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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-28 · Heft 39 (28.9.1894) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 39 (28.9.1894)
Date
1894-09-28
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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463 gereist, und habe ich sie pünktlich befolgt. Ich ließ sie sich streiten und zanken um Nebensachen, nahm aber in den Hauptsachen so entschieden das Wort und mit solcher Krast, daß ich als Redner die erste Stelle in der Versammlung eingenommen und mir eine fast überwiegende Stellung erobert habe. Ich sprach namentlich zweimal: über die objektive Nothwendigkeit der hebräischen Sprache, und über die Entwickelung des israelitischen Kultus. Ich bin in zwei Kommissionen bereits gewählt, und trete bestimmt noch in zwei ein. Die Fakultätssache bringe ich morgen in der Schlußsitzung zu Stande, und werde ausführlich darüber sprechen. Die Versammlung hat diesmal einen wesenhaften Charakter angenommen. Sie ist entschieden reformistisch, und mit ihr beginnt jedenfalls eine neue Epoche. Ich habe allerdings einen konservativ-reformistischen Standpunkt eingenommen, um die Versammlung vor dem Nihilismus zu wahren. Kurzum, die Versammlung war eine würdige, und mein Antheil an ihr ebenfalls meiner und ihrer würdig. Nach außen habe ich viel Anerkennung gefunden. Ich hoffe, bald mündlich Dir Alles ausführlich erzählen zu können. Daß mir Gott keine ungetrübte Zeit durch die Ereignisse in der Heimath geschenkt hat, weißt Du. Man muß Alles aus seiner Hand annehmen. Darum aber werde ich direkt von hier nach Haufe kommen und alle Reisepläne nach Straßburg und Basel aufgeben. Jeder, der die Geschichte der Frankfurter Rabbinerversammlunq kennt, weiß, daß Ph. in diesem vertrauten Brief an den geliebten Bruder auch nicht ein Wort zu viel, |a vielleicht eher zu wenig über seineil Antheil an den Verhandlungen und über seine Verdienste um den Erfolg derselben gesagt hat. Weitere Mittheilungen aus der Briefmappe Ludwig Philippsons, die von seinem Antheil an den Ereignissen des Jahres 1848, von feiner Thätigkeit für die Jllden in Rußland und für andere Angelegenheiten handeln, werden in einem weiteren Artikel folgen. Pädagogische Plaudereien. Bon $r. B. Kuttner in Frankfurt a. M. 4. Die Religion. f ch habe bisher gezeigt, wie wir unsere Kinder zur Arbeit und Genügsamkeit zu erziehen haben, weil diese beiden den besten Schutz bieten gegen den verderblichen Schaden unserer Zeit, gegen den Materialismus, der um jeden Preis genießen will. Aber Fleiß und Genügsamkeit gedeihen am besten im Sonnenlichte der Religion, die ihnen erst die höhere Weihe und die tiefere Begründung giebt. Ich weiß, daß mancher Leser hierbei ungläubig sein Haupt schüttelt, weil er das nicht glaubt oder gar etwas Besseres zu wissen meint. Nun denn, so wollen wir einmal näherzusehen; und da die Sache doch von der größten Wichtigkeit ist, so muß ich wohl schon ein ganz klein wenig tiefer ausholen. Nach unserer Religion ist der Mensch im Ebenbilde Gottes geschaffen, d. h. er hat eine göttliche Seele, der „Odem des Allmächtigen macht ihn verständig" (Hiob 32, 8), legt ihm die Schöpfung zu> Füßen und giebt ihm die Herrschaft auf Erden; vergl. den herrlichen Psalm 8, 4—10. Diesen Geist nimmt Gott dereinst wieder in sich auf. „Und es kehrt der Staub zurück zur Erde, wie er war, und der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben" (Kohel. 12, 7). Ja, der Mensch ist zur Unsterblichkeit berufen und soll sich hienieden auf seinen Hintritt vor Gott vorbereiten. „Der Schlußsatz enthält alles: Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn das ist die ganze Aufgabe des Menschen. Denn Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, jede verborgene Thal, sei sie gut oder böse." (Kohel. 12, 13. 15.) So ist einerseits der gläubige Israelit kein verlassenes, vom blinden Ungefähr in dieses Jammerthal geschleudertes Wesen, sondern hat einen Vater im Himmel. „Kinder seid ihr des Ewigen, eures Gottes" (5. B. Mos. 14, 1). Dieser Vater ist gütig und die Beschwerden dieses Lebens werden mit seiner Hilfe überwunden. „Gepriesen sei der Herr täglich! Gott legt uns Lasten auf, aber er hilft uns auch" (Ps. 68, 20). Und Leiden und Trübsal können aus demselben Grunde nichts wirlich Böses sein; sie sollen uns nur vor Uebermuth bewahren, uns zur Einkehr in uns veranlassen, uns also erziehen und läutern, aber nicht unser Dasein verbittern. „So erkenne denn in deinem Herzen, daß der Ewige, dein Gott, dich zurechtweist, wie ein Mann seinen Sohn zmrechtweist" (5. B. M. 8,5). Darum heißt es auch Spr. Sal. 3, 11: „Die Zucht des Herrn, mein Sohn, verachte nicht, und seine Strafe verdrieße dich nicht. Denn der Herr straft, wen er liebet, und wie ein Vater den Sohn, dem er wohl will." Daher das bekannte Wort unserer Vorfahren bei irgendwelchen Wiederwärtigkeiten des Lebens: „Garn su letowu! Auch das zum Heile." Und andrerseits! Glauben wir an Gott und die höhere Bestimmung des Menschen, so können wir in dem Irdischen allein keine volle Befriedigung finden; die irdischen Güter können uns nur als Mittel, niemals als Zweck erscheinen. Wir werden sie daher wohl zu erwerben suchen, aber uns von ihnen nicht beherrschen laffen; wir werden von Genußsucht und Habgier, wie von jeglichem Unrecht gleich weit entfernt bleiben. Aber auch der Besitz dieser Güter wird uns nicht stolz und übermüthig machen, denn sie sind nur geliehen (vergl. 1. Chron. 29, 14); er kann uns also diejenige Demuth nicht rauben, die sich im Danke gegen Gott, wie in der Liebe und Gerechtigkeit gegen Mitmenschen äußert (Micha 6, 8). Und so schafft dieser Glaube mit der Demuth und Bescheidenheit das höchste Glück auf Erden: die Zufriedenheit. Ebenso erhaben, wie treffend ist daher das Wort des Propheten Habakuk (2, 4): „Siehe, wer vermessen ist, hat keine Ruhe in seiner Seele; aber der Fromme lebt in seinem Glauben." Es kann nicht die Absicht sein, noch zu zeigen, wie sich auf den hier gegebenen Grundzügen unserer Religion die gesammte Pflichtenlehre aufbaut. Aber so viel ist deutlich: Der Glaube an Gott und seine Vatergüte bewahrt uns vor der Trostlosigkeit des sogenannten Pessimismus und läßt uns im Unglück nicht unterliegen; und der Glaube an Gott und die höhere Bestimmung des Menschen reißt uns zurück von den Abgründen, in die die grobsinnlichen und nur auf das Irdische gerichteten Irrlehren des Materialismus uns stürzen müffen. Gewährt nun die Religion dem Leben höheren Werth und höhere Weihe, so muß es um so unbegreiflicher erscheinen, daß so manche Israeliten, unb namentlich auch solche, die sich zu den Gebildeten zählen, von der Wichtigkeit des Religionsunterrichtes so wenig durchdrungen find. Da meinen manche: der Glaube bringe allerdings herrliche Früchte, aber ihnen fehle eben der Glaube. Ja, lieber Freund, wenn dir der Glaube fehlt, soll er darum auch deinen Kindern fehlen? Wenn du keinen Gott hast, sollen auch deine Kinder keinen haben? — Bist du denn so sicher, daß das, was du glaubst, der Wahrheit entspricht? Ueberlege es dir wohl, ehe du deine Kinder gleichgiltig oder gar ablehnend gegen die Religion machst. Und denkst du dich wirklich glücklicher, wenn du dir selbst überlasten und verlassen durchs Leben gehst, als wenn du das Bewußtsein hast, einen allmächtigen Vater und eine ewige Heimath zu besitzen? Doch laffen wir die Unsterblichkeit einmal bei Seite. Die Tugend hältst sicherlich auch du für unerläßlich und übst sie — z I § i % J

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