Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- Seite 462 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ppl y p. i HR 462 ganz lauteren Wettbewerb. Hier lag die bewegende Kraft der „antisemitischen Sturzwelle", die in unserem Zeitalter nicht, wie früher so oft, von den unteren Volksklassen ausging, noch auch von der Aristokratie, auch nicht vom Handelsstande, sonder» leider gerade von „akademisch gebildeten" Leuten hervorgerufen und gefördert wurde. Doch es soll hier nicht etwa ein neues unfehlbares Heilmittel gegen den Antisemitismus empfohlen werden; Heilmittel, die meistens verzweifelte Aehnlichkeit mit dem Rathschlage haben, nach welchem man Zahnschnicrzen am gründlichsten kurirt, indem man den ganzen Kopf abschneidet. Wir wollen vielmehr auf ein Arbeitsfeld aufmerksam machen, das von den Juden trotz allen wissenschaftlichen Eifers noch nicht genug beackert worden ist. Es wird oft gestritten, ob es noch eine jüdische W issenschaft geben dürfe oder nicht. Die Vertreter der älteren Richtung schwören auf die Vorzüglichkeit der Jeschibah's und Talmudschulen; die Neueren — die darum noch keine stürmischen Neuerer zu sein brauchen — bestreiten überhaupt, daß es eine „jüdische Wiffenschaft" gebe; sie wollen höchstens eine „Wissenschaft des Judenthums" gelten lassen, ohne deren Grenzen und Aufgaben genauer zu umschreiben. Für eine bestimmte Disziplin ist aber bisher viel zu wenig geschehen — obgleich die Alten wie die Neuen an ihr gleiches Interesse haben müßten — sei es, daß man sie als einen Zweig der jüdischen Wiffenschaft oder als einen Zweig der Wissenschaft überhaupt auffaßt: Es ist die Volkskunde der Juden. Allerdings ist dies darum zu entschuldigen, weil die Volkskunde überhaupt erst eine junge Wiffenschaft ist. Praktischer Nutzen, wie sie etwa die Nationalökonomie oder die Chemie darbietet, ist darum für die nächste Zeit aus ihr direkt nicht zu ziehen. Sie sammelt und sichtet noch ihr gewaltiges Material; sie ist eine Wiffenschaft der Zukunft. Aber schon jetzt hat sie Wirkungen, die für unsere von sozialen Kämpfen durchwühlte Zeit von erheblicher Tragweite sind. Sie gewöhnt die Mitglieder der oberen Klaffen, sich liebevoll mit den Anschauungen der unteren Schichten zu beschäftigen. Sie lehrt die richtige Erkenntniß deffen, wie das Volk — d. h. die große Menge, zu der in Wahrheit auch die Gebildeten gehören — denkt und fühlt, wie es sich immerfort verändert und doch ewig daffelbe bleibt. Hierdurch schärft sie den Blick für die Bedürfnisse der menschlichen Gemeinwesen lind weist richtige Wege für Hebung des Gemeinwohls. Innerhalb der allgemeinen Volkskunde ist aber gerade die Volkskunde der Juden von besonderer Wichtigkeit. Wir sehen hier eine ganz eigenthümliche Verbindung orientalischer und europäischer Anschauungen, ein immer erneutes Zurückgreifen des Volksgeistes auf eine reiche und eifrig gepflegte Litteratur, endlich die stete Wechselwirkung der in den verschiedensten Ländern angesiedelten Gemeinden auf einander. Hier dürfte die Auflösung manches Räthsels zu erhoffen sein. Welche dankbaren Aufgaben für jüngere Gelehrte! Man steht augenblicklich im Begriff, eine Stiftung ins Leben zu rufen zu Ehren eines Mannes, der sein Judenthum nie verleugnet und großen wiffenschaftlichen Ruf erlangt hat — ein leider nicht allzu häufiges Beispiel in uuserer Zeit. Hoffentlich werden die Mittel reichlich fließen, damit in der Zukunft mit dieser Stiftung große und gediegene wissenschaftliche Ziele ins Auge gefaßt werden können. Die Stiftung, die nach Moritz Lazarus, der mit seinem Schwager und Freund H. Steinthal der Mitbegründer der Völkerpsychologie gewesen ist, benannt wird, sollte so eingerichtet werden, daß mit ihrer Hilfe in erster Linie die auf die Volkskunde der Juden bezüglichen völkerpsychologischen Probleme ihrer Lösung nahe gebracht werden können. Ungedruckte Briefe von Ludwig Phiiippson. i. ir dürfen wohl der Zustimmung aller Leser sicher sein, wenn wir aus dem Nachlaß des unvergessenen und unvergeßlichen Begründers dieses Blattes einige iuteressaute Briefe, die uns durch die Güte der Familie überlassen wurden, und die auf verschiedene Zeitereignisse interessante Streiflichter werfen, hier veröffentlichen. Dieselben sind <m den Bruder, Dr. Phöbus Philippsoll, den Verfasser des Romalls „Der uitbcfamite Rabbi" und anderer Schriften, gerichtet. Der erste betrifft die Gründung der „Allgelll. Zeitung des Judenthums" mrd ist vonl 4. März 1837 datirt. Philippsoll schreibt in diesem Briefe: Etwas Wichtiges habe ich Dir zu melden. Ich habe den Plan gefaßt, eine „Allgemeine Zeitung für das Judenthum, in religiöser, politischer, literar., linguist. u. histor. Beziehung, Organ u. Centralblatt des Judenthums",herauszugeben. Ich lasse Dir von Julius etwas spezieller den Plan abschreiben. Ich habe das Ding energisch angegriffen, u. schon von zwei Buchhändlern bejahende Antwort. Ich werde mich darüber mit Baumgärtner in Leipzig einigen. Vielleicht reise ich Ende dieser Woche auf einen Tag nach Leipzig. Wie gern hätte ich Deinen Rath hierbei benutzt! Allein die leidige Entfernung u. dann ist Alles sehr rasch gegangen. Vorläufig ist bestimmt, daß die Zeitg. in gr. 4 wöchentlich zweimal erscheinen soll. Deine Herkunft zu Purim ist mir deshalb doppelt lieb, da sich Vieles dann besprechen läßt. Du mußt wacker mit arbeiten. Ich habe diese Tage auch von Cotta in Stuttgart den Antrag bekommen, von Zeit zu Zeit summarische Berichte über den Stand jüd. Angelegenheiten für die „Allgemeine Zeitung" einzusenden, gewiß ein höchst wichtiger Antrag Wie sehr mich dies Alles in Anspruch nimmt, und ich ganz davon besessen bin, kannst Du Dir denken. Auch in der Universal-Kirchenzeitg. ist meiner mehrere Male höchst ehrenvoll gedacht worden, jedoch habe ich noch Nichts geliefert, weil ich meine Borräthe wohl genugsam jetzt für mich brauchen werde. In deni zweitell Briefe macht Philippson feinem Bruder zuerst Mitteilung voll dem Plan des großen Bibelwerkes. Er ist vom 14. Februar 1838 datirt und erzählt von den Verhandlungen mit dem Verleger in Leipzig. Danil heißt es: 3. Hat er mir den Plan zu einem großen Werke gegeben, wozu er außerordentlich schöne Kupferstiche (ca. 600in England an sich gekauft, und das in einer Uebersetzung der Bibel mit einem fortlaufenden Kommentar besonders geogr., Physik., histor. u homiletisch bestehen soll. Es wird ein großes Werk. Es ist freilich noch Alles rohe Idee. Ich habe nun den Vorschlag gegeben, auch den hebr. Text hinzuzufügen, weil es nur dann erst bei allen Juden Eingang finden wird. Es würde mir sehr lieb sein, wenn in ungefähr drei Wochen Du auf einen Tag wenigstens herkämest, um das Ganze durchzusprechen. Aber erst dann, weil ich erst noch viele Materialien herbeischaffen will, um es gehörig beurtheilen zu können. Ich habe die Idee, hier etwas Klassisches, noch nicht Vorhandenes zu schaffen. Ich wollte. Du könntest einmal die Blätter sehen; ich habe sie hier. Es ist etwas erstaunliches, theils topographisch nach Laborde, Las Casas rc., theils histor. nach Raphael, Rubens, West, Le Sueur, Guido Reni, Caracci, Spagnaleto ff Die Tafeln kosten ihm ca. 1000 Pfd. Sterl Er wird sie später auch für ein bibl. Reallexikon benutzen. Der dritte Brief erzählt von dem Antheil Ludwig Philippsons an derFrankfurter Rabbilierversammlulig. Er ist vom 22. Juli 1845 datirt- Theuerster Bruder! Ich lebe der Ueberzeugung, daß meine th. Mathilde Dir aus meinen Briefen nach Hause das Meiste mitgetheilt hat, und wenn ich daher nicht direkt an Dich geschrieben, so wirst Du es verzeihen und mit der großen Ueberbürdung von Arbeit hier entschuldigen. Dennoch will ich, bevor ich Frankfurt verlasse, einige Zeilen unmittelbar an Dich richten, schon um Dir meinen innigen Dank für Dein Schreiben hierher zu sagen. Der Inhalt desselben entsprach ganz den Vorsätzen, mit denen ich hierher