Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- Seite 464 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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$■ •i'a W 464 aber nicht ans Religion, sondern, lim ihrer selbst willen, aus Philosophie. Nun gut; aber wer soll diese Tugend behüten? Du selbst! Auch dann, wenn Niemand dich vor Gericht fordern kann? Auch dann, wenn Gut und Ehre auf dem Spiele stehen? Und wenn d ll schon dieser Tugendhafte bist, meinst du, daß die vielen Tausende Anderer, die deine Tugend vorziehen sollten, so fest an ihr hängen, ohne an Gott zu glauben? Und selbst wenn dieses der Fall sein sollte, so glaube ich noch immer nicht, daß die auf philosophischer Ueberlegung beruhende Tugend uns besser zu schützen vermöge, als die der Gottesfurcht (fir'o) entsprungene. Und weiter: glaubst du wirklich, daß der Weg zur Tugend vermittelst der Philosophie jemals der allgemeine, d. h. für alle Menschen gangbare werden wird? Und kannst du endlich als wahrer Menschenfreund einen langwierigen und — gefahrvollen Umweg — denn das ist der der Philosophie — empfehlen, wo das Ziel auf kürzerem und gefahrloserem, und selbst für Ungeübte und Kinder gangbarem Wege zu erreichen ist? Dieser kürzere und sicherere Weg aber ist unstreitig die Religion. Auch von einem andern Gesichtspunkte aus betrachtet bist du gar nicht der Menschenfreund, für den du dich ausgeben möchtest. Denn du willst den Kindern den Vater rauben, um sie als verlassene Wesen ihr Dasein Hinschleppen;t, lassen. Mit Nichten! sagst du; ich will sie blos selstständig machen. — Ja, mein Lieber, die Selbstständigkeit ist ein sehr werthvolles Gut, aber doch nur dann, wenn sie uns zugleich Glück und Zufriedenheit bringt. Aber sieh dir nur das Leben an, ob das der Fall ist. Sieh dir Tausende und Abertausende an, ob sie nicht ohne den Glauben an den himmlischen Vater verzweifeln — oder Verbrecher würden? Und wer weiß, was aus dir selber würde, wenn die Versuchung an dich heranträte? wenn das Unglück dich heimsuchte? Also glücklich kannst du die Menschen durch deine Tugend auf die Dauer nicht machen. Die Philosophie ist eine edle und nützliche Wisienschaft, die neben echter Religiosität auch sehr wohl bestehen kann, und wer sie schilt, der kennt sie nicht; aber sie kann uns doch nimmermehr die Religion ersetzen; und gar schon die Jugend dem Religionsunterrichte zu entziehen, ist Leichtsinn und Selbstüberhebung. Es giebt aber auch Leute, die denken nicht einmal „philosophisch", sondern sie denken überhaupt nicht. Das sind diejenigen Eltern, welche ihren Kindern den Religionsunterricht vorenthalten, um sie nicht zu überlasten. Du lachst, lieber Leser? Ihre Gedankenlosigkeit wäre allerdings lächerlich, wenn sie nicht gar zu traurig wäre. Ist doch eine richtige Anschauung von Zweck und Werth des Lebens und seiner Güter für den Menschen das Wichtigste; bergen doch Kenntnisse und Fertigkeiten, Geld und Gut die größten Gefahren in sich, sofern sie nicht durch einen religiösen Sinn den rechten Werth und die richtige Verwendung finden! Solche Eltern geben selbst dadurch zu erkennen, daß sie, den edleren Bedürfnissen des Menschen abgewendet, nur dem sogenannten Praktischen, dem Materiellen, nur dem nachgchen, was zum Erwerben dient und darin die Hauptaufgabe des Menschen erblicken. Beklagenswerthe und gelegentlich auch gefährliche Menschen! Noch einen dritten Feind hat der Religionsunterricht, das ist die Unwissenheit. Da hat der Eine im Hinblick auf seine bevorstehende Einsegnung (Barmizwah) in den letzten Wochen ein paar Formeln und Gebräuche gelernt — und der Israelit ist fertig! Heißt nicht Israel „Gottesstreiter"? Wie aber wird der so Zugestutzte für Gott, für seine Religion und seine Glaubensgenossen streiten? Wie wird er im Kampfe gegen die Verführungen des Lebens für sich selber streiten? — Nein, ihr Eltern, ihr irret, wenn ihr mit einer solchen Zustutzung enre Pflicht gethan zu haben meint; ihr täuscht euch, wenn ihr erwartet, daß euer Kind Liebe und Verehrung für eine Religion haben wird, die es gar nicht näher kennen gelernt hat, die ihm höchstens äußerlich bekannt ist. Wer so wenig vom Judenthum weiß, wird seine Kinder schwerlich dereinst inlden Religionsunterricht schicken. Ein Anderer hat mehr gelernt; er weiß in seinem Gebetbuche vortrefflich Bescheid, kennt jeden Fest- und Fasttag mit Allem, was dazu gehört, kennt alle übrigen Gebräuche und Gepflogenheiten, er wird allem Anschein nach ein guter, frommer Israelit. — Nun wächst er heran, seine Bildung wird umfangreicher und tiefer, seine Beziehungen zur Umgebung werden mannigfaltiger, seine Anschauungen weiter und freier, das Nachdenken, Vergleichen und Prüfen beginnt, der unvermeidliche Zweifel stellt sich auch bei ihm ein. Nun wehe seinem „Judenthum", namentlich sobald er keine „Rücksichten" zu nehmen hat; wehe den Sabbath- und Festtagen mit ihren vielfach so kleinlichen und übertriebenen Beschränkungen, den so Vielen wichtig sein sollenden und doch so sichtbar nutzlosen Geboten und Verboten, welche den „unerläßlichen" Gebeten mit ihrer ermüdenden aber vorschriftsmäßigen Länge, zu denen er sich nicht mehr wie ehedem gleichwie zu einer Schulaufgabe zwingen kann und mag — er wird Alles über Bord werfen, er wird das Kind mit dem Bade ausschütten und mit überlegener Verachtung auf die „Dummheiten und Hanswurstereien" herabsehen. Seine Kinder aber sollen mit dem Zeug nicht mehr behelligt werden. Wer trägt hier die Schuld an dem Abfall? Wieder die Unwissenheit, trotz scheinbarer Kenntniß des Judenthums. Wäre er aber im wahren Judenthum erzogen worden, in dem Geiste unserer heiligen Propheten, hätte man Nebensächliches von Wichtigem in verständiger Weise geschieden, so würde das Erlernte für ihn bei zunehmender Reife und wachsender Erkenntniß wohl ein anderes Aussehen bekommen haben, sonst aber um so beherzigenswerther erschienen sein; ihm wäre klar geworden, daß in unserer Religion überall der Geist, die zu Grunde liegende Idee den Ausschlag giebt und nicht der Buchstabe^ daß das echte Judenthum weder der uns von Gott gegebenen Vernunft widerspricht, noch das moderne Bewußtsein knechtet; daß es uns gestattet, unsere Anschauungen, wie unser ganzes Leben heiter und frei zu gestatten; denn es ist keine Religion für Knechte, sondern für freie Männer. Faffen wir das bisher Gesagte zusammen, so haben wir als die Feinde des Religionsunterrichtes die Selbstüberhebung, die Gedankenlosigkeit und die Unwissenheit zu bezeichnen! Und indem ich zeigte, welche Gefahren diese in sich bergen, habe ich zugleich auch die Beweise für die Wichtigkeit dieses Uirterrichtes gegeben. Es bleibt mir noch ein Wort von denen zu sagen, die dem Judenthum anhangen und ihre Kinder auch gern darin unterrichten lassen möchten, aber mit dem, was vielfach als Religionsunterricht gilt, und mit der Art, wie er ertheilt wird, unzufrieden sind — eine dringende Mahnung an die Gemeinden, die Mühe und Kosten nicht zu scheuen und einen zeitgeniäßen, das heißt den Anforderungen und Empfindungen gebildeter Israeliten entsprechenden Religionsunterricht einzurichten. Denn es unterliegt doch keinem Zweifel, daß die Bedürfniffe eines gedrückten und verachteten, dem wirklichen Leben gezwungenermaßen abgewendeten Volkes andere sind und sich anders äußer», als heutzutage, wo wir wieder im Leben stehen und an Staat, Wissenschaft und Kunst theilnehmen. Sollten wir aus falscher (ich möchte beinahe sagen: gewissenloser) Scheu den Abfall noch größer werden lasten? Es ist dringend noth, daß wir an die gute alte Zeit des echten und edlen Judenthnms anknüpfen. Hoffentlich tragen hierzu an ihrem Theile die Litteraturvereine bei, die jetzt allerorten, zahlreich wie die Blumen im Frühling, emporblühen!