Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228080--51141-3273989- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
459 anstaltung statistischer Enquete» zur Ermittelung des religiösen Bildnngsstandes, die Erzielung einer allgemeinen Theilnahme der Schulpflichtigen am jüdischen Religionsunterricht durch Mitwirkung der Gründung von Zweckverbänden und an der Anstellung von Wanderlehrern in Zweiggemeinden, aber auch die sozialen Forderungen, denen wir gerecht werden wollen, weil sie eine praktische Selbsthilfe bezwecken, welche andere Stände und Konfessionen gleichfalls erstreben. Eine Centralisafion des Stellennachweises, eine bei der Unsicherheit unserer Anstellungsverhältnisse dringend nothwendige, wenn auch nur freiwillige Versicherung gegen die häufig unverschuldete Stellenlosigkeit, die Unterbringung Kurbedürftiger in den jüdischen Knrhospitälern, wie sie der Einzelne unter der Fülle der Mitbewerber nur selten und schwer im Glücksfalle hoher Protektion erreichen und nur durch den festen Rückhalt an einem großen und mächtigen Verbände garantirt erhalten kann, die Begründung eines jüdischen Lehrerheims für unsere Invaliden. Die Linderung der Noth auf idealem und materiellem Gebiete, tote sie durch die sozialen Verhältnisse, durch den leidigen Zug nach der Großstadt, durch die Verkrüppelung der kleinen Gemeinden hervorgetreten ist, das kann ein kleiner Provinzialverein mit seinen bescheidenen Mitteln nicht unternehmen. Hier wollen wir helfend eingreifen. Das ist eine gebieterische Pflicht der gesammten deutschisraelitischen Lehrerschaft, mit vereinten Kräften gelingt sehr viel. In den pädagogischen Fragen, welche die einzelnen Vereine selbst angehe», welche sie selbst in die Hand nehmen und lösen können, wollen wir mit ihnen Hand in Hand gehen, vielleicht gar uns vereinigen, und hierzu haben wir die Hand geboten durch Einrichtung der vierteljährigen, Bezirkstage von denen wir wünschen, daß sie ein Sammelpunkt der israelitische» Lehrerschaft des ganzen Bezirks werden unter Führung ihrer bisherigen erprobten Vorsteher, deren Eintritt in unser Präsidium uns sehr willkommen ist. 2. Nicht im Gegensatz zur Achawa, sondern im Verein mit ihr wollen wir arbeiten an der Hebung und Kräftigung unseres Lehrerstandes. Wie wir die bisherigen segensreichen Bemühungen der Achawa und der Provinzialvereine auf dem Gebiete des Pensionskaffenwesens anerkennen, beweist, daß wir diesen Punkt ihnen überlassen und nicht in unser Programin ausgenommen haben. Diese Kassen zu fördern, soll uns eine angenehme Aufgabe sein, vielleicht dadurch, daß wir unfern Mitgliedern die Möglichkeit gewähren, sich bei der Achawa oder ihrer Provinzialhilfskafle zu versichern. Dagegen wird es unsere Sorge sein, für die durch die statutarischen Bestimmungen dieser Kassen ausgeschlossenen Alters- und Beamtenklassen auf andere Weise, vor Allem durch Begründung eines oder mehrerer Lehrerheime einzutreten. Schon ist es uns auch gelungen,, nach der Richtung der Fürsorge für die Familie und Hinterbliebenen der Lehrer wichtige Schritte zu thun. 3. Nicht im Gegensatz zu der Idee eines allgemeinen Deutsch-Israelitischen Lehrerbundes, sondern für Verwirklichung derselben haben wir uns vereinigt, wie wir von vornherein diesen Gedanken freudig begrüßt, und, wie unsere Protokolle erweisen, auch gegenseitige Erwiederung gefunden haben. Wenn in der That alle jüdischen Lehrervereine in Deutschland sich zu einem Allgemeinen Lehrerbund vereinen, dann werden wir auch unsere Mitwirkung nicht versagen. Aber bis jetzt ist davon noch nicht die Rede. Der hessische Provinzialverein hat seinen Eintritt in den Blind ganz direkt abgelehnt, andere Vereine nehmen eine abwartende Stellung ein. Aber selbst im Falle des Zusammenschlusses aller Vereine zu eine m Bunde würde dieser Bund niemals Anspruch erheben können, eine gesummte Vertretung der jüdischen Lehrerschaft Deutschlands zu sein und zu heißen. Große deutsche Bezirke haben gar keine Vereinigung jüdischer Lehrer, so Brandenburg, Mecklenburg, Oldenburg, Schleswig-Holstein, Elsaß-Lothringen; so große Gemeinden, wie Berlin, Hamburg, Altona, Frankfurt a. M., würden wie ausgeschlossen sein vom Bunde. Ja selbst diejenigen Vereine, welche in den Bund eiutreten würden, vertreten nicht einnial durchgängig die Gesammtheit oder auch nur die Mehrheit der Lehrer ihrer Bezirke; beispielsweise fehlen dem „Verein israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen" von über 300 Lehrern beider Provinzen über 200 Lehrer, unter den fehlenden sind aber ca. 40 Rabbiner. Nun soll der Bund sich nur aus den einzelnen Vereinen zusammensctzen, die Mitgliedschaft einzelner Lehrer ist ausgeschlossen, eine Aufnahme derselben als stimmberechtigte Mitglieder ist auch durch die geplante Organisation unmöglich. Die Lehrer also, welche dem jüdischen Lehrerverein ihres Bezirks nicht angehören, ferner diejenigen Lehrer, welche einem Vereine gehören, der dem Bund nicht beitritt, endlich diejenigen Lehrer, welche in einem Bezirke wohnen, der keinen jüdischen Lehrerverein besitzt, sind sammt und sonders vom Bunde ausgeschlossen. Wir können dies nicht scharf genug betonen, weil dieser Punkt bisher nicht klar genug erkannt worden ist und zu dem Mißverständniß Anlaß gegeben hat, daß wir mit dem Bunde konkurriren könnten. Der Bund will nur die Vereine vereinen, er wird also nur einen Bund von einigen jüdischen Lehrervereinen darstellen, niemals einen Lehrerbund. Wir wollen die Leh.rer vereinen, nicht blos die Elementarlehrer, alle Lehrer, die überhaupt das Recht zur Ertheilung des Religionsunterrichts besitzen (Rabbiner, Lehrer, Kultusbeamte). Die Erweiterung des Verbandes auf die geringe Zahl jüdischer Lehrer, welche sich nicht im Besitze dieses Rechts befinden, kann nur eine Frage der Zeit sei». Dies ist der große Unterschied der Organisation. Dieser Unterschied ist aber von einer schwerwiegenden prinzipiellen Bedeutung. So große Sympathien wir auch der Idee eines solchen Bundes entgegenbringen, und so sehr wir auch an der Verwirklichung derselben Mitarbeiten wollen, so sehr sind wir doch auch von der Ueberzengung durchdrungen, daß der Bund an dieser Abhängigkeit von den Einzelvereinen stets kranken wird. Kein Verein wird seine Unabhängigkeit aufgeben wollen gegenüber von Beschlüssen, die sich mit den partikularen Zuständen seines Bezirks nicht vertragen. Wir haben eben in Deutschland eine Verschiedenartigkeit des jüdischen Schulwesens, noch bunter wie die Landkarte, weil nicht einmal ein Land, wie Preußen, ein einheitliches jüdisches Schulsystem bildet. Daran aber werden alle Versuche des Bundes kläglich scheitern. Die Delegirten, die sich in steter Abhängigkeit von ihrem Verein befinden, werden nicht selten genug durch Mangel an Instruktionen die alle zwei Jahre nur stattfindendc Delegirtenversammlung zu einer Konferenz gestalten, welche nur eine jüdische Auflage des seligen Bundestages abgeben dürfte. Auch die in Anssicht genommenen Lehrerversammlungen können ein Korrektiv dazu nicht bilden, da ihre Einberufung in das Belieben der Vereine und Delegirten gesetzt ist und ihre Beschlüsse einen bestimmenden Einfluß nicht besitzen. Das sind schwerwiegende sachliche Bedenken, denen gegenüber wir uns nicht verhehlen konnten, daß die Aufgaben, deren Lösung uns Herzenssache ist, doch uns Allen zu heilig sind, als daß wir es wagen dursten, sie einem derartigen Experimente auszusetzen, das, seit länger als einem Jahrzehnt versucht, noch nicht zn einem Resultate geführt hat. Dazu kommt, daß keiner unserer Wünsche auf dem Programm des Bundes steht. Der Schutz der jüdischen Schule ist eine so allgemeine, selbstverständliche Forderung, daß sie auch unausgesprochen jede jüdische Lehrervereinigung erfüllen muß. Der einzige konkrete Programmpnnkt de? Bundes, die Regulirung des Pensionswesens, ist so sehr von dem guten Willen einer ganzen Reihe von Provinzial-Kaffen abhängig.