Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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-- <465 wmmßmmmmmrnmmmmmmmmmm Mit diesem Wunsche will ich dieses Kapitel schließeii. Ihr Eltern aber möget bedenke», daß es eine Schande ist, wenn jüdische Jünglinge und Jungfrauen die höheren Schulen verlassen, vertraut mit den Sitten der Griechen und Römer, bekannt mit den Göttergestalten nnd Helden der alten Germanen, wohlbewandert in alter und neue Geschichte, und ausgerüstet mit Kenntnissen aller Art — aber vom Judenthum, von biblischer und gar jüdischer Geschichte nichts wissen. Gabriel Uießer als Redner und Politiker. Von Moritz Brasch. ^or Kurzem veröffentlichte ich zum 80. Geburtstag des Professors Biedermann in Leipzig einen die Verdienste deffelben als Kulturhistoriker, Publizist und Politiker würdigenden Essay. Bei den Vorstudien, die ich hierzu machte, stieß ich auch auf das Memoirenwerk, welches Biedermann über die Frankfurter National-Versammlung kurz nach seinem Austritt aus derselben veröffentlicht hatte: „Erinnerung aus der Paulskirche" (1849). Unter dem mancherlei Bemerkenswerten, was für uns Jüngere aus jener bewegten Zeit von großem Jntereffe sein muß, war mir besonders das von Bedeutung, was der Leipziger Historiker über seinen Freund Rieß er als Mensch, Politiker und Redner sagt. Ich stelle aus dieser mit Liebe entworfenen Charakteristik folgende Stelle her: Rieß er hatte sich beim Vorparlament durch die gewandte Auseinauderwickelung einer schwierigen Fragestellung bemerklich gemacht, wodurch er den Verlegenheiten des Präsidenten und der Versammlung zu Hilfe kam. I» der National-Versammlung schwieg er anfangs oder trat doch nur weniger bedeutend hervor, bis er plötzlich durch eine glänzende Improvisation, worin er einen Angriff auf seine Glaubensgenossen mit der siegreichen Gewalt eines tiefgekcänkten sittlichen Gefühls zurückschlug, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog und mit einem Male den Ruf eines der besten Redner der Paulskirche gewann. Dieser Ruf steigerte sich seitdem mit jedem neuen Auftreten Rießers; seinen höchsten Gipfel erreichte er in jener epochemachenden Schlußrede zur Vertheidignng des Welcker'schen Antrages, einem Meisterstück klarer, scharfsinniger, geistvoller, vor Allem aber von der Wärme edler Leidenschaft und tief patriotischen Gefühls durchwehten Beredtsamkeit. Rießers Stärke als Redner beruht hauptsächlich auf diesem starken sittlichen Pathos, daneben auf einer scharfen Dialektik und einer geistreichen, ich möchte sagen sinnigen Weise, moralische und politische Wahrheiten aus der umhüllenden Schale verworrener Thatsachen wie einen leuchtenden Kern in großartiger Einfachheit und Klarheit hervortreten zu laffen. Rießer besitzt ein außerordentliches Feingefühl für Alle, auch die verstecktesten Verzweigungen sowohl des ihm gleichartigen Edlen, als des ihn abstoßenden Gemeinen und Schlechten, und weiß mit wunderbarer Kunst für jenes die lebendigsten Sympathien, für dieses die tiefste Entrüstung in den Herzen seiner Hörer zu entzünden. Ueberhaupt ist das vorherrschende Element in Rießers Charakter das Gefühl. Freilich kein blindes Gefühl, das der Leitung des Verstandes entbehrt, vielmehr ein von der vollendetsten Durchbildung aller geistigen Kräfte getragenes, von dem durchdringendsten Scharfsinn erleuchtetes, aber doch immer mit vorwiegend gemüthlichem Elemente. Sein großes Wesen athmet Milde, Versöhnlichkeit, Begeisterung für ein großes und erhabenes Ziel des Schaffens, für nationale Einheit, Macht und für eine auf den festen Säulen der Freiheit und der Gesetzlichkeit ruhende Staatsordnung. Das Schlechte, Gemeine, die leichtfertige oder böswillige Sucht des Zerstörens findet an ihm einen unerbittlichen Feind und vermag ihn in wahrhaft heiligen Zorn zu versetzen. Nichts hält ihn dann zurück, die Blitze seiner strafenden Beredtsamkeit gegen die Schuldigen zu schleudern und sein empörtes Gefühl in Worten der Entrüstung zu entladen. Und so sehr konnte dergleichen ihn außer sich bringen, daß der sonst sanfte und gemessene Mann zu heftigen und unparlameutarischen Aeußerungen sich fortreißen ließ. Wie alle Menschen mit vorwaltendem Gefühl war Rießer nicht selten Schwankungen und Unsicherheiten in seinen politischen Entschlüssen ausgesetzt. Nicht immer vermochte er, was sein Gefühl ihm als das Richtigere und Wünschenswerthere darstellte, dem unterzuordnen, was sein Verstand als das thatsächlich allein Mögliche anerkennen mußte. So in der österreichischen Frage, wo er lange sich von der Hoffnung auf eine Gewinnung Deutsch-Oesterreichs nicht trennen konnte und deshalb von dem Erbkaiser nichts wisien wollte, für den er doch nachher so überzeugend sprach. Aus Rechtsgefühl war er Demokrat, insofern es diesem Gefühl widersprach, die Ansprüche Aller auf gleiche Theilnahme am Staatsleben schlechthin durch die kalten Erwägungen politischer Berechnung zurückzuweisen und eine Grenze zu ziehen zwischen Berechtigten und Rechtlosen. Von diesem Standpunkte aus sprach er im Vorparlament mit Wärme für das unbeschränkte Wahlrecht. — Auf der andern Seite aber konnte sein Verstand und sein ernster Drang nach einer festen, vernünftigen Staatsordnung sich den Bedenken und Erfahrungen nicht verschließen, welche gegen die unbeschränkte Ausübung eines so wichtigen Rechts zu sprechen schienen. Wer Rießers ganzes Wesen, wer namentlich seine Stinnnung und Anschauung der Verhältnisse in der letzten, schweren Zeit der Frankfurter National-Versainnilung genau kennen lernen will, dem empfehle ich zur Lektüre den ausführlichen, mit seiner gewohnten Meisterschaft geschriebenen „Rechenschaftsbericht" meines vortrefflichen Freundes, womit derselbe seinen Wählern seinen Austritt aus der National-Versammlung ankündigte. <?.. - m iimmnimw MMMw w ~....E ' »%!<■ m I I FEUILLETON ü n Ä! Bi LMUfMIlUII IffllUÜI"»1 — f H —1 MM 1m Mer Iudenzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) XVIII. /X^uälender Alpdruck bedrängte den erregten Jüngling auch im Schlafe. — Sollte es wahr sein? fragte er sich. Sollte außer dem leeren Wortschwall, dem Scheinglanz undBetrug nicht mehr vor Händen sein? Also nichts ist Wahrheit, als Leben und Genießen? Sollte Alles, was da existirt, nichts anderes sein als eine Stufe an der Leiter, auf welcher der Reiche und Schlaue zu den ersehnten Höhen emporklimmt, um sich über Andere zu erheben und ruhig Steine herabzuwerfen? Und all' diese Anstrengungen des Willens und der Wissenschaft sind entweder vorüberziehende Nebel oder Winde, welche die geschickt gespannten Segel schwellen, oder stürmische