Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-09-28 · Heft 39 (28.9.1894) · p. Seite 458

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 39 (28.9.1894)
Date
1894-09-28
Page
Seite 458 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228080--51140-3273988
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

gelegt haben, daß wir aber ohne Zagen weiter in die Zukunft Hineinschreiten müssen, im Vertrauen ans den Lenker unserer Geschicke und erfüllt von dem Glauben an die Sendung Israels, deren Sieg die letzten Töne des Schofars uns mit Hellem Jubel verkünden. O. mögen die heiligen Erinnerungen an die zahlreichen Großthaten und Akeda's unserer Väter uns in diesen Festtagen begeistern und erheben, daß wir all den Versuchungen des Lebens, die uns auch in diesem Jahr bevorstehen, fest und stark gegenübertreten. Daun wird auch uns der Herr zurufen: „Ich schwöre es bei meiner Ewigkeit, da du fromm dich gezeigt und ausgeharret hast bis zum Ende, da du meiner Stimme stets gehorchtest, so will ich dich und deine Nachkommen segnen zum ewigen Lohne deiner ewigen Treue!" Pit Woche. Berlin, 26. September. ^uch die nntionalliberale Partei hält die Zeit für gekommen, um gegen ben Antisemitismus Front zu machen. Zur Vorbereitung für den zum 30. September nach Frankfurt a. Main einberufenen Delegirtentag der nationalliberalen Partei bringen die Mittheilungen für die Vertrauensmänner der nationalliberalen Partei einen Artikel, worin es heißt: „Wir sehen, wie sich der Antisemitismus zu mausern sucht, um als Mittelstandspartei breiteren Spielraum und größeren Einfluß zu gewinnen; aber wir sehen auch deutlich die Grenzen seiner Ausdehnungsfähigkeit. Er hat für sich das Privilegium beansprucht, sei es mit tönenden Schlagworten sich zu behelfen, oder das vollendet Widersinnige zu reden. Wo im Volke die Neigung aufhört, ihn damit passiven zu lassen, ist auch seine werbende Kraft am Ende. Wohlan, von dort ab muß die Demagogie eingedämmt werden." * Ein hiesiger Berichterstatter politischer Blätter meldet, daß die königliche Militär-Konservenfabrik zu Spandau bei der Polizei die Erlaubniß nachgesucht hat, die jüdische Schächtmethode anzuwenden. Die polizeiliche Genehmigung ist nöthig, weil die Tödtung der Thiere durch Halsschnitt ohne vorherige Betäubung in dem Spandauer Schlachthof nur für das jüdische rituelle Schächten gestattet ist. In der Militär-Konservenfabrik zu Mainz werden aus denselben Gründen, die in Spandau für die Neuerung maßgebend sind, nämlich aus Rücksicht auf die bessere Konservirung und Gesundheit des Fleisches, schon seither sümmtliche Thiere geschächtet. — Was werden die Antisemiten zu diesem Greuel sagen, auch diejenigen Antisemiten, die die Maske von Thierschutzvereinlern tragen? * Antisemitische Blätter brachten in letzter Zeit übereinstimmend folgende Notiz: „Ein antiliberaler Gemeinderath erhielt von befreundeter Seite ein Schreiben übermittelt, demzufolge am 13. Juli in Chronow in Galizien ein siebenjähriges Christenmädchen von Juden in einer geradezu bestialischen Weise ermordet worden sein soll. Die Kunde von der Ermordung des Kindes verbreitete sich rasch im Orte und hatte zur Folge, daß die auf das Aeußerste erbitterte Menge, mit Sensen bewaffnet, die Häuser der Juden stürmen wollte. Die gerichtlichen Erhebungen sind bereits eingeleitet, doch sind nähere Mittheilungen noch ausständig. Wie unserm Wiener Berichterstatter mitgetheilt wurde, sind während der letztverflossenen Jahre nicht weniger als sieben Kinder, sechs Mädchen und ein Knabe, in spurloser Weise verschwunden und konnten nicht mehr aufgefunden werden. Sonderbarer Weise ist es den Behörden bis jetzt nicht gelungen. auch nur die Spur der vermeintlichen Mörder zu entdecken,. wiewohl man in der Ortschaft ganz allgemein die Juden mit den Mordthaten in Berbindüng brachte." * Aus Lemberg giebt man mm der „Oesterr. Wochenschrift" folgenden authentischen Bescheid: „Mit voller Gewissensruhe muß es erklärt werden — und ich nehme gern die Verantwortung hierfür auf mich — daß die Mittheilung der „D. Wacht" von A bis Z erfunden ist. Es existirt in Galizien eine Ortschaft „Chronow" überhaupt nicht, noch ist es bekannt, daß in. irgend einer andern Ortschaft ein Aufruhr wegen Verschwinden eines Kindes entstanden wäre, und schließlich ist es hier vollständig unbekannt, daß im letzten Jahre sieben christliche Kinder ermordet worden wären Erweisen lassen sich aus der Luft gegriffene Thatsachen nicht, weil man ja das Zeugniß aller Gerichte und aller Gendarmerieposten in Galizien sonst anrufen müßte, aber so viel kann festgestellt werden, daß, um einen Zeitraum zu nennen, im Laufe des letzten Jahres kein einziger Fall von einem von Juden ermordeten oder geheimnißvoll verschwundenen Kinde und nichts Aehnliches in Galizien zur öffentlichen Kenntniß gelangt ist, trotzdem hier acht polnische Journale und zwei ruthenische in Lemberg und Krakau, sowie eine Menge von Provinzblättern erscheinen, von denen manche ganz antisemitisch angehaucht find und die sich die Gelegenheit, über die Juden herzufallen, nicht hätten entgehen lassen. Andererseits ist noch kein Fall in Galizien vorgekommen, welcher irgend welches öffentliche Interesse hatte und nicht publizirt worden wäre. Auf Grund dieser Umstände kann mit aller Bestimmtheit die Meldung der „D. Wacht" als erfunden jeder thatsächlichen Basis entbehrend, bezeichnet werden." * Gutunterrichtete politische Blätter bringen folgende Meldung: Wiederholt aus Petersburg eingetroffene Berichte bestätigen, daß die Stellung des Oberprokurators des heiligen Spnvds Pobedonoszew erschüttert sei und er die Gunst des Zaren eingebüßt habe. Pobedonoszew bediente sich in einem Schreiben an den Hofminister Woronzow- Daschkow unvorsichtiger Aeußerungen über den Zaren, die dieser erfuhr. Bestätigt sich diese Nachricht, so würden unsere russischen Glaubensbrüder vielleicht wieder aufathmen können. Wir wünschen ihnen dies herzlichst zum neuen Jahr! Neichsverband und Lehrerbund. Bon Dr. Louis Neustadt. Unser StandpunktIO l'aS wir bereits in unserem programmatischen Aufruf (im Juni d. I., betont haben, wiederholen wir zuerst auch an dieser Stelle: „Dieser Verband soll keineswegs in Gegensatz zu bereits bestehenden Vereinigungen anderer Art treten, vielmehr die denselben mehr oder minder fern liegenden Ziele — Keinem zu Leide — verfolgen." 1. Nicht im Gegensatz zu den Provinzialvereinen, sondern im Vereine mit ihnen. Diejenigen unter uns, die, Mitglieder derselben sind, wollen sich an den Bestrebungen derselbe» weiter gern betheiligen. Die Aufgaben, zu deren Lösung wir uns vereinigt haben, liegen theilweise außerhalb der bisherigen Thätigkeit dieser Vereine und überschreiten auch die Kräfte derselben. Wir heben von den idealen Wünschen des Programms hervor die Ver- Dieser Aufsatz des zeitigen Präsidenten des Reichsverbandes jüd Religionslehrer wird eine willkommene Ergänzung bieten zu unserm diesbezüglichen Artikel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.