel in die Stube, zog aus der Rocktasche eine kleine Flasche hervor, reichte drei Gläschen und einige samstägliche Mohnkuchen. Reb Zudyk schenkte ein. „Le'chajim (aufs Wohl)!" rief er Jizchak zu. „Auf Eure Gesundheit und Ruhe," erwiederte dieser, ohne sein Glas zu berühren. Er saß beim Tisch, sich gereizt auf seinem Stuhl bewegend. „Warum trinkst Du nicht?" frug der Schadchen. „Ich pflege keinen Schnaps zu trinken," war die Antwort. Der Gast öffnete erstaunt die Augen. „Was seid Ihr für ein „chassidisch Kind", daß Ihr keinen Branntwein trinkt?" warf er ein. „Er hat Recht," rief lachend Reb Zudyk. „Auf Ehre, er hat Recht. Ist denn das Branntwein, schmutziges Waffer, ein wenig sauer." „Wir Städter haben nicht einmal anständigen Schnaps," klagte der Vater. „Natürlich, natürlich." erklärte der Gast mit Kennermine, „hier versteht man keinen Branntwein zu machen." „Nur Ihr versteht diese Kunst," ließ sich der Schadchen vernehmen. „Werfet Ihr viel Kalk und Pfeffer hinein, um das Getränk scharf zu machen." Alles begann zu lachen, sogar Mirjam in ihrem Bette. Auch der Gast ließ ein dröhnendes Lachen hören, welches viel Aehnlichkeit mit dem Gerassel eines Wagens' hatte. Jeder brach ein Stück vom Mohnkuchen. Reb Mendel tauchte ihn in sein Glas. Es fehlte an Gesprächsstoff. Der Schadchen benützte die günstige Stimmung. „Jizchak," begann er, „hättest Du nicht die Freundlichkeit, uns ein Stück aus der „Gemara" vorzulesen?" Jizchak war schon von dem Zwecke dieses Besuches unterrichtet und kämpfte eben mit sich, um einen Entschluß zu fassen. „Wozu das?" wandte er ein. „In der That wozu," mischte sich der Gast ins Gespräch, während der Schadchen eine schiefe Miene zog. „Ich kann Euch sagen, ich bin ein ganz gewöhnlicher „Arendarczyk" und verstehe nicht viel von den heiligen Wiffenschaften. Welche Jugend habe ich auch gehabt!" Hier versetzte ihm der Schadchen einen leisen Rippenstoß, und er änderte seinen Tou. „Ich will mir auch von Gott dafür Etwas ausbitten und mein Eidam muß ein „Gaon" sein. Es ist eine bekannte Sache, daß euer Sohn Reb Mendel der Erste in der Stadt ist. Gestern haben mir erst der Parnes (Vorsteher) und sein Schwiegersohn, Reb Lejbele, von ihm gesagt, daß ich mit meiner Hinde keine bessere Partie machen kann. Schließen wir denn sogleich ab." „Macht Ihr Eure Geschäfte immer so ungeschickt?" murmelte der Schadchen unmuthig.

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